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Zigaretten, Alkohol, Skischuhe: Und was wird 2017 alles verboten?

(c) BilderBox
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In einer chaotischen Welt wächst die Sehnsucht nach geordneten Verhältnissen. Die Lösung der Politik lautet meist: Verbote, Verbote, Verbote.

Jetzt ist auch im Tiroler Winterskiort Ischgl endlich wieder Ordnung eingekehrt. Das Skischuhverbot ist ohne größere Komplikationen in Kraft getreten. Die Gäste akzeptieren es, die eigens dafür angeheuerten Security-Leute mussten bisher nicht einschreiten, berichtet der Tourismuschef voller Stolz. Seit wenigen Wochen gehen die Urlauber ab 20 Uhr also auf leisen Sohlen durch den Ort. Kein Herumgeklapper mehr. Auch das Schultern von Skiern ist in den Abendstunden per Geldstrafe untersagt. In den Tiroler Bergen herrschen nämlich Zucht und Ordnung.

Was lernen wir daraus? Die Leute haben sich wieder daran gewöhnt, gemaßregelt zu werden. Noch vor ein paar Jahren hätten wir uns an den Kopf gegriffen, wenn Sittenwächter beim Après-Ski mit erhobenem Zeigefinger mehr Disziplin gefordert hätten. Wir hätten uns an den Kopf gegriffen, wenn wir in der Wiener U-Bahn spießige Werbespots gesehen hätten, in denen man uns darauf aufmerksam macht, dass man in der U-Bahn nicht laut Musik hören, keine unangenehmen Gerüche absondern soll und so weiter. Heute finden wir das gut, dass uns die öffentliche Hand mit öffentlichem Geld wieder Manieren beibringt. Ein Wunder, dass noch kein Politiker das Verzehren von Speisen in der Öffentlichkeit verbieten will, oder das Tragen von Kopfhörern. Da ist noch reichlich Luft nach oben.

In einer immer chaotischeren Welt, in der wir uns immer unwohler fühlen, in der wir uns ungeahnten Gefahren ausgesetzt sehen, gibt es eine große Sehnsucht nach sogenannter Normalität. Wer aus der Reihe tanzt, ist zumindest verdächtig, möglicherweise sogar gefährlich. In diesem Klima der Unsicherheit greifen Politiker gern zu einem probaten Mittel: dem Verbot.

Und im heurigen Jahr schöpften sie aus dem Vollen: Burka-Verbot, Burkini-Verbot, Bankomatgebührenverbot, Fake-News-Verbot, Bitcoin-Verbot, Bargeldverbot, Zigarettenautomatenverbot. Kaugummiautomatenverbot. Das ist jetzt nur ein kleiner, nicht repräsentativer Auszug aus allem, was Politiker und Experten an Verboten in den vergangenen Monaten in Betracht gezogen haben.

„Die Neigung, andere einer Lebensart zu unterwerfen, die man als nützlicher für sie ansieht, als sie selbst es tun, ist in England nicht weitverbreitet“, schrieb John Stuart Mill. Das war vor 150 Jahren. Heute würde es dem britischen Philosophen und Ökonomen wohl die Sprache verschlagen, mit welcher Selbstverständlichkeit wir uns bereitwillig und dankbar entmündigen lassen. Mit welcher Unverschämtheit wir versuchen, anderen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Ständig wird uns unter die Nase gerieben, was für uns gesünder, besser und klüger wäre. Keine Zigarette, kein Alkohol und ja keine versteckten Fette. In manchen Wiener Kindergärten soll es sogar ein Geburtstagstortenverbot geben.

Es bleibt jedem selbst überlassen, ob er diese Auswüchse einer Verbotskultur zum Lachen oder zum Weinen findet. Aber wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der wir Probleme, die früher unter vernünftigen Menschen ausdiskutiert wurden, vor dem Obersten Gerichtshof durchfechten? Wenn Höchstrichter heute über Rauchverbote in der eigenen Wohnung entscheiden (müssen), was kommt dann morgen auf uns zu?

Das Recht, zu denken, zu sagen und zu tun, was uns gefällt, und so reich zu werden, wie wir können, ohne jede andere Einschränkung als diejenige, dass wir durch all dies weder die Öffentlichkeit noch einander verletzen, sind die glorreichen Freiheitsrechte“, schrieben die beiden britischen Autoren John Trenchard und Thomas Gordon schon vor 300 Jahren in einem ihrer Essays für das „British Journal“. Die Gründerväter der Vereinigten Staaten nahmen diesen Satz in die amerikanische Verfassung auf. Es ist wieder höchst an der Zeit, mehr über Freiheitsrechte und Bürgerpflichten, denn über Verbote nachzudenken. Statt anderen zu sagen, was sie zu tun und zu unterlassen haben, könnte das Motto für 2017 lauten: „Kümmere dich gefälligst um deine Angelegenheiten.“ Gute Vorsätze für das neue Jahr sind ja schließlich noch nicht verboten.

E-Mails an: gerhard.hofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2016)