Nur fünfmal in hundert Jahren kommt es wie in diesem Jahr vor, dass das jüdische Fest Chanukka und Weihnachten zusammenfallen. Kerzen spielen hier wie dort eine wichtige Rolle. ?
Im Alltag sieht man sie kaum, die Schnittpunkte zwischen christlichen und jüdischen Feiertagen. Doch in Wien gibt es derzeit einen Ort, an dem sich das jüdische Chanukka-Fest und das christliche Weihnachten treffen. Die Dorotheergasse, in der das Jüdische Museum beheimatet ist, erhielt heuer zum ersten Mal eine Adventbeleuchtung in Form von lang gezogenen Lichtstäben. Sie symbolisieren Kerzenleuchter und erinnern an eine der wenigen Gemeinsamkeiten von Weihnachten und Chanukka: das Licht und die Kerzen.
Nur alle 19 Jahre (rund fünfmal in einem Jahrhundert) fällt wie an diesem Wochenende der erste von acht Tagen des Chanukka-Festes auf den ersten Weihnachtsfeiertag (25. Dezember). Es kommt öfter vor, dass sich die Feste irgendwie überschneiden, 2014 fiel etwa der letzte Chanukka-Tag auf den 24. Dezember. Auch wenn sie nun in diesem Jahr zeitgleich stattfinden, historisch und theologisch haben die Feste nichts gemeinsam. Es ist also nicht so, wie manche fälschlich annehmen, dass es sich bei Chanukka um das jüdische Weihnachten handelt oder umgekehrt. Dennoch gibt es Familien, die beide Feste feiern. Dem Weihnachtsfest kann man sich in der westlichen Welt ja kaum entziehen. Wer beide Traditionen unter einen Hut bringt, sagt deshalb „Weihnukka“ zu dieser Feierzeit.
Parallelen finden sich aber bei den Gebräuchen. Was vor allem daran liegt, dass die Feste in die dunkelste Zeit des Jahres fallen. Zu beiden Anlässen kommt die Familie zusammen, wird gesungen und gut gegessen, und es werden Lichter angezündet.
Im Talmud findet sich ein Hinweis darauf, dass beide Feste ihren Ursprung in einem Winterfest gehabt haben könnten, das der erste Mensch, Adam, einführte, erzählt der Wiener Oberrabbiner, Arie Folger. „Als Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben wurden, wurde es bald Herbst, die Tage wurden kürzer und kürzer.“ Der talmudischen Erzählung zufolge fürchteten die beiden, Gott wolle die Welt als Strafe in Finsternis untergehen lassen. Also begann Adam, acht Tage zu fasten und zu beten, und er stellte fest, dass die Tage plötzlich wieder länger wurden. Aus Freude und Dankbarkeit beschloss er, von nun an jedes Jahr vor der Wintersonnenwende ein achttägiges Fest zu feiern. Daraus lässt sich ableiten, dass die Römer und Christen das ursprüngliche Fest umgedeutet, aber nicht erfunden haben.
Die Befreiung Jerusalems. Die theologische Bedeutung der Feste liegt weit auseinander. Während die Christen an Weihnachten die Geburt Jesus Christus feiern, erinnert Chanukka an die Befreiung und Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem im Jahr 164 vor Christi Geburt. Eine kleine Gruppe jüdischer Rebellen, die Makabäer, wehrte sich damals erfolgreich gegen die syrisch-griechischen Besatzer unter König Antiochus, die ihnen einen anderen Glauben aufzwingen wollten. Sie wollten nach dem Kampf den zerstörten Tempel wieder reinigen und das ewige Licht anzünden, dafür gab es aber nur einen kleinen Tropfen Öl. Sie nahmen nicht an, dass das Licht lang brennen würde, und waren somit überrascht und erfreut, dass das Öl den Leuchter sogar acht Tage erhellte. Deswegen wird seither während des achttägigen Chanukka-Festes täglich eine weitere Kerze auf dem achtarmigen Leuchter entzündet. Man erinnert sich an dieses zweifache Wunder.
Chanukka ist nicht das wichtigste jüdische Fest, aber neben dem Versöhnungstag, Jom Kippur, und Pessach eines der drei populärsten, sagt Oberrabbiner Folger. „Im Grund geht es darum, dass wir unseren Glauben ausleben dürfen. Deswegen ist es ein sehr schönes Fest.“ Anders als zu anderen jüdischen Feiertagen ist keiner der Chanukka-Tage ein arbeitsfreier Tag. Es ist also eine schöne Begleiterscheinung, wenn es mit Weihnachten zusammenfällt. „Heuer ist es angenehm, dass auch unsere Kinder Freizeit von der Schule und der Universität haben und wir daher die Tage gemeinsam genießen können“, erzählt Danielle Spera, die Direktorin des Jüdischen Museums in Wien. „Wir zünden jeden Abend die Chanukka-Kerzen“, erzählt sie weiter vom Ablauf des Festes. „Wobei jedes Familienmitglied einen eigenen Leuchter hat. Wir singen gemeinsam die Segenssprüche und die Chanukka-Lieder, erzählen Geschichten, die mit dem Chanukka-Wunder verbunden sind, dann gibt es Latkes (Kartoffelpuffer, Anm.) oder Krapfen zu essen.“
Die Kerzen müssen gesehen werden, sagt Rabbi Folger, das sei sehr wichtig. Deswegen sollen sie möglichst früh, also nach Einbruch der Dunkelheit, angezündet werden. Generell ist jeder Chanukka-Tag gleich wichtig. „Am Schönsten ist es, wenn alle Kerzen am Leuchter entzündet sind“, sagt Spera.
Geld und Zuckerln. Geschenke standen lang nicht im Vordergrund dieses Festes. Es ist allerdings Tradition, dass die Kinder Geld erhalten. „Aber sie sollen einen Teil davon als Spenden verwenden.“ In manchen Familien werden die Kinder heute reichlicher beschenkt. Vor allem in jenen, die, wie bereits erwähnt, Weihnachten und Chanukka miteinander verbinden. Einer der bekanntesten Gebräuche ist das Chanukka-Dreidel-Spiel. Hier wird mit einem sogenannten Dreidel (Kreisel), der sich auf einem Blatt mit dem Schriftzug „Ein großes Wunder geschah dort“ dreht, um Bonbons oder Schokomünzen gespielt. Auch damit wird an die Wunder von Chanukka erinnert. ?
Weihnukka
Das christliche Weihnachten und das jüdische Chanukka haben zwar einige Überschneidungen, inhaltlich verbindet sie aber nicht besonders viel. Gemeinsam haben die beiden Feiertage, dass sie stets in der dunkelsten Zeit des Jahres, zur Wintersonnenwende, stattfinden.
Nur alle 19 Jahre fallen der jüdische und der gregorianische Kalender so zusammen, dass Chanukka und Weihnachten am selben Tag stattfinden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2016)