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Rapid-Präsident: „Fußball ist kurzfristig wenig planbar“

SOCCER - Rapid general meeting
Michael Krammer ist seit Kindheit Rapid-Fan und seit drei Jahren Präsident. „Das Bauchgefühl darf einfließen, aber nicht entscheiden.“GEPA pictures
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Nach dem sportlich enttäuschenden Herbst zieht Rapid-Präsident Michael Krammer Bilanz. Er spricht über Ursachen, Transfers und Wachstumsmöglichkeiten für Klub und Liga, seinen Führungsstil sowie den Geist der „Rapid-Familie“.

Mehr Punkte Rückstand auf Spitzenreiter Altach als Vorsprung auf Schlusslicht Mattersburg. Wie froh ist man als Rapid-Präsident über die Winterpause?

Michael Krammer: Froh und getrübt liegt in diesem Fall knapp beieinander. Es ist ganz bitter, weil es zeigt, wie wenig Fußball kurzfristig planbar ist. Wir haben alle Voraussetzungen geschaffen, um sportlich erfolgreich zu sein. Dass die Wirkung auf dem Platz nicht da ist, liegt an mehreren Faktoren: Trainerwechsel, der Nichtberücksichtigung von Leistungsträgern, inhomogenes Auftreten von Mannschaft und Trainerteam zu Beginn der Saison und Verletzungspech – das alles hat nicht dazu geführt, dass die Mannschaft schnell eine Einheit wurde. Das Ergebnis ist sportlich absolut nicht zufriedenstellend, aber ich bin der festen Überzeugung, dass wir gestärkt ins Frühjahr gehen werden. Das Ziel ist ein internationaler Startplatz.

 

Würden Sie rückblickend etwas anders machen?

Die Trainerauswahl im Sommer war nicht konsequent genug begleitet. Wir hätten uns mehr Varianten anschauen müssen und nicht der von Andreas Müller (Anm. Sportdirektor) empfohlenen zu 100 Prozent ohne Alternative vertrauen sollen.

 

Wurde das dann bei der Bestellung von Damir Canadi trotz Zeitdruck so gehandhabt?

Im Eilzugstempo. Es gibt keine Personalentscheidung in der gesamten Wirtschaft, die besser vorbereitet werden kann als eine Trainerentscheidung im Fußball. Es sind so viele Daten vorhanden, es können Referenzen von Spielern, Kollegen und Wegbegleitern eingeholt werden. Aber letztlich menschelt es immer. Selbst bei Vorbereitung nach bestem Wissen und Gewissen kann es nicht funktionieren, aber es gilt, den Faktor Zufall zu minimieren.

 

Mit Fredy Bickel wurde zum dritten Mal ein Ausländer als Sportdirektor bestellt. Zufall oder fehlendes Know-how in Österreich?

Mit Andreas Herzog hat uns der österreichische Kandidat auf der Shortlist abgesagt. In den Hearings versuchen wir uns möglichst breit aufzustellen, machen im Vorfeld Persönlichkeitstests und haben auch einen Personalberater dabei. Die Entscheidung für Fredy Bickel war einstimmig.

 

Damir Canadi hat seinen Unmut über den großen Kader, insbesondere die Legionäre, kundgetan. Sind trotz des kostenintensiven Trainerwechsels Wintertransfers geplant?

Fredy Bickel und Damir Canadi werden sich zusammensetzen und die Kaderplanung über das Frühjahr hinaus besprechen. Wir werden uns die Vorschläge anhören, aber es gibt Prämissen: Der 29-Mann-Kader ist die absolute Obergrenze, es wird maximal Zug-um-Zug-Wechsel geben. Mittelfristig müssen mehr Spieler gehen als kommen, denn 26 Mann sind genug.

 

Mit Ivan Mocinic, Arnór Ingvi Traustason, Joelinton und Giorgi Kvilitaia ist die Legionärszahl auf neun gestiegen, bis auf Tomi sind alle längerfristig gebunden. Obwohl sich Rapid zum Österreicher-Topf bekennt, wusste Ex-Trainer Mike Büskens nicht einmal davon. Wie ist das zu erklären?

