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Es gibt Sie nicht!

Das Gehirn schließt das Ich in sich selbst ein. Es baut ihm quasi eine Höhle. Das ist die These des Hirnforschers Thomas Metzinger in seinem Band „Der Ego-Tunnel“. Ein philosophischer Einspruch.

Zuerst die schlechte Nachricht: Sie selbst, liebe Leserin, lieber Leser, existieren nicht. Und nun die gute Nachricht: Sie selbst brauchen gar nicht zu existieren, solange Ihr Gehirn existiert. Würden Sie selbst existieren, Sie würden bloß Ihr Gehirn bei seiner Arbeit stören. Was tut Ihr Gehirn? Natürlich eine Menge Sachen, von denen Sie gar nichts wissen und auch nichts zu wissen brauchen. Würden Sie alles wissen, was Ihr Gehirn den lieben Tag lang tut, dann wären Sie reif fürs Irrenhaus. Eines der Dinge, das Ihr Gehirn tut, um Sie vor dem Irrenhaus zu bewahren, besteht in der Erzeugung Ihres Bewusstseins. Denn Ihr Bewusstsein lässt Sie glauben, dass die folgenden Sätze wahr sind: „Ich habe einen Körper. Ich habe Gefühle und Gedanken. Ich lebe hier und jetzt. Ich bin in der Lage, mir Ziele zu stecken. Ich bin frei, Handlungen zu setzen, um meine Ziele zu erreichen. Es ist mir häufig möglich, die Dinge um mich herum korrekt wahrzunehmen. Manchmal täusche ich mich, doch ich bin fähig, mich zu korrigieren, weil ich mit der Außenwelt in Kontakt treten kann.“

Was Sie nicht wissen, es sei denn, Sie lesendas Buch von Thomas Metzinger über den „Ego-Tunnel“, ist aber, dass alle diese Sätze falsch sind. Sie sind falsch, weil Ihr Gefühl, Sie selbst zu sein, ausgestattet mit festen Körpergrenzen in einer Ihnen erlebbaren Umwelt, zur Gänze eine Schöpfung Ihres Gehirns ist. Diese Schöpfung, also Sie selbst samt all Ihren Erlebnissen, dient bloß dazu, die Überlebensfähigkeit Ihres Körpers – und damit Ihrer DNA, Ihrer eigensüchtigen Gene – in einer Welt sicherzustellen, deren Lebensfeindlichkeit notorisch und deren Komplexität für das Fassungsvermögens eines menschlichen Gehirns viel zu groß ist.


Das Hirn baut sich einen Tunnel

Nur indem Ihr Gehirn Sie quasi in Sie selbst einschließt, das heißt, für Sie gleichsam einen Ego-Tunnel, eine Ich-Höhle baut, finden Sie sich in der Komplexität zurecht. Damit Sie sich zurechtfinden, brauchen Sie eine Menge an möglichst einfachen Illusionen (Körperbild, Ichgefühl, Weltkontakt, Willensfreiheit) – Illusionen, die eine noch viel größere Menge an Nichtillusionen ausblenden, nämlich die Wirklichkeit, so wie sie wirklich ist. Alles klar?

Ich habe Ihnen jetzt die Gehirnphilosophie des Frankfurter Neurophilosophen Thomas Metzinger zusammengefasst. Er ist Autor des Buches „Der Ego-Tunnel“ mit dem bescheidenen Untertitel „Eine neue Philosophie des Selbst“. Die Vorzüge des Buches sind eklatant: Es ist flüssig und kompetent geschrieben. Es unterhält mit einer Fülle erklärungsbedürftiger Phänomene, beginnend mit der Verschiebung der eigenen Ich-Grenzen über diverse Erlebnisse der Außerkörperlichkeit bis hin zu luziden Träumen und pharmazeutisch erzeugten Gotteserlebnissen. Entscheidend für die Beurteilung des Buches ist allerdings, wie man Metzingers Thesen bewertet. Da ich schon diverse Bücher des hirnfundamentalistischen Genres gelesen habe, bin ich abgehärtet. Aber sind Sie es auch? Damit Sie nicht glauben, ich dichte Metzinger eine Philosophie an, zitiere ich das Resümee, mit dem er uns nach vielerlei Berichten über Phantomglieder und andere Phantome verblüfft: „Das Ego ist ein virtuelles Werkzeug. Es hat sich entwickelt, weil wir mit seiner Hilfe unser eigenes Verhalten kontrollieren und vorhersagen und das Verhalten anderer verstehen konnten. Jeder von uns lebt sein bewusstes Leben in seinem eigenen Ego-Tunnel, ohne direkten Kontakt mit der äußeren Wirklichkeit, aber wir besitzen eine innere Erste-Person-Perspektive. Aus diesem Grund baut sich die Weltsimulation, die ständig durch unsere Gehirne geschaffen wird, um einen Mittelpunkt herum auf. Wir sind Ego-Maschinen, aber wir haben kein Selbst. Wir können den Ego-Tunnel nicht verlassen, weil es niemanden gibt, der ihn verlassen könnte.“

