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Türkisches Exilmedium in Wien: Das freie Online-Portal kronos.news

Türkische Journalisten der Zeitung „Cumhuriyet“ bei einer Demonstration für Medienfreiheit in Istanbul.
Türkische Journalisten der Zeitung „Cumhuriyet“ bei einer Demonstration für Medienfreiheit in Istanbul.(c) Imago/Zuma Press
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Journalisten aus der Türkei, die in ihrer Heimat arbeitslos geworden sind oder verfolgt werden, haben in Österreich ein freies Online-Nachrichtenportal aufgebaut.

Wien. Doğan Ertuğrul kennt die Türkei Erdoğans auch deswegen sehr gut, weil er sie von innen erlebt hat. Mehrere Jahre war der Journalist für die Tageszeitung „Star“ tätig, die den Kurs des konservativ-islamischen Präsidenten, Recep Tayyip Erdoğan, unterstützt. „Ich habe gesagt, das Zeitungswesen in der Türkei geht nicht in eine richtige Richtung“, sagt Ertuğrul. Er kündigte seinen Posten als Chef vom Dienst und schrieb fortan als freiberuflicher Journalist Reportagen für die Zeitung „Zaman“, die als Sprachrohr des islamischen Predigers Fethullah Gülen gilt.

Nun ist Doğan Ertuğrul in Wien. Er hat in Österreich Asyl beantragt und wartet auf die Antwort der Behörden. Und er hat mit einem Kreis von Aktivisten einen Verein (Free Journalists) gegründet, der seit einigen Tagen eine Online-Nachrichtenseite (www.kronos.news) – zunächst in türkischer Sprache – betreibt. Eruğrul sagt, die Seite soll eine Plattform für jene (Exil-)Journalisten sein, die arbeitslos sind, verfolgt werden oder Texte schreiben wollen, die so in der Türkei kaum mehr erscheinen können. Regimekritische und unabhängige Medien verbrachten in der Türkei ein äußerst kritisches Jahr, insbesondere seit dem gescheiterten Putsch Mitte Juli hat die regierende AKP Tabula rasa in der Medienlandschaft gemacht.

Einem kürzlich veröffentlichten Bericht der US-Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zufolge sind seit der Putschnacht 140 Medien eingestellt und 29 Verlagshäuser geschlossen worden. Über 2500 Journalisten und Medienmitarbeiter sind ohne Arbeit. Seitdem er seinen Job aufgegeben hat und in Gülen-nahen Medien tätig ist, sei Jagd auf ihn gemacht worden, erzählt Ertuğrul. Für eine Reportage habe er PKK-Vertreter in den irakischen Qandil-Bergen getroffen. „Dann hieß es, ich hätte ihnen geheime Unterlagen über Polizisten und Militärs gegeben, die umgebracht werden sollten.“

Während seiner Laufbahn als Redakteur und Auslandskorrespondent hat Ertuğrul für verschiedene Medien geschrieben, neben Gülen- und Erdoğan-nahen Blättern auch in liberalen Publikationen wie „Radikal“ und der Zeitschrift „Tempo“. Auch das Wiener Onlineprojekt soll ein breites Spektrum abdecken, bisher hätten über ein Dutzend türkische Journalisten zugesagt, Beiträge liefern zu wollen. Politisch seien die Schreiber unterschiedlich angesiedelt, manche aber würden ihre Texte unter Pseudonym verfassen – aus Angst vor den Auswirkungen.

Nach deutschsprachigen Redakteuren suche man noch, sagt Ertuğrul. Die Seite will der Verein mit Spenden am Leben erhalten. Die Themen sollen die Türkei, aber auch die europäische Politik abdecken. „Wir wollen nicht der Agenda Erdoğans nachrennen. Wir wollen objektive Berichterstattung bieten.“ Als reinen Aktivismus sehen die Betreiber das Projekt daher nicht.

 

Viel zu nahe an Erdoğan

Sobald mehr Journalisten das Gefängnis verlassen können, erhofft sich Ertuğrul mehr Mitwirkung, etwa von Kollegen der kemalistischen Tageszeitung „Cumhuriyet“. Ein Teil der Unterstützer sind auch Redakteure kurdischer Publikationen sowie ehemalige „Zaman“-Mitarbeiter – und somit besonders im Visier der Erdoğan-Regierung. Der Prediger Gülen und die regierende AKP haben einander lange Jahre gegenseitig gestützt, ehe ihre Machtspiele eskalierten. Ankara macht Gülen und seine Anhänger für den blutigen Putsch verantwortlich. Die Bewegung agiert tatsächlich klandestin und undurchschaubar. Kritiker betonen, dass das friedliche und auf Toleranz beruhende Äußere der Bewegung mit den hierarchischen Strukturen und der streng islamischen Ausrichtung im Inneren kaum etwas zu tun hätte. Gülen selbst lebt seit den späten 1990ern im US-amerikanischen Exil.

„,Zaman‘ war viel zu nahe an Erdoğan. So nahe waren nicht einmal wir in der Pro-Erdoğan-Zeitung“, sagt Ertuğrul, „alles, was jetzt passiert, ist darauf zurückzuführen.“ Gülen-nahe Medien hätten nicht Journalismus betrieben, sondern unkritisch die AKP-Linie übernommen. Über die Opposition sei, wenn überhaupt, nur abfällig berichtet worden. Nach dem Bruch der beiden Pole Erdoğan und Gülen hat die „Säuberungswelle“ freilich auch Gülen-Medien wie „Zaman“ getroffen. Erst Anfang Dezember gab der deutsche Ableger die Einstellung der Zeitung bekannt, „aufgrund des steigenden Druckes auf die Leser und der finanziellen Schwierigkeiten“.

Obwohl die Regierung die Medienlandschaft ausgedünnt hat, ist kritische Berichterstattung sehr wohl zu finden. Zwangsgeschlossene Zeitungen haben bisweilen neue Publikationen gegründet, vor allem in sozialen Medien wird nicht mit Kritik an der AKP gespart. „Ich sehe aber noch schlechtere Tage auf uns zukommen“, sagt Ertuğrul mit Blick auf das Referendum zur Verfassungsänderung: Nächstes Jahr will Erdoğan die Türkei in eine Präsidialrepublik umwandeln.

Auf einen Blick

Medien. Der türkische Journalist Doğan Ertuğrul hat in Österreich Asyl beantragt. Gemeinsam mit weiteren Journalisten und Autoren haben sie den Verein Free Journalists gegründet und vor einigen Tagen die Nachrichtenseite www.kronos.news ins Leben gerufen. Vorerst erscheinen die Berichte nur in türkischer Sprache. Ertuğrul zufolge soll die Online-Nachrichtenseite eine Plattform für arbeitslose und von der türkischen Regierung verfolgte Journalisten bieten, die hier jene Texte schreiben, die sonst nicht in regierungstreuen Medien veröffentlicht würden. Die Seite soll über Spenden finanziert werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2016)