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„Des Maurers Wandeln, es gleicht dem Leben“

(c) Studien Verlag
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Literatur. In der Anthologie „Als ich König war und Maurer“ hat Heinz Sichrovsky poetische und prosaische Texte von 90 Logenbrüdern aus vier Jahrhunderten zusammengestellt. Der geheimnisvolle Männerbund erschließt sich in diesem umfangreichen Buch anschaulich und facettenreich.

Ein Abenteurer und Weltliterat erinnert sich an eine seiner Reisen durch Europa im 18. Jahrhundert: „In Lyon verschaffte ein ehrenwerter Herr mir die Huld, zur Teilnahme an dem erhabenen Krimskrams der Freimaurerei zugelassen zu werden. Ich kam als Lehrling nach Paris und wurde dort einige Monate später Geselle und Meister“, schrieb Giacomo Casanova über seinen Aufstieg in diesem Männerbund, der in der Aufklärung eine Blüte erlebte und große Geister des Saeculums anzog. Er schätzte, was Freimaurer zur Würde des Menschen beitrugen, doch analysierte er sie auch so: „. . . außer einer großen Zahl hochverdienter Männer eine Menge Lumpen, die keine Gesellschaft anerkennen dürfte, weil sie in sittlicher Beziehung der Abschaum des Menschengeschlechtes sind.“

In der Anthologie „Als ich König war und Maurer“ kommen punktuell auch Bösewichter vor, zumeist jedoch befindet man sich bei der Lektüre dieser Freimaurerdichtung, die mit dem Engländer Alexander Pope (1688–1744) beginnt und beim Grazer Wolfgang Bauer (1941–2005) endet, in bester Gesellschaft: 124 Texte von 90 Autoren aus 21 Ländern, Größen wie Voltaire, Lessing, Goethe, Heine, Puschkin, Tagore, Kipling, Martí, Stendhal, Čapek, Andrić, Twain. Dieser Salon, dem manche der Genannten allerdings nur kurz angehörten, ist weltumspannend. Er gehorcht, wie Friedrich Schiller in einem Gedicht schrieb, das die Loge „Zu den drei Schwertern“ von ihm erbeten hatte, folgendem Appell: „Seid umschlungen, Millionen!“ Ja, die Ode „An die Freude“ diente als ein Trinklied für die Weiße Tafel der Dresdener Bruderschaft eine Freundes. Schiller war nicht dabei.

Woher aber weiß man, wer den Freimaurer angehörte? Ist die Mitgliedschaft nicht so geheim wie das Konklave im Vatikan? Zur Erhellung dient ein Vorwort von Herausgeber Heinz Sichrovsky, das mit Vorurteilen aufräumt, ein kurzer Abriss seit den ersten Gründungen in England vor 300 Jahren nach dem Vorbild alter Dombauhütten. Kurz geht er auch auf Riten und den Aufbau diverser Logen ein. In protestantisch geprägten Ländern, etwa den USA, Skandinavien, Deutschland, herrscht Offenheit. Englische wie schwedische Könige waren überzeugte Freimaurer, und 15 US-Präsidenten. In katholischen Gebieten galt diese Bewegung mit ihren geschätzt 2,5 bis 5 Millionen Mitgliedern oft als progressiv bis antiklerikal, sie blieb über Jahrhunderte verboten und stand sogar unter Kirchenbann – der heute allerdings nicht mehr praktiziert wird.

 

1795 bis 1918 in Österreich verboten

In Österreich (hierzulande bestehen 70 Logen mit jeweils rund 40 Mitgliedern) gibt es noch recht viel Geheimnistuerei. Der Bund war bis zur Gründung der Ersten Republik verboten. Auch wegen solcher Repressionen bleiben Maurer wohl „in Deckung“, kein anderer darf sie der Öffentlichkeit preisgeben. Die eidesstattlich gelobte Verschwiegenheit bezieht sich auf Rituale und Erkennungszeichen sowie auf die Identität sämtlicher lebender Brüder: „Das Recht auf diese sogenannte Deckung erlischt mit dem Tod. Die eigene Mitgliedschaft darf jederzeit bekannt gemacht werden“, schreibt der Herausgeber.

So darf inzwischen jeder wissen, dass Johann Wolfgang von Goethe Freimaurer war. Er hat sich selbst dazu mehrfach literarisch geäußert. Als Mann des Geistes und der Tat beschrieb er das Wirken dieses Bundes in seinem Gedicht „Symbolum“ so: „Des Maurers Wandeln / Es gleicht dem Leben, / Und sein Bestreben, / Es gleicht dem Handeln / Der Menschen auf Erden.“ Der Text endet mit dem Vers: „Wir heißen euch hoffen.“ Das scheint kein schlechter Vorsatz selbst für die von Casanova beschriebene Loge zu sein. Zumindest für deren hochverdiente Männer.

Heinz Sichrovsky (Hrsg.): „Als ich König war und Maurer“. Eine Anthologie mit Illustrationen von Oskar Stocker. Studienverlag, 608 Seiten, 29,90 €

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2016)