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Von Mariapfarr 1816 zu „Silent Night“ im Seattlevon heute

Das vom Mythos vergessene Dorf: Die Hälfte von „Stille Nacht“ ist heuer 200 Jahre alt – und entstand nicht in Oberndorf, sondern in Mariapfarr.

Oberndorf bei Salzburg kennt die Welt, von Oberndorf spricht man vor Weihnachten auch in Amerika; in Medien von Seattle bis Los Angeles wärmt man dieser Tage herzerwärmende Geschichtchen zur Entstehung von „Silent Night“ auf: Zum Beispiel, dass der Priester Joseph Mohr in einer Weihnachtsnacht, nachdem er ein Neugeborenes gesegnet habe, durch den Schnee heimgestapft und von der Ruhe der sternklaren Nacht so überwältigt gewesen sei, dass er ein Gedicht darüber schrieb. Anderswo liest man, die Orgel der Oberndorfer Kirche sei kaputt gewesen, und Joseph Mohr habe am Morgen des 24. Dezember gebetet, Gott möge ihm ein neues Lied eingeben – das der die Orgel spielende Dorflehrer Franz Gruber dann vertonte.

An letzterer Version ist was dran, man vermutet, dass die Orgel nicht funktionierte und Pfarrer und Lehrer deshalb 1818 ein Lied mit Gitarrenbegleitung schufen. Es wurde am Heiligen Abend 1818 in der St.-Nikolaus-Kirche gespielt – an jener Stelle, an der heute die Stille-Nacht-Gedächtniskapelle steht. Aber der Text dazu entstand nicht, wie so gern erzählt wird, in Oberndorf, sondern im Dorf Mariapfarr im Salzburger Lungau; und nicht 1818, sondern zwei Jahre davor.

Genau genommen, hatte somit die Hälfte von „Stille Nacht“ ihr 200-Jahr-Jubiläum – zu dem sich Oberndorf für 1818 rüstet – bereits heuer. Zwei Jahre war Mohr im wunderschön gelegenen Mariapfarr tätig, bevor er nach Oberndorf kam – und Gruber sein Gedicht „Stille Nacht“ vertonte. Allerdings ebenfalls nicht in Oberndorf, sondern im vier Kilometer entfernten Arnsdorf.

Das Glück, als legendärer Geburtsort von „Stille Nacht“ zu gelten, hat dennoch Oberndorf. Denn das Text-Autograf, das Mariapfarr als Entstehungsort bezeugt, wurde erst 1955 bekannt, zu einer Zeit, als die „Stille Nacht“-Legenden schon längst international in Umlauf waren.

Dass sich diese gerade in den USA bis heute geradezu kurioser Beliebtheit erfreuen, hat viel mit einer Zillertaler Sängerfamilie und einer norddeutschen Hilfsorganisation im 19. Jahrhundert zu tun. Die der Trapp-Familie vergleichbare Familie Rainer aus Fügen sang das Lied ab 1839 auf ihrer mehrjährigen Amerika-Tournee, und das Hilfswerk Raues Haus in Hamburg gab vielen Auswanderern ein Liederbüchlein mit, das auch „Stille Nacht“ enthielt. Außerdem fand sich das Lied auch auf den ab 1889 produzierten ersten Schallplatten der Welt – jenen des in den USA aktiven Deutschen Emile Berliner, Bruder des Gründers der Deutschen Grammophon Gesellschaft. Sie ebneten den Weg für Bing Crosbys „Stille Nacht“-Single von 1934, die sich 30 Millionen Mal verkaufte.

In der „Seattle Times“ liest man übrigens nicht nur vom durch den Schnee stapfenden „Stille Nacht“-Texter, sondern auch andere kuriose Mythen über das weihnachtliche Österreich: Etwa dass in dem Land eine gemächliche „Stop and smell the strudel“-Atmosphäre herrsche, und dass die Österreicher Weihnachten „sehr früh angehen“ – und „ganz ruhig“ . . .

anne-catherine.simon@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.12.2016)