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Investieren ist ein Marathon, kein Sprint

Ganz Österreich profitierte, würden mehr Bürger mit Aktien zu Mitunternehmern. Wenn wir als Land führend in der Innovation werden wollen, brauchen wir Risiko- und Eigenkapital und das richtige Umfeld dafür.

Jede Börse leistet einen wesentlichen Beitrag für ihre heimische Wirtschaft. Auch in Österreich ist es so: Jeder zehnte Arbeitsplatz hängt an einem börsenotierten Unternehmen. Aus jedem Euro, der in ein börsenotiertes Unternehmen investiert wird, werden 2,4 Euro für die Volkswirtschaft. Wer Details dazu wissen will, kann diese in einem Faktencheck auf der Website der Wiener Börse finden.

Die volkswirtschaftliche Bedeutung einer Börse klarzumachen sehe ich als eine meiner Kernaufgaben, seit ich als Börsechef im September in Wien angetreten bin. In den vielen Gesprächen, die ich führe, fällt mir auf: Die Attraktivität des österreichischen Finanzplatzes wird oft an der Anzahl der neuen Börsengänge gemessen. Und an Delistings, die derzeit europaweit grassieren. Sie seien ein Zeichen für einen wenig leistungsfähigen Kapitalmarkt, so die breite Wahrnehmung. Ich möchte hier deshalb mit einigen Unklarheiten aufräumen.

 

Nur Teil des Kapitalmarktes

Was bringt eine Notiz an der Börse? In Kurzfassung: Zugang zu Kapital aus dem In- und Ausland; Steigerung der Bonität für heimische Unternehmen; hohe Präsenz durch Transparenz. Das bringt nicht nur Investoren etwas, auch Lieferanten, Kunden, Medien und Mitarbeiter profitieren.

Der Handel von heimischen Unternehmen an der Wiener Börse stellt hohen Anlegerschutz sicher. Gleichzeitig bedeutet es ein Mindestmaß an Regulierung für Unternehmen. Aber wenn die Börse solche Vorteile bringt, warum gibt es aktuell wenig Nachschub? Warum ziehen sich einige Unternehmen von der Börse zurück? Diese beiden Fragen sind in drei Schritten zu beantworten.

Erstens braucht es Klarheit über den ureigenen Verantwortungsbereich der Börse. Sie wird oft mit dem gesamten Kapitalmarkt verwechselt, ist aber nur ein Teil davon. Die Börse ist vor allem ein Infrastrukturdienstleister, vergleichbar mit einem Stromnetzbetreiber. Der schaut darauf, dass der Strom möglichst schnell und zuverlässig zu seinen Kunden kommt. Aber er hat nur beschränkt Einfluss darauf, wie viel Strom produziert wird und wie viel die Kunden verbrauchen. Genauso ist es als Börse: Unser Netzwerk und unsere Plattform bringen Investoren zusammen. Wir stellen die beste technische Infrastruktur für den Handel zur Verfügung. Aber wir können nur begrenzt beeinflussen, wie viele Unternehmen ihre Aktien zum Handel anbieten und wie viele Investoren daran Interesse haben. Der Handel auf der Börseninfrastruktur unterliegt nämlich globalen Entwicklungen, saisonalen Schwankungen und natürlich den nationalen Rahmenbedingungen.

Zweitens: Die Regulierung der Finanzmärkte, die uns von Europa erreicht. Die Regulierungskosten sind seit der jüngsten Finanz- und Staatsschuldenkrise für alle Marktteilnehmer drastisch gestiegen. Zuletzt wurde Regelungen, die die Unternehmen bei der Ermittlung der Börsenpreise einhalten müssen, erheblich verschärft.

 

Wiener Börse keine Ausnahme

Das ist gut, denn einige Regelungen wurden strenger und sorgen für höhere Transparenz. Das ist aber schlecht, denn sie hatte europaweit Börsenabgänge von Unternehmen mit kleinem Streubesitz zur Konsequenz. Die kleinen Betriebe sagen es selbst sehr deutlich, für sie wurde es einfach zu teuer.

