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Verdächtiger war bereits in Schubhaft

FRANCE-TUNISIA-GERMANY-BERLIN-ATTACK
Die deutschen Sicherheitsbehörden fahnden nun offen nach dem Tatverdächtigen Anis Amri. Das Bundeskriminalamt setzte eine Belohnung von bis zu 100.000 Euro für Hinweise aus.(c) APA/AFP/POLICE JUDICIAIRE/HANDOU (HANDOUT)
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Die Polizei fahndete nach einem 23-jährigen Tunesier, den sie als gefährlich eingestuft hatte. Eigentlich hätte der Mann schon im Sommer abgeschoben werden sollen. Aber die Papiere fehlten.

Berlin. Seit  Mittwoch gibt es einen neuen Hauptverdächtigen in Berlin. Es handelt sich um einen tunesischen Staatsbürger namens Anis A., geboren 1992 in der Stadt Tataouine. Er soll den Lkw am Montagabend in den Weihnachtsmarkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gesteuert haben. Zwölf Personen starben, 49 wurden verletzt.

Den ganzen Tag über wurde nach dem 24-Jährigen, der im April um Asyl in Deutschland angesucht hatte, gefahndet. Die Bundesanwaltschaft hat eine Belohnung von 100.000 Euro für Hinweise ausgesetzt. Anis A. ist in der Islamistenszene offenbar gut vernetzt. Aber der Reihe nach.

1 Wie und wann sind die Ermittler auf diese neue Spur gestoßen?

Unter dem Fahrersitz des Lkw wurde ein Dokument gefunden. Es handelt sich um eine Duldungsbescheinigung, ausgestellt auf Anis A. Das wirft Fragen auf: Hat er das Dokument verloren? Oder bewusst dort platziert? Auch die Attentäter von Paris hatten Ausweise hinterlassen. Offen ist auch, warum das Dokument erst am Mittwoch auftauchte. Oder wurde es aus ermittlungstaktischen Gründen zurückgehalten?

2 Was ist bisher über den mutmaßlichen
Attentäter bekannt?

Anis A. dürfte im Juli 2015 über Italien nach Deutschland gekommen sein. Schon seit längerem stand er im Visier der Sicherheitsbehörden. In einem internen Vermerk vom 5. Februar 2016 heißt es über ihn: „Mutmaßlicher Bezug zum IS“ und „Intensive Kontrolle der Person“. Einen Monat später wurde A. als „Gefährder“ eingestuft. So werden Personen genannt, denen man einen Anschlag zutraut. Das Landeskriminalamt in Nordrhein-Westfalen, wo A. in einer Asylunterkunft gemeldet war, habe „beim Generalbundesanwalt ein Verfahren wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat“ initiiert, berichtete der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger am Mittwoch.
Ab Mitte März wurden die Ermittlungen von Berlin aus geführt, zumal sich A. jetzt hauptsächlich dort aufhielt, unter wechselnden Namen. Er wurde verdächtigt, einen Überfall zu planen, um sich Waffen kaufen zu können – eventuell für einen Anschlag. Der Richter ordnete eine Observierung an. Aber der Verdacht erhärtete sich nicht. Also wurde die Überwachung wieder eingestellt. Danach verschwand A. aus dem Blickfeld der Behörden. Warum, ist unklar. Möglicherweise durch die häufigen Ortswechsel.
Fest steht, dass er im Sommer eigentlich abgeschoben werden sollte. Im Juni war sein Asylantrag abgelehnt worden. Einen Tag verbrachte er in Abschiebehaft, danach musste man ihn gehen lassen, weil seine Identität nicht zweifelsfrei festgestellt werden konnte. Die Ausweispapiere hätten gefehlt, sagte Jäger. Tunesien habe zudem bestritten, dass es sich um einen eigenen Staatsbürger handle. Die Passersatzpapiere seien zufälligerweise erst am Mittwoch, also gestern, eingetroffen.

3 Gibt es Hintermänner, die dabei geholfen haben, die Tat vorzubereiten?

A. bewegte sich im Umfeld zweier Männer, die in Deutschland Kämpfer für den IS rekrutierten, weshalb sie im November auch verhaftet wurden. Einer davon ist Abu Walaa, ein 32-jähriger Mann aus dem Irak, der sich im Internet als „Prediger ohne Gesicht“ inszeniert hat. In Salafistenkreisen gilt er als „Nummer eins des IS in Deutschland“. Der IS hat den Anschlag jedenfalls für sich reklamiert. Wobei er das immer tut, auch wenn es sich um Nachahmungstäter handelt (siehe nebenstehenden Bericht).

4 Wo hat die Polizei am Mittwoch nach Anis A. gesucht?

Anis A. sei um Mitternacht zur europäischen Fahndung ausgeschrieben worden, sagte Innenminister Thomas de Maizière am Mittwochnachmittag. Zunächst wurden sämtliche Krankenhäuser in Berlin und Brandenburg nach ihm abgesucht. Denn die Polizei geht davon aus, dass A. verletzt ist. Im Führerhaus des Sattelschleppers dürfte es zu einem Kampf zwischen dem Attentäter und dem unfreiwilligen Beifahrer, einem polnischen Staatsbürger, gekommen sein. Auf ihn, der später erschossen aufgefunden wurde, soll mit einem Messer eingestochen worden sein – möglicherweise, weil er versuchte, die Tat oder zumindest Schlimmeres zu verhindern. Im Lkw gab es etliche Blutspuren.

5 Wie ist der Täter an den Sattelschlepper
gekommen?

Diese Frage ist noch nicht geklärt. Der polnische Lenker, Lukasz U., sollte Stahlteile aus Mailand überstellen und war Montagmorgen in Berlin angekommen. Doch das Unternehmen, Thyssen-Krupp, sagte ihm, man könne die Teile erst am nächsten Tag ausladen. Also ging der Mann zunächst einmal einen Kebab essen, wie ein Überwachungsvideo beweist. Danach muss der Täter zugeschlagen haben. Laut GPS-Daten wurde der Lastwagen um 15.44 Uhr, um 16.52 Uhr und um 17.37 Uhr gestartet. Um 19.34 Uhr fuhr er dann los. Hat der Täter Lkw-Fahren geübt?
Das Fahrzeug gehört einer polnischen Transportfirma. Der Chef von Lukasz U. ist gleichzeitig sein Cousin. Er musste den Toten in der Nacht auf Dienstag identifizieren. „Das Foto ist sehr drastisch“, sagte Ariel Z. im polnischen Fernsehen. Das Gesicht sei blutig und entstellt gewesen, das deute auf einen Kampf hin. Sein Cousin sei bestimmt nicht leicht zu überwältigen gewesen – immerhin habe er 120 Kilogramm gewogen.
Erst war man davon ausgegangen, dass der 37-Jährige bereits tot war, als der Täter den Lkw in den Adventmarkt steuerte. Die Obduktion widerlegte diese These. Lukasz U. hinterlässt eine Frau und einen Sohn.

6 Wie geht es den zum Teil schwer verletzten Opfern des Anschlags?

Von den 49 Verletzten wurden 24 mittlerweile wieder aus dem Krankenhaus entlassen. Bei drei der vier Schwerstverletzten habe sich der Zustand wieder stabilisiert, teilte die Berliner Charité am Mittwoch mit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2016)