Alles klar? An anderen Stellen seines Buches schildert Metzinger ausführlich, wie er seinen Körper verließ – er hatte mehrfach Körperaustrittserlebnisse – und wie er sich danach eine Zeit lang von außen selbst beobachtete. Sofern wir keine Spiritisten sind, werden wir annehmen, dass derlei Erlebnisse von unserem Gehirn autonom erzeugt werden. Die Erlebnisse sind wirklich, hingegen ist das, was wir mit Bezug auf unseren Körper erleben, bloß „eingebildet“. Freilich, folgt aus dem Umstand, dass wir unseren „Ego-Tunnel“ nicht verlassen, unsere Ich-Perspektive nicht überwinden können, dass es kein Ich oder Selbst gibt? Die Antwort lautet: Das folgt daraus ebenso wenig, wie – sagen wir – aus dem Umstand, dass die Muschel ihre Schale nicht verlassen kann, folgt, dass es keine Muschel gibt.

Sicher, wir haben es hier mit rätselhaften Vorgängen zu tun, die leicht zu Fehlschlüssen führen. Unser Selbst ist – um den englischen Philosophen Gilbert Ryle zu zitieren – gewiss kein „Gespenst in der Maschine“. Es ist kein immaterielles Püppchen in einer materiellen Köperpuppe. Nein, unser Selbst oder Ich (das Wort tut nichts zur Sache) ist vielmehr jene rätselhafte Instanz, auf die wir uns fortwährend beziehen, indem wir sagen: „Ich habe einen Körper. Ich habe Erlebnisse und Absichten. Ich bin in der Lage, etwas zu tun oder nicht zu tun.“ Am unmittelbarsten beziehen wir uns auf uns selbst, wenn wir sagen: „Ich bin ich.“

Nach Metzinger liegt das illusionäre Moment unseres Ichs oder Selbst darin, dass es vom Gehirn erzeugt wird, um uns eine Welt vorzutäuschen, die objektiv gar nicht existiert. Dabei übersieht Metzinger einen Gemeinplatz philosophischer Grundkurse: Auch wenn wir bloß zu einer illusionsgetränkten Erkenntnis der Außenwelt fähig wären, würde das nicht bedeuten, dass unser „Selbst“ im Alltagssinne („Ich bin mir meiner selbst bewusst“) eine Illusion wäre. Denn hier geht es fundamental darum, dass wir uns, aufgrund welcher Gehirnaktivitäten immer, als Wesen erleben, die ihrer selbst bewusst sind. Oder wie René Descartes argumentierte: „Ich existiere, weil ich mir dessen bewusst bin, dass ich es bin, der denkt, zweifelt, irrt.“ Angenommen, Descartes irrte, als er dachte, sein Ich sei eine ortlose Seelensubstanz. Dann lautet sein wesentlicher Punkt trotzdem: „Indem ich denke, ich sei eine Substanz, irre ich mich vielleicht; aber ich kann mich nicht darin irren, dass ich es bin, der sich dessen bewusst ist, dass er denkt. Ich denke, also bin ich.“

Kurz: Ich bin das Wesen, welches existiert, insofern es sich seiner selbst bewusst ist. Daher scheint es witzlos, aus der „Subjektivität“ meiner Existenz auf meine „objektive“ Nichtexistenz schließen zu wollen. Genau das jedoch tut Metzinger: Aus dem Umstand, dass das Bewusstsein meines Selbst wesentlich eine Tatsache meines Selbstbewusstseins ist, soll folgen, dass ich bloß eine Illusion bin, die von meinem Gehirn erzeugt wird. Hier herrscht mehr Verwirrung als Einsicht – ein Zustand, der für die heutige Neurophilosophie typisch ist.

