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Franca Sozzani: Abschied von einer Visionärin

Franca Sozzani beim Life Ball 2012Apa (andres pessenlehner)
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Die Mode verliert mit Vogue-Italia-Chefredakteurin Franca Sozzani eine ihrer Vordenkerinnen. Die Journalistin starb im Alter von 66 Jahren.

Vor wenigen Tagen erst hatte Franca Sozzani in London den ersten überhaupt vergebenen "Swarovski Award for Positive Change" empfangen - wie sich nun herausstellt, für ihr Lebenswerk. Begleitet wurde sie auf dieser Reise von Mailand nach London von ihrer langjährigen Freundin Anna Wintour. 28 Jahre lang leitete Franca Sozzani, die am Anfang ihrer Karriere philologische Studien abgeschlossen hatte und dann als Journalistin zu arbeiten begann, die italienische Vogue und positionierte sie nicht nur im Ensemble der Condé-Nast-Publikationen, sondern insgesamt als eine der relevantesten und zielstrebigsten Modezeitschriften der Welt.

Sozzanis Herangehensweise an die Mode, das Magazinmachen und, in erster Linie, weil von ihr als das wichtigste Ausdrucksmittel angesehen, die Modefotografie war einzigartig - mit ihr prägte sie sowohl das von ihr geleitete Magazin wie auch die Wahrnehmung von Mode- und Gesellschaftsthemen, die sie gern und oft in Zusammenhang brachte.

Sie stand hinter der Idee einer Epoche machenden "Black Issue" und beauftragte Editorials, in denen Kriegstreiben oder Ölkatastrophen thematisiert wurden: Dieses Querdenken und Zusammenbringen von Luxusmode und Themen, die die Welt bewegen, wurde oft kritisiert, als unpassend oder deplatziert abgetan. Sozzani unterstrich aber stets, als Chefredakteurin eines Modemagazins mit ihren Mitteln einen Kommentar zur Welt abgeben zu wollen und es keineswegs auf platte Provokation abzuzielen.

2012 äußerte sie sich in einem Gespräch mit dem "Presse Schaufenster" etwa wie folgt: "Provokation ist Teil der Risikobereitschaft und auch der Kreativität, weil es natürlich darum geht, neue Wege zu finden, sich abseits ausgetretener Pfade zu bewegen, und manche stößt das eben vor den Kopf. Dabei halten wir aber immer ein bestimmtes Qualitätsniveau, und wenn ich eine Black Issue mache oder nach der BP-Ölkatastrophe im Golf von Mexiko einen ölverklebten Pelzmantel am Cover gezeigt habe, dann war das nicht platte Provokation, sondern wir greifen eben Themen auf, die in aller Munde sind und geben mit unseren Mitteln einen Kommentar ab."

Gerüchte über ihren sich verschlechternden Gesundheitszustand kursierten in den letzten Monaten vermehrt. Noch im September wurde der von ihrem Sohn Franco Carrozzini gedrehte Dokumentarfilm "Franca: Chaos and Creation" bei den Filmfestspielen von Venedig vorgestellt. Er erweist sich nun als eine Hommage des Sohnes an seine Mutter, die entstand, als sie bereits erkrankt war.

Die Modewelt wird Franca Sozzani als unwiderbringliche Größe schmerzlich vermissen; bis zuletzt galt ihr Engagement dem Kosmos, dem sie seit drei Jahrzehnten verhaftet war. So ließ sie es sich, wie Anna Wintour in einem berührenden Abschiedsbrief schreibt, auch nicht nehmen, der letzten Métiers-d'art-Show von Karl Lagerfeld im Pariser Ritz beizuwohnen, um ihm ihre Unterstützung auszudrücken. Sozzanis blond gewellter Lockenkopf wird in den Frontrows der wichtigsten Schauen fehlen, und es steht wohl ebenfalls fest, dass die großen Zeiten des Print-Flagschiffs Vogue Italia mit dem Verlust seiner visionsreichen Kapitänin einem Ende zusteuern. Solche Relevanz, wie Franca Sozzani dem von ihr geleiteten Titel über die Jahre und Jahrzehnte geben konnte, wird ein Modemagazin künftig nicht mehr erlangen. Eine Ära geht zu Ende