Literaturnobelpreis: Störrische Dichter, desperate Juroren

(c) AP (Robert Jäger)
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Diese Kunstrichter sind arme Hunde. Sie müssen sich jedes Jahr neu entscheiden zwischen widersprüchlichen Zielen. Engagierte Literatur – oder die beste? Skandale und Skandälchen kommen öfter vor.

Ein Nobelpreis macht noch lang nicht nobel: So hat sich einmal ein damit ausgezeichneter Dichter bei der Feier total betrunken, ein Mitglied der Schwedischen Akademie am Backenbart gezogen und einer berühmten Schriftstellerkollegin ans Korsett gegriffen, mit dem Ausruf: „Das klingt wie eine Glockenboje!“ Der Mann hieß Knut Hamsun und kaufte sich mit dem Preisgeld einen siebensitzigen Cadillac. Skandalös?

Dann passt der Norweger bestens in die Annalen des Literaturnobelpreises, dessen Geschichte eine der Skandale ist. Allerdings nicht so sehr wegen des Verhaltens der Preisträger. Auch nicht der Jury – die sorgt nur alle paar Jahre für Skandälchen. Da zieht ein Akademiemitglied gegen Kollegen ins Feld; da geht ein anderes medienwirksam in innere Emigration (abdanken geht nicht, Mitglieder sind auf Lebenszeit gewählt), weil es meint, die Wahl Elfriede Jelineks habe „dem Ansehen des Preises irreparablen Schaden zugefügt“; da provoziert ein Akademievorsitzender, indem er die US-Literatur als „engstirnig“ bezeichnet.

Aber das alles ist nichts gegen den wahren Skandal jedes Jahres: den Preisträger. Auch wenn die Schwedische Akademie seit heuer einen neuen Vorsitzenden hat, den Historiker Peter Englund, auch wenn die diesjährige Preisträgerin Herta Müller zumindest im deutschsprachigen Raum heftig akklamiert wird – weiterhin ist auf eines Verlass: Die Akademie kann es der Welt nicht recht machen. Hätte Alfred Nobel seinen Scherz mit den Akademiemitgliedern treiben wollen, er hätte sein Testament von 1895 nicht hinterhältiger formulieren können. Die Preisgelder, heißt es da, seien für jene, „die der Menschheit den größten Nutzen erwiesen haben“, ein Fünftel davon für „den, der in der Literatur das vorzüglichste Werk idealistischer Prägung geschaffen hat“. Aber was meinte Nobel mit „idealistisch“? Die konservativen Gelehrten der Akademie, die in den ersten Jahren den Preis vergaben, verstanden darunter das Eintreten für Staat, Kirche, Familie, Tugend und Würde. Die Folge: Schon die erste Wahl 1901 gehört zu den größten Versäumnissen in der Geschichte des Literaturnobelpreises.

Den Preis erhielt der heute fast unbekannte, damals schon verzopfte französische Lyriker Sully Prudhomme statt des in der Öffentlichkeit heftig gepushten Leo Tolstoi, der gegen Zaren und Kirche wetterte. Tolstoi scheint nicht unglücklich darüber gewesen zu sein, er bedankte sich später dafür, weil Geld „nur Böses stiftet“. Doch der radikal antiklerikale, von vielen sogar als Anarchist bezeichnete Nobel wäre sicher nicht glücklich über diese Auslegung von „idealistisch“ gewesen, die auch etwa Ibsen von der Preiswürdigkeit ausschloss.

Brecht? Kommunist! Pound? Faschist!

Mit dem Wörtchen „idealistisch“ zwang Nobel die Akademie jedenfalls, immer wieder politisch Stellung zu nehmen. Und hinderte sie daran, das „vorzüglichste Werk in der Literatur“ zu belohnen. Bert Brecht? Zu kommunistisch. Ezra Pound? Zu faschistisch. Dafür erhielt 1919 ein gewisser Carl Spitteler den Preis, heute ist er völlig unbekannt, damals war er Vertreter eines neutralen Landes und gegen Nationalismus, das passte nach dem Ersten Weltkrieg eben gut.

