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Die Traurigkeit der Dinge

Balladesk: Reinhard Wegerth gibt Objekten eine Stimme.

Reinhard Wegerth ist ein sehr eigenwilliger Schriftsteller. Ein Autor, der – etwas vereinfacht gesagt – die Dinge zum Sprechen bringt. Genauer: einer, der die Objekte zu Subjekten macht. Diese sprechenden Objekte (ein Mödlinger Beichtstuhl zum Beispiel oder ein griechischer Dornbusch) waren in den ersten zwei „Stimmenromanen“ stets solche, die etwas mit dem Autor und seiner Entwicklung zu tun hatten – ihr Blick auf den Knaben oder den nach und nach erwachsenen Reinhard W. war also ein meist etwas ironischer, der es dem Autor ermöglichte, sich selbst aus dieser jeweils angenommenen Außenperspektive zu beobachten.

Wegerths dritter Stimmenroman unterscheidet sich von diesen beiden Vorgängern dadurch, dass sich der Autor selbst total aus dem Spiel nimmt. Etwas überraschend, denn er hat – wenn auch auf etwas ungewöhnliche Weise – recht gern und manchmal kokett von sich selbst erzählt. In seinem neuen Buch aber kommt er nicht vor. Hier berichten die Dinge kaum von Einzelpersonen, sondern von Ereignissen, die über anonym bleibende Menschen hereinbrechen.

Fast ausnahmslos handelt es sich dabei um Desaster. Durch Menschen ausgelöste, aber nicht von Menschen, sondern eben von den involvierten Dingen erzählte Katastrophen. Da erzählt ein überladenes Fährschiff von seinem durch Überlastung ausgelösten Untergang bei Zeebrügge oder das Mururoa-Atoll von seiner sukzessiven Zerstörung durch Atomexplosionen. Da erzählt das Öl, das vor der Küste Alaskas aus einem Tanker ausläuft, da erzählt der Schnee, der über dem Dorf Galtür ins Rutschen gerät.

Kaum zu glauben, aber die Stimmen sind in den meisten der 16 Prosastücke, die das Buch umfasst, durchaus glaubwürdig. Natürlich muss man akzeptieren, dass die Objekte sprechen, mit der gleichen Selbstverständlichkeit, wie sie es im Märchen tun. Etwa – erinnern wir uns – der Apfelbaum, der ein junges Mädchen, das beinahe an ihm vorbei gelaufen wäre, ersucht, die Äpfel von seinen Zweigen zu schütteln. Oder das Brot im Backofen, das nicht nutzlos verbrennen will.

 

Kein Märchenerzähler

Nein, Reinhard Wegerth ist kein Märchenerzähler, in diesem Buch schon gar nicht. Die Sprache, in der er die Dinge sprechen lässt, ist keine Märchensprache. Sie ist eigenartig verknappt, verdichtet, sehr überzeugend zum Beispiel als Sprache der Steine, die von Mekkapilgern auf drei Säulen geworfen werden, die den Teufel symbolisieren. Ein altehrwürdiges Ritual, das allerdings bei der durch moderne Verkehrsmittel kaum mehr berechenbaren Zunahme der Hadschis immer gefährlicher wird und bei ausbrechender Panik Hunderte Todesopfer durch Niedertrampeln fordert.

Vieles von dem, was Wegerth in diesem Buch aufgreift, kennt man aus den Schlagzeilen. Doch die Sprache, die er den Objekten verleiht, klingt anders, als die des Journalismus. Refrainhafte, manchmal fast beschwörend wirkende Wiederholungen und Modifizierungen geben den Texten Struktur. Das ist Prosa, keine Frage, doch manchmal hat sie etwas von Liedern, traurigen, die Dummheit und Bosheit der Menschen anklagenden Balladen, die aus dem Inneren der Dinge klingen.

Besonders beeindruckt hat mich der Text über 9/11. Darüber wurde ja wirklich schon viel geschrieben. Dicke und allzu dicke Romane, Zehntausende Seiten. Ich weiß nicht, ob viele darunter sind, die so nüchtern erschüttern wie die acht Seiten, auf denen Wegerth die zusammengebrochenen Twin-Towers zu Wort kommen lässt.

Reinhard Wegerth
Als es geschah
Stimmenberichte. 126 S., geb., € 18 (Sisyphus Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2016)