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Obama erhält den Spießerpreis

Dass der amerikanische Präsident den Nobelpreis erhält, ist eine Dokumentation des Antiamerikanismus.

Mit der Bekanntgabe des norwegischen Nobelpreiskomitees hat Freitagmittag in den Internetforen eine heftige Debatte eingesetzt. Ist die Entscheidung, wie das „Wall Street Journal“ meint, „grotesk“? Oder ist es die verdiente Anerkennung dafür, dass die Vereinigten Staaten unter Obamas Führung nach den finsteren Bush-Jahren zur Führungsmacht der Wohlgesinnten werden, die sich für Frieden, Gerechtigkeit und Klimaschutz einsetzen?

Man kann endlos streiten, ob der Präsident einer Weltmacht, die sich de facto ständig im Kriegszustand befindet, für die Vergabe des Friedensnobelpreises überhaupt infrage kommt. (Wir Österreicher haben diese Debatte auf Operettenniveau rund um die Seligsprechung Kaiser Karls geführt.) Ist es sinnvoll, jemanden schon für seine Behauptung, er wolle Frieden stiften, auszuzeichnen? Schwer zu sagen.

Viel interessanter als unsere individuelle Einschätzung darüber, ob Barack Obama ein würdiger Preisträger ist oder nicht, sind die Motive, von denen die Mitglieder des Vergabekomitees geleitet wurden. Die Formulierungen, die man wählte, lassen wenig Zweifel offen: Die Vergabe des Friedensnobelpreises an den amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten dokumentiert eine spezifische, global verbreitete Form des Antiamerikanismus.


Obama hat als Präsident ein neues Klima in der internationalen Politik geschaffen“, lobt das Nobelpreiskomitee: „Multilaterale Diplomatie steht wieder im Mittelpunkt, mit besonderem Gewicht auf der Rolle, die die Vereinten Nationen und andere internationale Organisationen spielen. Dialog und Verhandlungen sind hier die bevorzugten Mittel, um auch die schwierigsten internationalen Konflikte zu lösen.“ Und: „Durch Obamas Initiativen spielen die USA jetzt eine konstruktivere Rolle zur Bewältigung der enormen Klimaherausforderungen, mit denen die Welt konfrontiert ist.“

Das ist die Sprache des „liberalen Spießers“, wie ihn der deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht in der jüngsten Ausgabe des deutschen Magazins „Cicero“ als „Idealtypus der global gebildeten Mittelschicht“ beschrieben hat: Leute mit hohem Bildungsniveau und ohne unmittelbare finanzielle Sorgen, „die zum ersten Mal traditionelle Intellektuellenpositionen zu potenziellen oder schon faktischen Mehrheitspositionen gemacht“ haben. Durch die „Vielstimmigkeit der Meinungskonvergenz“ sind sie davon überzeugt, dass sie nicht nur die Weltöffentlichkeit, sondern auch das Weltgewissen sind, weshalb zu dieser neuen global-gesellschaftlichen Formation auch „eine Blindheit gegenüber allen abweichenden Gedanken“ gehört.

Der global-liberale Spießer, schreibt Gumbrecht, nimmt es – selbst wenn er Amerikaner ist – der Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung übel, „dass sich eine Reihe zentraler Wertsetzungen während der Jahrzehnte seit dem Zweiten Weltkrieg zwischen Amerika und Europa divergent ausgebildet haben“: De-facto-Pazifismus, Umverteilungsfragen, Schwangerschaftsabbruch, Todesstrafe.


Dieselben Leute, die in den europäischen Positionen zu diesen Fragen „den gegenwärtigen Stand im moralischen Fortschritt der Menschheit“ sehen, wollen den Iran vor amerikanischer Aggression schützen, billigen dem Taliban-Regime berechtigte antiimperialistische Motive zu und sehen in Hugo Chávez einen Che-Guevara-Ersatz der Gegenwart. China möchten sie so gern als dominierende Weltmacht der Zukunft sehen, „dass neuerdings die Frage als tief gilt, ob denn nicht eine besondere Weisheit in der Verweigerung demokratischer Grundrechte liegen könnte“. Das alles würde der Mehrheitsintellektuelle natürlich nie offensiv behaupten, er verwendet die Argumente nur dann, „wenn jemand versucht, für die Legitimität amerikanischer (oder auch israelischer) Strategien in der internationalen Politik zu argumentieren“.

Dass Obama-Bewunderung und Antiamerikanismus kompatibel sind, hat sich im Präsidentschaftswahlkampf angekündigt und seither bestätigt: Man verachtet nicht mehr die US-Regierung, sondern äußert Sorge um die amerikanische Gesellschaft und die Hoffnung, dass sie – mit Obama – europäisiert werden kann.

„Über 108 Jahre hat das norwegische Nobelkomitee genau die Art von internationaler Politik und von Haltungen zu verstärken versucht, für die Obama jetzt zum weltweit führenden Sprecher geworden ist“, heißt es in der Begründung.

Zu Deutsch: Barack Obama erhält den globalen Spießerpreis.


michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2009)