In jeder Transferphase gibt es Risken, diesmal ist der sportlichen Führung nicht alles aufgegangen. Das ist dann allerdings auch ein Punkt, der in die Entscheidungsfindung, ob jemand in dieser Position bleibt, einfließt.

 

„Football-Leaks“ haben fragwürdige Konstrukte mit Scheinberatern und Briefkastenfirmen bei Transfers öffentlich gemacht. Hat Sie das damals beim Eintritt ins Profigeschäft überrascht?

Diese Vorgehensweisen bei Personalrochaden habe ich im Wirtschaftswesen nicht erlebt, aber dass es im Fußball so sein kann, war mir bewusst. Was mich überrascht hat, ist, in welchem jungen Alter sich werdende Profi-Fußballer manchmal mit Haut und Haar an Berater ausliefern, von denen nur wenige die Ausbildung und nicht den Profit im Auge haben.

 

Macht Rapid mit seinem internationalen Nachwuchskonzept künftig nicht mit?

Wir wollen junge Spieler nicht mit Geld locken, sondern weil es hervorragende Möglichkeiten zur sportlichen, beruflichen und persönlichen Entwicklung in Kombination mit einer sehr lebenswerten Stadt gibt. Deshalb versuchen wir uns vor allem in den östlichen Nachbarländern zu positionieren, da dann die Hürde nicht so groß ist.

 

Insbesondere in England fließt das Geld, im Sommer wurde für Paul Pogba die Rekordsumme von 105 Millionen Euro gezahlt. Ist das für Sie ethisch noch vertretbar?

Ein Spieler kann niemals so viel wert sein, Medien weltweit tragen aber dazu bei, dass das Wirtschaftssystem Fußball so aufgebläht ist, indem Stars überregional bekannt und dadurch vermarktbar gemacht werden. In Englands zweiter Liga werden Preise bezahlt, die jenseits von gut und böse sind. Rapid kann sich daher nur so positionieren, dass wir Transfers nur noch in die Top-fünf-Ligen machen wollen und damit Geld zurück nach Österreich bringen.

 

Rapid hofft aber auch im Zuge der Ligareform und Verhandlung des neuen Medienvertrags auf Mehreinnahmen.

Es gibt in fast allen Ländern eine Zentralvermarktung mit leistungsorientierter Ausschüttung, das ist unser Ziel. Derzeit lukrieren wir ca. 1,6 Millionen Euro pro Jahr, das Doppelte fände ich angemessen. Es kann nicht sein, dass in Bausch-und-Bogen-Methode alle Rechte an ein oder zwei Partner vergeben werden und den Vereinen nichts zur Vermarktung bleibt. Wir werden daher mit der Arbeitsgruppe der Bundesliga schauen, welche Pakete und Verkaufsstrategien sich definieren lassen, um den Erlös zu maximieren.

 

Was ist nach dem Rekordgewinn der letzten Saison an Steigerung noch möglich?

Um auf Sponsorenseite weiter zu wachsen, braucht es internationalen Stellenwert. Deshalb geht unsere sportliche Strategie in Länder rund um Österreich, wo auch österreichische Unternehmen investieren. Bei der Mitgliederzahl haben wir mit aktuell fast 16.000 eine Verdoppelung gegenüber 2013 geschafft. Das weitere Wachstum hängt zum einen vom sportlichen Erfolg, zum anderen von Bonifikationen für Mitglieder vor allem bei internationalen Spielen ab. Zudem müssen wir Sympathisanten, die nicht oder nur selten ins Stadion kommen können, etwas bieten, und da spielen wieder Medienrechte eine große Rolle.

 

Rapid lockt die mit Abstand meisten Fans ins Stadion und will andere Klubs unterstützen. Welche Maßnahmen sind angedacht?

Der Gesamteindruck von einem leeren Stadion ist beschissen, selbst wenn Real gegen Barcelona spielt. Daher ist es Pflicht aller Vereine und der Bundesliga durch Marketingaktionen, die kleineren Klubs teils oder ganz zu finanzieren, die Attraktivität zu heben. Im Rahmen des Infrastrukturprojekts muss man schauen, in welchen Stadien mit relativ wenig Aufwand bundesligataugliche Rahmenbedingungen geschaffen werden können. Wir sind Freizeitdienstleister – und mit einem kalten Eisensitz und ohne Essensangebot nicht konkurrenzfähig.

