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Weihnachtskrimi zum Wohlfühlen

„Unübertroffen in der gruseligen Darstellung mysteriöser Abenteuer“, sagte Dorothy L. Sayers über Farjeon.
„Unübertroffen in der gruseligen Darstellung mysteriöser Abenteuer“, sagte Dorothy L. Sayers über Farjeon.Archiv
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Das im Original 1937 erstmals erschienene Krimimärchen „Geheimnis in Weiß“ führt den Leser zurück in die goldene Ära des Kriminalromans – und ist erstmals auf Deutsch lesbar.

Weiße Weihnachten. Davon träumen auch die Menschen in dem 1937 erstmals erschienenen Kriminalroman „Geheimnis in Weiß“ von J. Jefferson Farjeon. Doch wie es nun einmal ist, hält sich die Natur nicht an Träume, sondern an ihre eigene Gesetze: „Der Schnee wuchs über die Grenzen des Lokalinteresses hinaus. Am 23. war er eine Nachricht. Am 24. war er ein Ärgernis.“ Als dann gegen Mittag ein Zug im ländlichen England steckenbleibt, beschließt ein bunt zusammengewürfelter Haufen von Reisenden, dem Wetter ein Schnippchen zu schlagen und macht sich auf die Suche nach einer anderen Zugstrecke, die alle Beteiligten doch noch pünktlich zum Zielort bringen soll.

Stattdessen geraten die Reisenden erst so richtig in ein wüstes Schneetreiben, woraufhin sie in einem verlassenen Haus Zuflucht suchen. Seltsamerweise ist dieses beheizt, im Teekessel in der Küche kocht Wasser. „Das Einzige, was fehlte, um den Empfang zu vervollkommnen, war ihr Gastgeber.“ Was also tun? Trotz Gewissensbissen einigt man sich darauf, zu bleiben, schließlich befindet man sich in einer Notlage. Dem nicht anwesenden Besitzer will man Geld zurücklassen – für all den aufgegessenen Proviant und die benutzten Handtücher und Bettlaken.

Ein unheimliches Haus. Das könnte behaglich und romantisch sein, doch dem Haus haftet etwas Unheimliches, Gruseliges an. Anstatt des Gastgebers begrüßt sie ein großes Bild an der Wand über dem Kamin: „Es war ein Ölgemälde in einem schweren Goldrahmen von einem aufrechten alten Mann, dessen Augen sie mit einem herausfordernden, zynischen Leuchten betrachtete.“

Dennoch will man Weihnachten feiern. Aber schon bald müssen der alte Mr. Maltby von der Königlich-Parapsychologischen Gesellschaft, der fiebrige Buchhalter Thomson, das Geschwisterpaar Carrington, der Nörgler Mr. Hopkins und die Revuetänzerin Jessie erkennen, dass das Fest anders verlaufen wird, als sie sich das vorgestellt haben – besonders, als plötzlich ein mysteriöser Mr. Smith (wie könnte er auch anders heißen!) auftaucht.

Der Autor hat einen weihnachtlichen Kriminalroman geschrieben, der drei Jahre nach Agatha Christies Klassiker „Mord im Orient-Express“ erschien und nun auch erstmals auf Deutsch vorliegt. Doch Farjeon kopierte Christie nicht, er verlagerte die Mordgeschichte in dieses alleinstehende unheimliche Haus. Dem Nachwort von Martin Edwards zufolge nahm der Autor das Milieu des Christie-Radiohörspiels „Drei blinde Mäuse“ sogar vorweg, das erst ein Jahrzehnt nach „Geheimnis in Weiß“ entstand und später für den Theaterklassiker „Die Mausefalle“ – der seit 1952 täglich im Londoner West End aufgeführt wird und somit das weltweit am längsten ununterbrochen aufgeführte Theaterstück ist – adaptiert wurde.

Man sollte sich jedenfalls von dem Ausruf des völlig nebensächlichen Inspektors am Buchrücken („Vier Morde an einem halben Tag! So verdient man sich seine Weihnachtsgans.“) nicht in die Irre führen lassen. Dieses Buch ist so angenehm fern all jener boomenden Body-Count-Thriller und kitschigen Regiokrimis. Es ist eine wohltuende Reise zurück in die goldene Ära des Whodunit, die vor allem von britischen Autorinnen wie der erwähnten Agatha Christie und Dorothy L. Sayers geprägt wurde. In dieser Welt galt das Verbrechen noch als aufregende Ausnahme, dessen Lösung möglichst rätselhaft zu erfolgen hatte. Es war die Zeit, bevor Raymond Chandler und Dashiell Hammett mit ihren illusionslosen Hardboiled-Kriminalromanen den Realismus in das Genre brachten und Verbrechen als etwas fast schon Alltägliches präsentierten.

Eine Art Wintermärchen. Nicht ohne Ironie stellt Farjeon am Ende eine offizielle Version der von seinen Protagonisten erlebten gegenüber. Überhaupt erzählt er auf amüsante und charmante Weise eine zeitlose Geschichte, die man fast als Wintermärchen bezeichnen könnte, gäbe es da nicht auch Tote. Mit anderen Worten: Die perfekte Lektüre für die Weihnachtstage.

Neu Erschienen

J. Jefferson Farjeon
„Geheimnis in Weiß“,
übersetzt von
Eike Schönfeld,
Klett-Cotta Verlag,
282 Seiten,
15,40 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2016)