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Richtig helfen: Nächstenliebe – gut und gefährlich

Der barmherzige Samariter hilft einem Mann, über den er gar nichts weiß. Bild nach Eugène Delacroix.
Der barmherzige Samariter hilft einem Mann, über den er gar nichts weiß. Bild nach Eugène Delacroix.(c) Archiv
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Sie gehört zu Weihnachten, aber derzeit hat sie kein gutes Image: Nicht wenige geben der Nächstenliebe die Mitschuld an Attentaten wie dem in Berlin. Doch der Streit ums richtige Helfen ist so alt wie die Geschichte des Christentums.

Kann spontanes Mitleid schädlich sein? Die antiken Stoiker hätten wenig für Menschen übrig gehabt, die sich von dieser Gefühlsregung zum Helfen verleiten lassen. Sie lehrten, dass Affekte die menschlichen Handlungen überhaupt nicht beeinflussen sollten; so auch die „misericordia“ nicht, wie die Römer das Mitleid, das Erbarmen nannten – mit einem Begriff, der das Wort „Herz“ („cor“) sogar offen im Namen trägt.

Kirchenvater Augustinus, in dessen „Bekenntnissen“ die Emotionen nur so brodeln, dachte im 5. Jahrhundert ganz anders darüber. In seinem Werk „Über den Gottesstaat“ hat er das Mitgefühl als Handlungsmotiv entschieden verteidigt. „Viel besser und menschlicher und mildem Empfinden angemessener“ als die Haltung der Stoiker findet er, was Cicero über Cäsar sagte: „Keine von deinen Tugenden ist so bewundernswert und liebenswürdig wie dein Erbarmen.“ Dieses sei „eine Art von Mitleiden, das unser Herz ergreift fremdem Elend gegenüber und uns doch wohl antreibt, zu helfen, wenn wir können.“

Mitleid als beste Eigenschaft eines Politikers? Abgesehen davon, dass die Nachwelt diese Einschätzung Caesars nicht unbedingt teilt: Dass ein „weiches Herz“ eine gute Politikereigenschaft sein soll, ist in Zeiten der Flüchtlingskrise höchst umstritten – ungefähr so umstritten wie die Flüchtlingspolitik Angela Merkels. Wer Augustinus bedenkenlos zur Verteidigung der deutschen Kanzlerin aufrufen will, darf allerdings auch nicht unterschlagen, dass dieser das Mitgefühl nur dann als Tugend ansah, wenn es sich der Vernunft unterordnete. Das wiederum war für ihn dann der Fall, wenn dabei, zum Beispiel bei der Hilfe für Bedürftige, „die Gerechtigkeit bewahrt bleibt“.

Helfen Engel ohne Mitleid?

Was genau Augustinus als Gerechtigkeit in der Flüchtlingsfrage angesehen hätte – diese Frage kann wohl niemand beantworten. Die Schmähung Hunderttausender spontaner Helfer als naive, „Unwürdigen“ helfende „Gutmenschen“ gehörte aber sicher nicht dazu. Dafür war seine Sicht des spontanen Mitgefühls zu positiv. Augustinus vertraute auf die Gutes bewirkende Kraft dieses Affekts. Er fragte sich zwar neugierig, ob die Engel wohl ohne Zorn strafen und ohne Mitgefühl helfen – was die Menschen angeht, war er überzeugt: Ohne Gefühl geht es nicht, und das ist auch gut so.

Heute gilt sie vielen wieder einmal als schädlich, die vom Mitgefühl geleitete christliche Nächstenliebe. Wenn die deutsche Kanzlerin sie im Mund führt, wie nach den Anschlägen in Paris im November 2015 („Wir leben von der Mitmenschlichkeit, von der Nächstenliebe“), wenn Nächstenliebe zu viele Flüchtlinge ins Land bringt, die dessen Bewohner „überfordern“, wenn man damit auch Menschen hilft, die Hilfe missbrauchen oder gar ihren Helfern feindlich gesinnt sind, wenn man die „Spreu“ vom „Weizen“ nicht trennen kann und Nächstenliebe Attentäter ins Land bringt. Nicht wenige geben ihr dieser Tage wieder die Schuld an Terrorattentaten wie jenem in Berlin. Und wieder einmal wird die Frage diskutiert: Wer sind unsere Nächsten?