Wer hat recht? Die Akademiemitglieder, die 2008 den Literaturnobelpreis für den italienischen Schriftsteller Roberto Saviano forderten, weil er wegen seiner Aufklärungsarbeit gegen die Mafia vom Tod bedroht war? Oder der damalige Vorsitzende, der diese Wahl aus literarischen Gründen ablehnte? Soll der Literaturnobelpreis mehr die große Literatur oder mehr das große Engagement belohnen? Beides geht fast nie Hand in Hand. Auch wenn die Akademie heute beteuert, dass sie sich vom alten Moralismus abgewandt hat, das pädagogische Stäbchen hat sie nicht aus der Hand gelegt.

Das zeigen etwa die Wahl Orhan Pamuks und des Zivilisationskritikers Le Clézio. Was wird die Nachwelt in 40 Jahren über die zwei literarisch wenig innovativen Schriftsteller sagen – falls sie noch ihre Namen kennt? Wenn man sich von der Liste der Literaturnobelpreisträger eine Galerie der „besten“ Dichter erwartet, hat die Jury in der Nachkriegszeit bessere Figur gemacht. Sie förderte künstlerische Pionierleistungen– mit Namen wie Beckett, Faulkner, Camus, Hemingway. Aber war das auch testamentsgetreu? Nicht einmal die Preisträger selbst kann die Akademie immer zufriedenstellen, müssen die doch ideologische Vereinnahmung wittern. Beckett oder Shaw waren wenig begeistert von ihrer Ehrung, Sartre schlug den Preis sogar aus. (Weniger bekannt als diese heroische Geste ist, dass er einige Jahre später an die Akademie schrieb, ob er nicht doch das Geld haben könnte.)

Die meisten Geehrten sind viel zu alt

Geld ist eine weitere Ingredienz in der explosiven Mischung. Wären da nicht die heute zehn Mio. Kronen (derzeit umgerechnet rund 1,1 Mio. Euro), niemand hätte wohl die paar Gelehrten im kleinen Schweden als Richter über die Weltliteratur ernst genommen. Noch dazu wollte Nobel mit dem Geld nicht den Lebensabend berühmter Autoren versüßen oder deren Erben glücklich machen, sondern Autoren, die noch viel vor sich hatten, finanzielle Unabhängigkeit gewähren. Herta Müller ist da eine annehmbare Wahl – die Mehrzahl der bisher Gekürten hingegen ist viel zu alt für den Preis.

Nobel stellte die Jury in Stockholm vor eine unmenschliche Aufgabe: Genies haben die Eigenart, von Zeitgenossen verkannt zu werden, und wenn das Komitee sich für einen weniger etablierten Autor entscheidet, riskiert sie (aus späterer Sicht) peinliche Fehlurteile. Auch Eurozentrismus wird den Kunstrichtern oft vorgeworfen. Aber Joyce, einer der am schmerzlichsten vermissten Schriftsteller in der Galerie der Literaturnobelpreisträger, wurde zu Lebzeiten weder von England noch Irland vorgeschlagen.

LORBEER FÜR 12 FRAUEN

Selma Lagerlöf, die „Nils Holgersson“-Autorin war 1909 die erste Literaturnobelpreisträgerin. Es folgten Grazia Deledda (1926), Sigrid Undset (1928), Pearl S. Buck (1938), Gabriela Mistral (1945), 1966 die deutsche Lyrikerin Nelly Sachs, 1991 Nadine Gordimer, 1993 Toni Morrison, 1996 die Polin Wis?awa Szymborska, 2004 Elfriede Jelinek (Foto), 2007 die Britin Doris Lessing und 2009 die Deutsche Herta Müller. [AP]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2009)

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