 

Sechs Monate nach der Einweihung von Rapids Allianz-Stadion ernten die vielen freien VIP-Plätze und ein ramponierter Rasen Kritik. Was ist diesbezüglich geplant?

Nach der Aida-Oper im Sommer bekommen wir einen neuen Rasen. Das Problem haben viele geschlossene Stadien, da die Durchlüftung nicht optimal ist. Wir haben dazugelernt und könnten notfalls auch eine Belüftung einrichten lassen. Beim VIP-Klub wussten wir nicht, wie viele Plätze wir brauchen, denn Innenbereich und Sitze sind kommunizierende Gefäße. Jetzt wird an den Seiten zurückgebaut, die Polstersitze bleiben und gehen als etwas teurere Kategorie in den Verkauf.

 

Sie haben einmal gesagt, dass es im Fußball viel mehr als in der Wirtschaft um Psychologie geht. Was genau meinen Sie damit?

Bei einem Unternehmen gibt es nicht 900.000 Rapid-Sympathisanten, die wissen, wie es besser geht. Jede Aussage eines Spielers, Trainers oder Funktionärs beeinflusst ihre Meinung. Im direkten Kontakt – und den schätze ich sehr – ist es leicht, weil man aufklären oder überzeugen kann. Wenig Möglichkeiten hat man in Bezug auf die mediale Aufbereitung unserer Auftritte.

 

Die Unterstützung der Rapid-Fans ist groß, sie kosten den Klub aber z. B. durch Pyrotechnik auch Geld. Wie gehen Sie damit um?

Unser klares Prinzip ist ein intensiver Dialog, in dem wir darlegen, wo die Grenzen liegen, die nicht überschritten werden sollen und dürfen.

 

In der Causa Maximilian Entrup wurden diese aber deutlich überschritten.

Jedenfalls mit dem Böllerwurf. Das steht außer Frage, ist aber aufgeklärt, und die Sanktionen sind gesetzt. Für uns ist es eine erstmalige und einmalige Situation, dass ein ehemaliges Mitglied einer Austria-Ultra-Fangruppierung Spieler bei Rapid wird. Das war uns damals nicht bekannt, und damit haben wir erst umgehen lernen müssen. Was nach der Verletzungspause mit ihm passiert, entscheidet rein die sportliche Führung. Wenn er das Potenzial dazu hat, wird er Kadermitglied sein.

 

Welchen Führungsstil pflegen Sie als ehemaliger Berufsoffizier und langjähriger Manager in der Wirtschaft?

Situativ, den einen Führungsstil gibt es nicht. In gewissen Situationen ist es notwendig, sehr direktiv zu sein, grundsätzlich aber bin ich Anhänger eines kooperativen und kommunikativen Führungsstils und erarbeite Entscheidungen gern im Team. Ich bin sehr konsequent dahinter, dass in der Vorbereitung und Begleitung einer Entscheidung möglichst große Qualität herrscht, damit unmittelbar danach nicht wieder Diskussionen aufkommen, sondern die Umsetzung beginnt.

 

In Hütteldorf wurde schon am Montag Weihnachten gefeiert. Was macht den Geist der Rapid-Familie aus?

Etwas, das man spürt, kann man nicht erklären. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, das man erfährt, wenn mich die MA-48-Mitarbeiter mit ,Hallo Präsi‘ grüßen. Eine Gemeinschaft ohne Barrieren, bodenständig und offen. Bei der Erstellung unseres Leitbilds haben wir die Community befragt, und die häufigste Antwort, wofür der SK Rapid steht, war „eine Gemeinschaft“.

Steckbrief

Michael Krammer
wurde am 17. August 1960 in Wien geboren. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Karriere
Nach Jahren beim Bundesheer (Offizier) und ÖAMTC stieg Krammer in die Mobilfunkbranche ein, arbeitete beim T-Mobile-Vorgänger max.mobil, tele.ring, dem deutschen Anbieter E-Plus sowie One (später Orange). 2013 gründete er den Mobilfunkprovider Ventocom.

Rapid
Seit 2013 fungiert Krammer als Rapid-Präsident, im November wurde er für eine zweite Amts-zeit wiedergewählt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2016)