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Die Rache mit Bilsenkraut

Toxisch: Helmut Eisendles Nutzpflanzen-Kompendium.

Um den Eintritt des Erbfalls bei Bedarf zu beschleunigen, wird in ländlichen Gefilden empfohlen, dem ablebensresistenten „Ahnl“ folgendes Menü zu kredenzen: Bärlauchsuppe mit Maiglöckchenbeimengung, Champignonschnitzel mit grünem Knollenblätterpilz und zum Ab- schluss ein Tollkirschenkompott. „Wenn s' das übersteht, darf s' weiterleben“, sagt man. Da solch ein Ausgang aus Sicht des Täters aber zu vermeiden ist, empfiehlt es sich, vor dem Anschlag Wirkungsweise und nötige Dosis der toxischen Gewächse genauer zu studieren. Mit seiner Sammlung „Tod und Flora“ hat Helmut Eisendle ein anregendes Kompendium geschaffen, das dem Interessierten für jede Jahreszeit Nutzpflanzen der etwas anderen Art präsentiert.

Das Buch wurde ursprünglich als Unikat hergestellt; der Autor, stets von finanziellen Engpässen geplagt, verkaufte es an seinen Verleger, der es nun in einer Faksimile-Ausgabe herausbrachte; woraus sich der glückliche Umstand ergibt, dass sechs Jahr nach Eisendles Tod eine Erstveröffentlichung erscheint, in der dasschurkisch-schelmische Philosophieren des Dichters noch einmal auf sehr vergnügliche Weise zutage tritt.

Dem „asthenischen Täter“, jenem also, dem es aufgrund gedämpfter Energie an Entschlusskraft fehlt, stellt Eisendle in Wort und Bild eine Reihe gesundheitsschädlicher bis hochtoxischer Pflanzenvor, jeweils begleitet von einem exemplarischen Fallbeispiel, in dem ein Geplagter seine Hemmungen überwand und einem notorischen Quälgeist oder Tyrannen eine entsprechende Dosis der giftigen Substanz verabreichte.


Störungen des Nervensystems

Nicht immer führte dies gleich zum Exitus: Eisendle stellt auch Fälle vor, in denen das Opfer bloß besorgniserregende Störungen des Nervensystems erleidet; die Vergeltung sollte dem Ausmaß des Vergehens angemessen sein und im Idealfall in einer assoziativen Beziehung zu ihm stehen. So etwa mischte ein jahrelang als „Brillenschlange“ Verunglimpfter seinen Bekannten Bilsenkraut in den Wein, mit dem Effekt, dass sie von groben Sehstörungen heimgesucht wurden. Kaukasus-Scopolina erzeugt Flimmern vor den Augen, Farbenblindheit und Doppelsehen, wobei Letzteres in Verbindung mit alkoholischen Getränken besonders verlässlich eintritt. Ein Teelöffelchen des zerriebenen Krautes genügt für reversible Effekte, die dreifache Dosis führt zu dauerhafter Blindheit.

In den einleitenden Betrachtungen beschreibt Eisendle sein Werk als nützlich; tatsächlich könnte man es als einen Ratgeber bezeichnen, der freilich etwas aus dem Rahmen dieser Produktgruppe fällt. Den Vorzug der Konfliklösung auf dem Wege der Giftpflanzenverabreichung sieht er in der „Sicherheit und Heimtücke“ der Aktion. Sie erlaubt es, einen Zustand der Unterdrückung und der ungleichmäßigen Verteilung der Macht aufzuheben. „Je größer die List, desto größer die Lust und Erfolgswahrscheinlichkeit.“

Das Zusammenspiel von List und Lust zeichnet auch die Rhetorik des Autors aus. Im Stile strenger philosophischer Argumentation erklärt er den Nächstenhass als gerechtfertigt und die Ergreifung entsprechender Maßnahmen als legitim. Somit erspart er sich und dem Leser das bei derlei Überlegungen obligate aufgesetzte Augenzwinkern, und das ist gut so. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2009)