Eine andere neurophilosophische Idee hat schwerwiegendere Folgen. Angenommen, das Bild der Welt, das uns unser Gehirn bereitstellt, setzt sich samt und sonders aus Erlebnissen im Ego-Tunnel zusammen; und ferner angenommen, diese Erlebnisse sind samt und sonders Illusionen – wie wäre es dann jemals möglich, irgendeine Erkenntnis über die objektive Wirklichkeit zu gewinnen? Haben Neurophilosophen wie Metzinger recht, dann ist das gesamte Erlebnismaterial, auf das sich unser wissenschaftlicher Verstand stützt, nichts als eine riesige hirnproduzierte Illusion. Eingeschlossen in unserer Bewusstseinshöhle, könnten wir niemals wissen, wie sich unsere Erlebnisse zur Realität verhalten. Ja, selbst die Frage, ob es überhaupt eine Realität gibt, bliebe notgedrungen unbeantwortet.

Schenken wir Metzinger Glauben, dann funktioniert die Erkenntnisdynamik der Wissenschaft nach dem Prinzip des Barons Münchhausen, der sich beim eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen wollte. Denn aus den Illusionen unseres Ego-Tunnels formen wir ein Modell der bewusstseinsunabhängigen Realität. Dieses Modell legt fest, dass wir ein Gehirn haben, welches uns mit Illusionen umschließt und uns dabei „jeden direkten Kontakt mit der äußeren Wirklichkeit verwehrt“. Und nun die Pointe: Unser Gehirn ist Teil der äußeren Wirklichkeit.

Seiner eigenen Neurophilosophie entsprechend, müsste Metzinger einräumen, dass das Gehirn, das wir erkennen, nicht jenes der äußeren Wirklichkeit – der bewusstseinsunabhängigen Realität – sein kann. Das Gehirn, von dem die Wissenschaft behauptet, es sei Teil der äußeren Wirklichkeit, ist stattdessen ein von uns konstruiertes „Modell“, das sich ausschließlich auf die uns zugänglichen Illusionen im Ego-Tunnel zu stützen vermag. Auch unser Gehirn wäre demnach nur ein auf Illusionen gebautes Konstrukt unseres Gehirns, letzten Endes eine sich selbst erzeugende Illusion!


Wissenschaft als Glasperlenspiel

Die grundsätzliche Alternative, vor die wir uns als Erkennende gestellt sehen, lautet: Entweder wir haben von vornherein einen Kontakt zur Realität, sind demgemäß immer schon „draußen“, oder alle Wissenschaft bleibt für alle Zeit ein Glasperlenspiel von Illusionisten, ob sie nun Quantenphysik, Kosmologie oder Gehirnforschung betreiben. Metzinger vernebelt diese Alternative durch allerlei metaphorischen Schnickschnack. Es ist von „Simulationen“ und „virtueller Realität“ die Rede. Der Ego-Tunnel wird mehrfach als ein Produkt der „Mutter Natur“ bezeichnet, die weder Absichten verfolgt, noch nach Zielen strebt, sondern als „blinder Mechanismus“ nach den Gesetzen der Evolution funktioniert, nicht ohne dem „Gesetz des Zufalls“ Tribut zu zollen.

Begrifflich derart hochmunitioniert, landet Metzinger bei zwei Kernaussagen. Erstens: „Wir sind selbstlose Egomaschinen.“ Und zweitens, im Widerspruch zu erstens: „Das bewusste Selbst ist weder eine Form von Wissen noch eine Illusion. Es ist einfach, was es ist.“ Wir sind folglich – aufgepasst! – selbstlose Maschinen, die ein bewusstes Selbst haben, das einfach ist, was es ist. Alles klar? Metzingers Credo hört sich an wie ein Koan, eine Sentenz der tiefen Unsinnsdichtung im Zen-Buddhismus; es ist aber nichts weiter als die neueste Münchhauseniade der naturalistischen Körper-Geist-Spekulation.

Krönender Abschluss: Metzingers Plädoyer für eine neue „Bewusstseinsethik“. Dabei geht es um die weltbewegende Frage, wie viel der zukünftige Mensch sich an Wissen über das, was ihm sein Gehirn verbirgt, zumuten sollte, notabene unter dem Einfluss bewusstseinserweiternder Drogen. War es doch die blinde Mutter Natur, die absichtslos den Ego-Tunnel aus Illusionen baute, der es uns erst ermöglicht, absichtsvoll zu überleben.

Ich halte mich lieber an die alte Ethik. In ihr galt der Grundsatz, man sollte aus einer Mücke keinen Elefanten machen. Metzinger macht aus Erkenntnismücken die Weltformel des Selbst. Dadurch löst er zwar nicht das Rätsel des Bewusstseins, demonstriert aber das Selbstbewusstsein der Neurophilosophie. Diagnose: Überwertigkeitsgefühl. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2009)