Wie eine Vision das Gotthardmassiv besiegte

Anna (Miriam Stein) und Max (Maxim Mehmet) kommen einander bei einem Ausflug auf den Berg nahe. Leicht war diese Szene nicht zu drehen, erzählt Stein: „Ein Helikopter flog ständig durchs Bild.“
Anna (Miriam Stein) und Max (Maxim Mehmet) kommen einander bei einem Ausflug auf den Berg nahe. Leicht war diese Szene nicht zu drehen, erzählt Stein: „Ein Helikopter flog ständig durchs Bild.“(c) ORF (Zodiac Pictures/Pascal Mora)
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Der TV-Zweiteiler "Gotthard" dramatisiert den schwierigen Bau des Gotthardtunnels. Schauspielerin Miriam Stein spielt darin Anna, die "stark und mutig" ist und zwei Männer liebt. Für die Dreharbeiten lernte sie sogar Kutschefahren.

Fünfzehn Kilometer ist er lang, der Eisenbahntunnel, der die Ortschaften Göschenen im Schweizer Kanton Uri und Airolo im Tessin verbindet. Fünfzehn Kilometer mussten sich die Arbeiter von September 1872 bis Februar 1880 durch Fels und Granit schlagen, gegen Wassereinbrüche kämpfen und mit der unzureichenden Belüftung zurechtkommen. Offiziell starben dabei 199 Menschen. Sie wurden von Wagen zerquetscht, von herabfallenden Felsen erschlagen, durch Dynamit getötet oder starben an Krankheiten wie Wurmbefall, Typhus und der Lungenkrankheit Silikose. Dabei wussten sie oft gar nicht, ob das Unterfangen überhaupt gelingen würde. „Das war ein visionäres Projekt“, sagt Miriam Stein beeindruckt, sie spielt die Hautrolle in der zweiteiligen TV-Dramatisierung: Tatsächlich war Bauherr Louis Favre ein großes Risiko eingegangen, hatte einen erfahrenen Konkurrenten unterboten und konnte die architektonische Herausforderung, sich mehr als tausend Meter tief unter dem Massiv durchzugraben, nur in einem gewaltigen Kraftakt aller Beteiligten bewerkstelligen.

Favre als „wahnsinniger Visionär“

„Ich mag sehr, wie Carlos Leal Louis Favre spielt: Der Bauunternehmer ist da nicht unmenschlich, sondern kommt als wahnsinniger Visionär rüber, der nicht daran denkt, dass das, was er da tut, Menschenleben kostet“, so Stein. Und Leal sieht Favre mit dem dicken Bart und dem entschlossenen Blick zum Verwechseln ähnlich. Regisseur Urs Egger wollte die fiktive Geschichte der Fuhrmannstochter Anna (Stein), des Ingenieurs Max (Maxim Mehmet) und des italienischen Mineurs Tommaso (Pasquale Aleardi) in ein möglichst authentisches Milieu einbetten: Vieles, was hier passiert, ist so überliefert. Der Streik der Arbeiter zum Beispiel, die 1875 den Tunneleingang blockiert und einen Franken mehr Lohn pro Tag gefordert haben – eine völlig überforderte Polizeieinheit hat das Feuer eröffnet, vier Arbeiter wurden getötet. Im Film baut Drehbuchautor Stefan Dähnert bis zu diesem Moment eine sich ständig steigernde Spannung zwischen Tommaso und Max auf – die beiden stehen sinnbildlich für den Kampf zwischen Arbeitern und Auftraggebern. „Du sitzt in deinem kleinen Zimmer und rechnest und rechnest, aber wir graben den Tunnel und besiegen den Berg“, sagt Tommaso trotzig.

„Diesen Konflikt, den gibt es ja bei uns heutzutage auch“, sagt Stein: „Das ist ein aktuelles Thema. Arbeitnehmer gegen Arbeitgeber. Auch das Ausländerthema kommt vor: Man will die italienischen Gastarbeiter gar nicht haben, die die Arbeit machen. Daher ist der Film eigentlich wieder sehr aktuell.“ Regisseur Egger ist teilweise ein fast dokumentarischer Look gelungen. Stein hat das genossen: „Ich drehe oft historische Stoffe. Es ist toll, in eine Welt einzutauchen, die so anders als die heutige ist: die Kostüme, die Ausstattung, wie man gelebt hat.“ Schade findet die österreichisch-schweizerische Schauspielerin, dass sie nicht Schweizerdeutsch reden durfte: „Das ist meine zweite Muttersprache. Aber für den Film war es nicht möglich, Anna nur so sprechen zu lassen, weil es eine schweizerisch-deutsch-österreichische Koproduktion ist. Also rede ich nur Hochdeutsch mit leichtem Schweizer Akzent – so hätte Anna zu ihrer Zeit sicher nicht gesprochen.“

„Früher hat ein Kuss mehr bedeutet“

Es knistert zwischen Anna und Max. Das ist der fiktive Handlungsstrang. Aber sie heiratet Tommaso – aus rationellen Überlegungen. „Ich habe die Figur gleich mögen“, sagt Stein. „Sie ist wie ein Stehaufmännchen: sehr stark und mutig.“ Dass Anna beide Männer mag, ist für sie kein Problem: „Da weiß man ja nicht, wie das war. Ich glaube schon, dass man früher nicht so schnell mit einem Mann intim geworden ist, dass ein Kuss viel mehr bedeutet hat. Aber vielleicht stimmt das ja gar nicht.“ Sie habe Anna als „zurückhaltende, korrekte, ehrliche“ Frau zeigen wollen. „Deswegen ist es für sie so schlimm, dass sie sich zu Max hingezogen fühlt, obwohl sie mit Tommaso verheiratet ist.“

Die Dreharbeiten haben ihr Spaß gemacht. Annas Vater ist Fuhrmann: „Ich hatte immer viel Kontakt mit Pferden, auch privat. Ich finde es spannend, mit ihnen arbeiten zu dürfen – und es war toll, eine zweispännige Kutsche fahren zu lernen.“ Ganz reibungslos ging es aber nicht: „Man denkt, es ist still auf dem Berg – aber just an dem Tag, an dem wir die romantische Liebesszene zwischen Anna und Max gedreht haben, war da ein Helikopter, der Bäume vom Nebenhang abtransportiert hat. Der war sehr laut. Und wir mussten warten, weil der Helikopter ständig durchs Bild flog – und den gab es damals natürlich noch nicht.“

„Gotthard“: 19. und 21. 12., 20.15 Uhr, ORF2.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2016)

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