Heiße Dispute im Judentum

Genau diese Frage diskutierten die Rabbiner zur Zeit von Jesu Geburt äußerst intensiv. Im jüdischen Tanach, im Buch Levitikus, war der Satz „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ noch eindeutig auf die „eigenen“ Leute beschränkt, der Satz davor lautet: „An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen.“ Aber die Ausweitung des Nächsten auf alle Menschen begann im Judentum schon vor Christi Geburt und setzte sich im Lauf des 1. Jahrhunderts durch. Zur Zeit Jesu vertraten die Schriftgelehrten verschiedenste Positionen, die man in heutigen Flüchtlingsdebatten geradezu in Reinkultur wiederfindet: Die einen wollten den Begriff auf die Juden beschränkt haben. Andere forderten, Fremde solle man dann – und nur dann – lieben, wenn sie sich wie die eigenen Leute verhalten würden. Wieder andere dehnten die Nächstenliebe bedingungslos auf Fremde und Feinde aus. Der um 9 n. Chr. gestorbene Schriftgelehrte Hillel verkündete schlicht: „Was dir selbst zuwider ist, das tue deinem Nächsten nicht an. Das ist die Tora ganz und gar, alles andere ist ihre Auslegung.“

Der es sehr braucht, ist der Nächste

Jesus antwortet auf die Frage „Wer ist mein Nächster?“ des rabbinischen Schriftgelehrten mit der Geschichte vom barmherzigen Samariter – dem Angehörigen eines von den Juden gemeinhin verachteten Stamms. Dieser ist der Einzige, der den verletzt am Boden Liegenden mitnimmt, versorgt und für seine Verpflegung in der Herberge bezahlt – ohne zu wissen, mit wem er es bei diesem Menschen zu tun hat. Ja, die Frage danach wird in der Geschichte gar nicht gestellt. Und die Antwort auf die Frage „Wer ist mein Nächster?“ ist klar: der, der es gerade besonders braucht. Genauso klar wie die Absage an den Vorrang der eigenen Gemeinschaft, der „eigenen Leute“. Wenn ÖVP-Politiker Andreas Khol also kürzlich feststellte, er sei „ein Freund der Nächstenliebe“, doch „charity begins at home – wir müssen zuerst auf unsere Leut' schauen“, ist das eindeutig nicht die Nächstenliebe, die Jesus im Lukas-Evangelium meinte. Dass die Diskussion über Fernsten- und Nächstenliebe überhaupt geführt wird, liegt vor allem an der Vermischung ganz unterschiedlicher Dinge: Da ist die Tatsache, dass die Nächstenliebe immer Stückwerk bleibt und man nie allen helfen kann. Daraus folgt aber keineswegs, dass deswegen zwangsläufig die „eigenen Leute“ – und nicht die Bedürftigsten – an erster Stelle stehen müssen.

