Die junge Generation zieht weg aus Italiens Touristenstadt. Eine Wohnung zu finden, ist fast unmöglich. Für Hausbesitzer ist es lukrativer, an Urlauber zu vermieten. Initiativen wehren sich.
„Ich habe einfach Angst davor, wie Venedig in 30 Jahren sein wird“, sagt Marco Caberlotto. Geschätzte 30 Millionen Touristen kommen jedes Jahr nach Venedig – etwa die Hälfte nur für ein paar Stunden. „Gezählt werden können aber nur die Übernachtungen“, sagt der 25-Jährige. Diejenigen, die nur so kurz bleiben, bringen der Stadt kaum Geld: „Sie zahlen keine Übernachtungssteuer und trinken während ihres Besuchs vielleicht einen Kaffee, das wars. Die meisten Besucher verlassen die Stadt wieder, ohne sie kennengelernt zu haben.“
Venedig war schon immer eine Stadt, in der viele Kulturen aufeinandertrafen. Die günstige Lage am Meer machte sie früh zur Handelsstadt. Doch nun fürchten die Bewohner um ihre Zukunft. Die Zahl der Besucher Venedigs hat sich in den vergangenen 25 Jahren fast vervierfacht. Der Masse der Touristen stehen in Venedigs historischem Zentrum immer weniger Einwohner gegenüber. Unter 55.000 ist die Zahl in diesem Jahr gerutscht – Tendenz weiter sinkend. Vor 1990 waren es noch 78.000. Fast die Hälfte derer, die noch da sind, sind älter als 60. Nur etwa 9000 sind unter 18. „Aus meiner Klasse, wir waren damals 25 Jungen und Mädchen, leben heute mit mir zusammen noch sieben hier in der Stadt“, erzählt Caberlotto. Der gebürtige Venezianer ist einer der Mitbegründer der Generazione 90, einer Initiative junger Leute, die sich dagegen wehren, dass sich ihre Stadt immer mehr den Bedürfnissen der Touristen anpasst, anstatt sich am Alltagsleben ihrer Bewohner zu orientieren. Sie wollen Venedig wieder lebenswerter machen. Das soll am Ende auch den Touristen zu Gute kommen. Im Juni dieses Jahres haben eine Handvoll junger Venezianer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren die Initiative gegründet.
Das größte Problem, mit dem die jungen Venezianer zu kämpfen haben, ist die Wohnsituation. Venedig ist begrenzt, von Wasser umgeben, Neubauten gibt es kaum. Für Hauseigentümer ist es wirtschaftlich lukrativer, ihren Wohnraum an Touristen zu vermieten als an Einheimische. „Für eine kleine 40-Quadratmeter-Wohnung, die noch nicht mal gut in Schuss ist, zahlt man hier auf der Insel mehr als 1000 Euro“, sagt Caberlotto. Er hat Glück: Er wohnt direkt an der berühmten Rialto-Brücke, in einem Haus, das seiner Mutter gehört.
Kaum mehr normale Läden
Piero Dri kann sich die Mieten in der Stadt nicht leisten. Der 33-Jährige lebt daher noch bei seiner Familie. Zwar hat er in Padua Astronomie studiert, seine Berufung hat er anderswo gefunden. Heute steht er in seiner Werkstatt, in der der Duft von Sägespänen in der Luft hängt. Dri ist Forcolaio und beherrscht damit ein traditionelles Handwerk – er stellt die Gabeln her, die als Halterung und Stabilisierung der Ruder der Gondoliere dienen. Zwischen 150 und 1100 Euro kostet eine Gabel, die er aus einem einzigen Stück Walnussbaumholz fertigt. Außer ihm gibt es noch drei weitere Meister in der Stadt.
„Ich war mit meinem Großvater schon immer im Boot auf dem Wasser unterwegs“, schwärmt er. „Die Boote gehören einfach zu der Lebensart dieser Stadt dazu, sie geben ihr so eine natürliche Langsamkeit.“ Was ihn stört, ist nicht, dass es in Venedig keine Diskothek gibt. „So etwas brauche ich nicht.“ Aber es fehlen immer mehr Geschäfte des alltäglichen Lebens: Schuhmacher, Reinigungen, Fleischer oder Bäckereien. „Dafür haben wir an jeder Ecke ein Geschäft mit venezianische Masken oder Handybedarf“, sagt Dri, der Teil der Bewegung 25. Aprile ist, ein weiterer Zusammenschluss junger Venezianer. „Am Ende ist es doch alles dasselbe, was diese Läden hier verkaufen.“
Anders als die Initiativen, die sich in Venedig seit Jahren gegen die hochhaushohen Kreuzfahrtschiffe wehren, die direkt an die Lagunenstadt heranfahren, wollen die jungen Aktivisten konstruktive Vorschläge machen. Marco Caberlotto zählt ein paar auf: So sollte die Stadt Hausbesitzern Anreize dafür geben, an junge Familien zu vermieten statt an Touristen, steuerliche Vorteile beispielsweise. Oder sie sollte mit Online-Plattformen wie Airbnb eine Abmachung treffen, dass die Übernachtungssteuer bereits bei der Buchung entrichtet wird. Warum er nicht auch das Weite sucht? „Weil es Venedig ist“, sagt Marco Caberlotto. Eine Stadt ohne Autos, ohne Metro, ohne Hektik. „Wo du hinwillst, gehst du zu Fuß hin. Und wenn du zu spät dran bist, musst du eben schneller laufen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2016)