Im vergangenen Jahr verließen acht Prozent der notierten Unternehmen die Deutsche Börse. Ähnliches gilt für die Schweiz und Großbritannien. Die Wiener Börse ist hier mit einer Quote von 5,6 Prozent für 2015 also keine Ausnahme. Die Anleger sind davon aber weit weniger betroffen, als die Öffentlichkeit meint: Der jährliche Aktienumsatz der Unternehmen, die sich im Vorjahr zurückgezogen haben, machte rund 17 Millionen Euro aus. Das ist weniger als ein Zehntel eines Tagesumsatzes an der Wiener Börse.

Drittens: Es gibt Marktphasen für Eigenkapital, und es gibt Marktphasen für Fremdkapital. Was ich im Lauf der Zeit gelernt habe: Alle Entwicklungen kommen und gehen in Zyklen. Aktuell haben wir ein Niedrigzinsumfeld.

 

Ziehen an vielen Strängen

Für Unternehmen stellt sich die Frage: Warum Mitspracherechte an Investoren abtreten, wenn man Kredite so günstig wie noch nie aufnehmen kann? Dieses Umfeld führte in den vergangenen Jahren zu großen Anleihe-Emissionen und auch zahlreichen neuen Unternehmensanleihen an der Börse.

Heuer wird mit über 40 Corporate Bonds mit einem Gesamtvolumen von rund 7,2 Milliarden Euro wieder ein Rekordjahr bei neuen Unternehmensanleihen an der Wiener Börse. Aber eines darf man dabei nicht vergessen: Ein gesunder Mix aus Eigenkapital und Fremdkapital senkt die Krisenanfälligkeit von Unternehmen.

Was bedeuten diese drei Faktoren für uns als Wiener Börse? Die Wiener Börse ergreift auch im aktuellen Niedrigzinsumfeld zahlreiche Chancen. Marktphasen wie diese halten Unternehmen nicht von der Börse ab. Sie begeben zwar aktuell weniger neue Aktien, aber dafür jede Menge Anleihen. In diesem Bereich wird der Kurszettel der Wiener Börse deutlich länger.

Die Wiener Börse forciert ihre Bestrebungen in Richtung von Unternehmen, die Anleihen begeben möchten. Auch im Handel haben wir Neuerungen eingeführt, nämlich den Fließhandel und die Liquiditätsbetreuung von Corporate Bonds. Unser Market Maker System hat sich als gutes Modell für Zusatzliquidität in heimischen Aktien und Anleihen etabliert.

Aufgrund herausfordernder Rahmenbedingungen im regulatorischen Bereich arbeiten wir auch intensiv an unserer Infrastruktur und an der Schulung börseinteressierter Unternehmen. Wir ziehen an allen möglichen Strängen.

 

Politik muss unterstützen

Bei unseren Vorhaben für einen starken heimischen Finanzplatz und Standort brauchen wir aber Teamgeist und Unterstützung, vor allem aus der Politik. Sie schafft die Rahmenbedingungen, dass heimische Unternehmen Eigenkapital für Investitionen und Innovation aufnehmen und dafür, dass Anleger in Österreich investieren anstatt im Ausland. Hier gibt es dringenden Handlungsbedarf, denn die Anreize fehlen. Die Börsenkapitalisierung in Österreich liegt mit 26 Prozent des BIPs weit unter dem Durchschnitt der Eurozone mit 59 Prozent. Österreich sollte europäischer Durchschnitt werden!

Genauso bei Aktionären: Nur rund vier Prozent der Österreicher halten Aktien. In den vergangenen 25 Jahren warf der österreichische Leitindex ATX eine durchschnittliche jährliche Rendite von sechs Prozent ab. Sparbuchbesitzer können davon nur träumen.

Ganz Österreich profitierte, würden Bürger mit Aktien zu Mitunternehmern. Wir bauen darauf, dass die Politik diesen Standpunkt unterstützt. Wenn wir als Land führend in der Innovation werden wollen, brauchen wir Risiko- und Eigenkapital und das richtige Umfeld dafür. Als Börse werden wir diese Botschaft weitertrommeln. Auch Investieren ist ein Marathon und kein Sprint.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Christoph Boschan
ist seit dem Sommer Chef der Wiener Börse. Der 38-Jährige studierte in Berlin Jus und promovierte in Chemnitz im Fach Börsenwesen. Seine berufliche Karriere startete er an der Börse Berlin. 2010 wechselte er nach Stuttgart, wo er an der dortigen Börse zuletzt als Geschäftsführer tätig war. Die Wiener Börse ist im Eigentum verschiedenster heimischer Aktiengesellschaften. [ APA ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2016)