Wie man diesen Bedürftigsten richtig helfen soll, darauf gab es in den zwei Jahrtausenden des Christentums freilich höchst unterschiedliche Antworten. Wieder sind es im Grund jene, die auch heute aufeinanderprallen. Die frühen Christen hatten einen sehr unmittelbaren Anreiz für tätige Nächstenliebe, das Weltende galt als nah, das Leben im Jenseits war entscheidend. Dann schwand die Erwartung des nahen Weltendes, doch das Jüngste Gericht blieb bis ins Hochmittelalter das überzeugendste Argument für die tätige Nächstenliebe. Den Armen helfen, war nicht nur aus der Gottesliebe entstehende selbstverständliche Pflicht, sondern hieß auch, Punkte für das Jenseits zu sammeln. „Verschafft euch in den Armen Anwälte für den Tag des Gerichts“, empfahl im 6. Jahrhundert Papst Gregor der Große. Die das Mittelalter am meisten prägende Almosenlehre, jene des Thomas von Aquin, stellt ebenfalls den Nutzen für den Geber in den Mittelpunkt. Das Almosen war Gelegenheit für die Reichen, ihre Sünden zu tilgen, und half zugleich den Armen. Dass es Arme und Reiche gab, gehörte aber zur natürlichen, gottgegebenen Ordnung. Um strukturelle Veränderungen, die grundsätzliche Bekämpfung der Armut, ging es nicht.

Der Vorwurf gegen Christen, ineffizient und nur zur Selbstbefriedigung zu helfen, hält sich bis heute, schwingt aber auch in der Kritik an angeblichen naiven „Gutmenschen“ mit: Es gehe um das eigene Wohlgefühl, nicht um vernünftige große Lösungen. Das vernünftige – also möglichst wirksame, am Nehmer und nicht am Geber orientierte – Helfen hat freilich schon seit dem Humanismus und dem Übergang zur Neuzeit und der Entwicklung städtischer Fürsorge die christliche Tradition geprägt, die Armut zusehends ihren systemerhaltenden Wert verloren. Viele Ideen der frühen Neuzeit lesen sich heute erstaunlich modern. So forderte der spanische Pädagoge Juan Luis Vives in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, „nit einem yeden zu geben, das er erfordert, sondern was im nützet“. Er war für zentralisierte Kontrolle und Informationsbeschaffung, um zweckmäßig, angemessen und wirksam zu helfen und den Ausgegrenzten Chancen auf Bildung und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Der von ihm bewunderte Erasmus von Rotterdam sah als wesentliches Ziel des Helfens, Kindern aus armen Familien Bildung und damit den Weg aus der Armut zu ermöglichen. Ein weiterer Zeitgenosse, der in Straßburg tätige, damals bedeutendste deutsche Prediger, Gailer von Kaysersberg, forderte die Unterscheidung zwischen arbeitsunfähigen und arbeitsfähigen Schwachen; Letztere sollten zum Arbeiten verpflichtet werden.

Bemerkenswert dabei ist: Gerade weil man möglichst effizient helfen wollte, wurde nun erst wichtig, was der Arme selbst leistete, ob er die Hilfe auch „verdiente“ und wie man ihn sozial disziplinieren könne. „Unwürdigen“ zu helfen konnte sogar zur schlechten Tat werden und dem eigenen Seelenheil schaden statt nützen.

Perfektes Helfen gab es nie

Diese Art der Nächstenliebe kann auch gefährlich werden: Wenn die direkt sichtbare, unmittelbare positive Wirkung zum einzigen Maßstab wird, schlägt Hilfsbereitschaft rasch in Enttäuschung, Frust und Ablehnung um. Ebenso gefährlich ist es, wenn man Hilfe gegen flächendeckende Dankbarkeit zu tauschen hofft – auch da ist die Enttäuschung programmiert.

Dazu kommt, dass das spontane Mitgefühl ohnehin kein verlässliches Fundament für wirksame politische Hilfe ist; Kants Pflichtethik schon eher. Die „misericordia“ hat aber auch andere Aufgaben als die große Politik. Zum Gefährlichsten an den heutigen Debatten über Flüchtlingshilfe gehört, dass man versucht, notwendige kühle Vernunft und ebenso notwendige spontane Empathie gegeneinander auszuspielen; nur weil sie nicht immer miteinander in Einklang zu bringen sind. Das perfekte Helfen gab es nie. Genauso wenig wie die perfekte christliche Nächstenliebe, diese menschliche Totalüberforderung. Sie bleibt ein Ideal – dem man sich nähern kann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2016)