Stiglitz: USA droht "japanische Malaise"

Joseph Stiglitz
Joseph Stiglitz(c) EPA (Narong Sangnak)
  • Drucken

"Wir haben aus der Krise nichts gelernt", sagt Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Das bisherige Finanzsystem werde durch Milliardenhilfen gerettet und einfach weitergeführt.

Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz sieht die weitere Konjunkturentwicklung skeptisch. Bei der Bekämpfung der Krise sei viel falsch gemacht worden, sagte Stiglitz Donnerstagabend bei einer Feier zu "10 Jahre Spatenstich" des Tech Gate Vienna. "Wir haben aus der Krise nichts gelernt", so der US-Ökonom. Statt sich zu überlegen, wie das Finanzsystem eigentlich ausschauen sollte, werde das bisherige Finanzsystem durch Milliardenhilfen gerettet und weitergeführt.

Innovation in "kreativer Buchhaltung"

Das Finanzsystem sei einfach überdimensioniert, 40 Prozent der Unternehmensgewinne in den USA seien vor der Krise aus dem Finanzsektor gekommen. Die Innovationen hätten in "kreativer Buchhaltung" bestanden, witzelte er. Tatsächlich sollte der Finanzsektor aber Funktionen für die Gesamtwirtschaft übernehmen, denn "ohne funktionierende Banken kann die Wirtschaft nicht funktionieren", so der Ökonom.

Die Wirtschaftswissenschafter seien sich oft uneinig, die Bedeutung von Anreizen, sei jedoch unbestritten. In der Finanzwirtschaft müssten die Anreize auf langfristige nachhaltige Ziele, und nicht auf die Erzeugung kurzfristiger Blasen gerichtet sein, fordert Stiglitz.

USA droht "japanische Malaise"

Angesprochen auf Prognosen, wonach die USA schneller aus der Krise kämen als Europa, meinte Stiglitz: "Ich teile nicht ihren Enthusiasmus". Seinen Erwartungen nach kämen die USA in eine Phase schwachen Wachstums. Die offizielle Arbeitslosenrate liege bei 9,8 Prozent, tatsächlich sei aber bereits einer von sechs Amerikanern (also 16,6 Prozent, Anm.) arbeitslos - wenn man jene einberechne die die Arbeitssuche aufgegeben haben sowie jene, die nur eine Teilzeitbeschäftigung ausüben, aber Vollzeitarbeit anstrebten.

Zur Schaffung neuer Arbeitsplätze würden 3 bis 3,5 Prozent BIP-Wachstum gebraucht, die Wachstumsprognosen für die USA für 2009 und 2010 lägen aber nur bei etwa einem Prozent. Auch im Jahr 2010 werde die Arbeitslosigkeit daher weiter steigen, erwartet der US-Ökonom.

Im Jahr 2011 würden dann die konjunkturstützenden Maßnahmen auslaufen, die öffentlichen Haushalte weiter mit Einnahmenausfällen kämpfen. Daher rechne er mit zwei Quartalen der Erholung, dann könnte die USA in einen "japanische Malaise" verfallen, sagte er in Anspielung auf die lange Stagnation der japanischen Wirtschaft. Zwei Millionen Zwangsversteigerungen von Häusern in den USA stünden bevor. Der traditionelle Vorteil des US-Arbeitsmarkts, nämlich die hohe Mobilität der Arbeitsuchenden, ginge verloren, weil sie sich kein neues Haus mehr leisten könnten.

"Es gibt eine Art Defizit-Fetischismus"

Im "Ö1-Morgenjournal" am Freitag riet er den Europäern dazu, über ein weiteres Konjunkturpaket nachzudenken: "Ich denke es wäre gut, wenn die Europäer ein weiteres Konjunkturpaket schnüren. Das habe ich schon für Amerika vorgeschlagen. Was wir zumindest brauchen, ist eine Art Nofallplan. Denn wenn die Wirtschaft besser läuft, kann man den Plan immer noch verwerfen. Doch wenn sie schlechter läuft als erwartet, und wir haben keinen Notfallplan, dann sind wir darauf nicht vorbereitet."

Die Krise hat tiefe Löcher in die Staatshaushalte der europäischen Länder gerissen. So wird das Defizit in Österreich heuer voraussichtlich 3,9 Prozent betragen. In Europa wird darüber nachgedacht, wann man damit beginnen soll, die Budgets zu sanieren. Stiglitz ist aber der Meinung, dass sich die Europäer viel zu große Sorgen um die überzogenen Staatshaushalte machen: "Es gibt eine Art Defizit-Fetischismus in Europa. In keiner Firma würde man in der Bilanz nur auf die Verbindlichkeiten, also etwa auf die Kredite schauen. So läuft aber die politische Diskussion in Europa".

Man müss sich aber ansehen, was man für die Verbindlichkeiten bekommt, meint Stiglitz: "Wenn wir zum Beispiel in die Infrastruktur, in Technologie und Ausbildung investieren, dann wird die Wirtschaft am Ende stärker sein als vorher. Dann hat man zwar Verbindlichkeiten, aber dafür hat man Vermögenswerte geschaffen."

"Der Teufel steckt im Detail"

Stiglitz sorgt sich hingegen um die Reform der Finanzmärkte: "Derzeit sehe ich keine substanziellen Veränderungen. Ich glaube wir werden zwar ein paar Reformen der Finanzmärkte bekommen, aber der Teufel steckt hier im Detail. Und ich mache mir Sorgen, dass die Reformen nicht das bewirken werden, was notwendig ist."

Zudem müsse sich die Bezahlung der Bank-Manager grundlegend ändern. Es dürfe keine Anreize mehr für kurzsichtiges Handeln und übermäßige Risiken geben. Dass der Bankensektor bei den Reformen bremst, sei aber offensichtlich. Im US-Kongress kommen auf einen Abgeordneten fünf Lobbyisten der Finanzindustrie, sagt der Wirtschaftsprofessor.

(Red.)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.