Sturm der Wut fegt über Venezuela

Ärger über missglückten Geldscheinumtausch. Im Landesinneren Venezuelas wurden Geschäfte geplündert.
Ärger über missglückten Geldscheinumtausch. Im Landesinneren Venezuelas wurden Geschäfte geplündert. (c) REUTERS
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Die Regierung Venezuelas wollte alle 100-Bolivares-Scheine einziehen. Doch das Vorhaben endete in einem Fiasko. Wütende Menschen zogen plündernd durch zahlreiche Städte.

Buenos Aires/Caracas. Ciudad Bolívar sieht aus, als sei eine Naturkatastrophe über die Stadt in Venezuelas Osten hereingebrochen. Schaufensterscheiben liegen zertrümmert auf dem Boden, Mauern sind eingestürzt, mehrere Geschäftslokale ausgebrannt. Doch was hier wütete, war kein Tropenunwetter und keine Flutwelle des Río Orinoco. Es war der Sturm der hungrigen, wütenden, verzweifelten Bürger der einstigen Industriestadt mit 400.000 Einwohnern.

350 Geschäfte in allen vier Stadtbezirken wurden am Wochenende geplündert. Die „vandalistische Welle“, die der lokale Handelskammerchef, Austerio González, beklagt, erfasste zunächst Supermärkte, die von chinesischen Händlern betrieben werden und denen viele seit Jahren vorwerfen, an der inflationären Preisspirale unverhältnismäßig gut zu verdienen. Doch dann machte sich der Mob auch über Spirituosenläden, Baumärkte und Autoersatzteilhändler her. Insgesamt wurden allein in Ciudad Bolívar 350 Geschäfte geplündert, ehe am Sonntag Armee und Nationalgarde einschritten und eine gespenstische Ruhe über die Stadt brachten.

Gegenseitige Schuldzuweisung

Ähnliche Szenen spielten sich in zehn Bundesstaaten des von der Langzeitmisere besonders hart getroffenen Landesinneren ab. Noch ist nicht geklärt, wer die Plünderungswelle anführte, die Regierung beschuldigt oppositionelle Kreise und Mafiabanden mit Auslandsverbindungen. Die Opposition spricht von kriminellen Banden aus dem Umfeld des Chavismo.

Auch wenn die Anführer noch nicht ausgeforscht wurden, ist doch der Anlass klar: „Billetazo“ taufte der Volksmund die Maßnahme des Regierungschefs Nicolás Maduro, durch die dem Land quasi über Nacht dessen wichtigstes Zahlungsmittel abgenommen werden sollte. 80 Prozent des zirkulierenden Geldwertes entfallen bislang auf die braune 100-Bolivares-Note. Doch am Sonntag der Vorwoche verkündete der Regierungschef, diese Scheine würden binnen drei Tagen ungültig. Das Volk solle sofort sämtliche Hunderter umtauschen.

Maduro begründete diese Entscheidung mit dem Kampf gegen Spekulanten, die angeblich drei Milliarden Scheine im Ausland zurückhielten, um Venezuelas Zahlungsverkehr abzuschnüren. Einen Monat zuvor hatte er die Ausgabe neuer Scheine angekündigt, die mit Werten von 500, 1000, 2000 und 20.000 der abenteuerlichen Entwertung des Bolívar Rechnung tragen. 2016 wird die Inflationsrate mehr als 300 Prozent betragen.

Im Landesinneren ist Bargeld oft die alleinige Form des Zahlungsverkehrs. Und die braunen Hunderter waren trotz aller Probleme die einzigen halbwegs sinnvollen Vehikel. Alle, die in den Warteschlangen hofften, Nahrung oder Medikamente zu erstehen, mussten stapelweise Scheine mitführen. Denn auf dem Schwarzmarkt, der in den meisten Geschäften die Preise bestimmt, entspricht ihr Wert nur noch 15 Euro-Cent.

Neue Scheine gibt es noch nicht

Viele Bürger, die nach oft mehrtägigem Schlangestehen ihre Hunderter bei Banken abgeben konnten, bekamen von diesen wieder nur Hunderter zurück. Denn die neuen Scheine gibt es nur in den Nachrichtensendungen des Staatsfernsehens. Offenbar gab es Verzögerungen mit den in Schweden gedruckten Billetts. Die Opposition behauptet, die Regierung habe die Druckkosten nicht begleichen können, dafür gibt es jedoch keine Bestätigung der Firma, die den Auftrag übernahm.

In jedem Fall sei eine Rekonversion des Zahlungssystems binnen weniger Tage kaum zu stemmen, sagte Consultant Asdrúbal Oliveros. „Es gibt keine Struktur, um die alten Scheine so schnell aus dem Markt zu bekommen, und keine logistische Kapazität, um die neuen auszuliefern.“ Das scheint auch die Regierung eingesehen zu haben. Sie verlängerte die Gültigkeit der Hunderter bis 2. Jänner.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2016)

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