Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Der Duft der Freundschaft

Symbolbild Parfüm
Symbolbild Parfüm(c) Antonia Schneider
  • Drucken

Sandelholz und Patchouli. Von den vielen Spielarten der Liebe ist die Freundschaft nicht die unwesentlichste, und manche duftet ein Leben lang nach Vagabundenparfum.

Während ich durch die Gärten des Gedächtnisses spaziere, stelle ich fest, dass meine Erinnerungen an die Sinne geknüpft sind“, schrieb die chilenische Schriftstellerin Isabel Allende in ihrem vor zwei Jahrzehnten erschienenen Kochlesebuch „Aphrodite – Eine Feier der Sinne“.

Sie zelebriert darin aphrodisische Genüsse aller Art, gewürzt mit der Süße reifer Mangos, mit Honig und dem Duft von Nelken und Lotosblumen – und mit den vielen Spielarten der Liebe, wovon eine, und nicht die unwesentlichste, die Freundschaft ist.

Die Gärten des Gedächtnisses liegen vor uns wie ein weiter Kontinent – einer, der nur von uns allein beschritten werden kann. Sie duften nach vielem, und hinter jeder Weggabelung liegt eine andere Erinnerung bereit. Sie riechen etwa nach dem Rosengarten der Oma und nach ihrem Zimtgebäck. Nach der Zwetschkenmaische des Großvaters und dem Firnisgeruch seiner Malerwerkstatt. Nach frischen Walderdbeeren, nach denen man mit den Freunden an geheim gehaltener Stelle Ausschau hielt, und nach dem Aroma der Holzfeuer, die man mit dem schmerzlich vermissten, verstorbenen Freund selbst an eisigen Winterabenden im Freien zu heizen pflegte.

Einer dieser Pfade durch den eigenen Garten des Gedächtnisses führt weit fort von hier und tief hinein in die Vergangenheit, doch bleibt er nah, denn man trägt ihn ja stets mit sich herum. Dort duftet es nach Sandelholz und Patchouli und nach einer Freundschaft, die ein lebenslanges Bündnis geschlossen hat, obwohl eine von uns beiden seit Jahrzehnten tot ist.


Unverfälscht und rein. Beide Düfte sind unverfälscht und rein und stammen von zwei Pflanzen, aus denen seit ewigen Zeiten Duftöle destilliert werden. Der Sandelholzbaum ist ein tropischer Gigant, er wächst bis zu 20 Meter hoch. Patchouli hingegen ist ein zierlicher Strauch, der höchstens einen Meter hoch wird. Den Baum kann man in unseren viel zu kalten Breiten natürlich nicht kultivieren, den Strauch schon, und zwar als Kübelpflanze, die sommers draußen, winters in der Wohnung gedeiht.

Er duftet wunderbar. Streicht man über die großen, sattgrünen Blätter, riechen Hände und Umgebung nach dem, was besagte Freundin auf der anderen Seite des Atlantiks, wo sie geboren und ich für einige Jahre zu Hause war, damals Vagabundenparfum genannt hat. Die beiden Düfte, die sie mir schenkte, waren jeweils in kleine Glasphiolen gesperrt. Das Patchouli-Öl war dunkelbraun und zähflüssig. Der Sandelduft hingegen war glasklar.

In dem Glasfläschchen befanden sich neben der Duftessenz auch die verschlungenen Haarwurzeln eines Sandelholzbaumes. Denn nur die unterirdischen Teile und das Kernholz, sozusagen das Herz des asiatischen Baumes, duften tatsächlich. Wenn ein Sandelholzbaum aus einem Samen wächst, suchen seine Wurzeln nach Wurzelstöcken benachbarter Bäume, Sträucher und Gräser. Dort docken sie an und verbinden sich mit den anderen Organismen. In den ersten sieben Jahren seines Lebens ist das Bäumchen auf die Hilfe seiner Nachbargewächse angewiesen. Erst später ist es dazu in der Lage, sich allein zu ernähren.

Das wusste ich als Zwölfjährige natürlich noch nicht. Doch bewusst war mir, damals wie heute, dass mich auch diese Freundschaft mit wesentlichen Nährstoffen versorgte, letztlich mit solchen, die für mein gesamtes Leben ausschlaggebend bleiben sollten. Denn die damals schon kranke Freundin lehrte ihre Umgebung das Wesentliche, nämlich alles als ein einziges, großartiges Geschenk und Wunder zu betrachten. In den Wochen, in denen es ihr gut ging, brachte sie mir zum Beispiel bei, dass es viel schöner war, barfuß durch den warmen Tropenregen zu laufen und dabei zu singen, als sich irgendwo unterzustellen.

Wer zwischen Leben und Tod pendelt, pfeift auf Konventionen und verschwendet seine Zeit nicht mit Unwesentlichem. Alles hinterfragen, nichts für gegeben halten, jeden Moment auskosten, sich an scheinbaren Selbstverständlichkeiten erfreuen, für den Wimpernschlag der Geschichte, in dem man auf dem Erdenrund wandeln darf, ganz man selbst zu sein, ohne Zagen und ohne Angst vor der Meinung anderer – das lernte ich von Susi Römer, die wenige Jahre später starb.

„Mich reuen die Schlankheitsdiäten, mich jammern die köstlichen Gerichte, die ich aus Eitelkeit zurückwies, und ebenso leid tut es mir um die Gelegenheiten zur Liebe, die ich vorübergehen ließ“, schreibt Isabel Allende. Sucht euer Vagabundenparfum. Tragt es. Auf der Haut, im Herzen, egal, wo. Aber findet es, es duftet köstlich.

Isabel Allende. Das 1997 erstmals erschienene literarische Lesekochbuch der chilenischen Schriftstellerin ist nach wie vor erhältlich. „Aphrodite – Eine Feier der Sinne“, Insel-Verlag, Taschenbuchausgabe, 14 Euro.

Sandelholz. Das duftende Holz ist auch einer der Heilstoffe, die in der traditionellen ayurvedischen Medizin angewandt werden. Erst 50Jahre alte Bäume liefern genug Öl, doch sind sie mittlerweile selten geworden.

Patchouli. Wer einen Strauch kultivieren will, sollte das im Halbschatten tun, mit gutem, nährstoffreichem Substrat und nicht zu wenig Gießwasser. Die getrockneten Blätter duften ebenfalls.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2016)