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Wenn ein altes Retrocafé zur Aida-Filiale wird

Das ehemalige Café Mentone in der Kirchengasse
Das ehemalige Café Mentone in der KirchengasseErich Kocina
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Das Café Mentone in der Kirchengasse, das Ende Mai zugesperrt hat, wird wiederbelebt: als Filiale der Konditoreikette Aida. Das Flair des Kaffeehauses soll trotz Zugeständnissen an die Corporate Identity erhalten bleiben.

Wien. „An manchen Tagen, an den guten, waren wir vielleicht so ein Ort!“ Einer, an dem sich Menschen austauschen, lesen, sich kurz vom Alltag ausklinken. Für manche sogar eine Zuflucht. Es waren wehmütige Worte, mit denen die Betreiber des Cafés Mentone im Mai dessen Ende auf einem Zettel in der Auslage verkündeten. Das kleine Kaffeehaus in der Kirchengasse war über Jahre eines dieser kleinen Refugien der Langsamkeit im Einkaufs- und Flanierterritorium rund um die Mariahilfer Straße.

Ein Familienbetrieb, der so retro war, dass das Handy der Gäste lieber in der Tasche gelassen wurde – es hätte das Flair konterkariert, wäre ein Störfaktor im Ambiente des 1950er-Jahre-Espressos gewesen. Mit den kleinen Holztischchen, der markanten Uhr an der Spiegelwand und den lederüberzogenen Sitzen aus dunklem Holz.

Kein Hipsterlokal

Wieder ein altes Café, das verloren geht. Die reflexhafte Befürchtung, die so oft auftaucht, wie ein traditionelles Lokal schließt, dürfte sich diesmal aber nicht bestätigen. Denn mittlerweile ist klar, dass das Lokal von der Konditoreikette Aida übernommen wird. Noch im ersten Quartal 2017 soll es eröffnet werden. Ein Gedanke, der naheliegt. Nicht zuletzt, weil auch die Geschichte kursiert ist, dass hier vor dem Mentone schon eine Aida-Filiale untergebracht war. Allein, es stimmte nicht. „Es befand sich keine Aida-Filiale in den Räumlichkeiten“, sagt Sprecher Stefan Ratzenberger. Wenn ihm auch das Gerücht bekannt war.

Möglich, dass es daher rührte, dass im Café auch Aida-Süßigkeiten angeboten wurden. Oder aber es kam vom Ambiente, das durchaus an alte Aida-Filialen erinnert. Dementsprechend will man bei der Neueröffnung auch behutsam vorgehen. „Natürlich wird es ein bisschen rosa werden“, sagt Ratzenberger, „aber sonst versuchen wir, von der Einrichtung alles so zu behalten, wie es ist.“ Man werde jedenfalls nicht krampfhaft versuchen, etwas Neues zu erfinden.

So viel Freiheit habe man, dass man auf die Gegebenheiten Rücksicht nehmen könne – von holzgetäfelten Filialen wie in der Wollzeile bis zu Massenfilialen mit 1950er-Chic. Im konkreten Fall sucht man für das Lokal keinen Franchisenehmer, sondern wird das Café selbst betreiben. Derzeit hat Aida 28 Filialen in Wien, je eine in Großenzersdorf und in der SCS.

In der Kirchengasse wartet man noch auf alle Genehmigungen für den Start. Spätestens Ende März sollte aber klar sein, ob das Lokal seine alte Funktion wieder übernehmen kann – als kleines Refugium im Einkaufsterritorium.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2016)