Handball: Der Wurf aus dem Schattendasein

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Handball(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Michael Riedler)
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100 Tage vor der Handball-EM 2010 ist in Österreich noch kein Euroflair zu spüren. Doch mit diesem Event soll der Sportart hierzulande neuer Schwung verliehen werden, um endgültig das "Turnsaal-Image" abzuschütteln.

Ich bin so schön, ich bin so toll – ich bin der Anton aus Tirol!“ Aus den Boxen der Magdeburger Bördeland-Halle dröhnt ein Gassenhauer. Der Österreicher Robert Weber hat soeben ein Tor geworfen, 6000 Fans feiern ihren neuen Liebling, und um der Handballshow den richtigen Anstrich zu verleihen, greift der einfallsreiche Hallensprecher wirklich tief in seine Musiktrickkiste. Der Masse gefällt es und sie singt beschwingt, lauthals mit. Schon im Gegenzug trifft wieder ein Österreicher. Der Wiener Konrad Wilczynski erzielt einen sehenswerten Treffer für Berlin. Diesmal plärrt der „Zillertaler Hochzeitsmarsch“ durchs Areal und die Masse würdigt es mit Applaus und Trommelwirbel. Es herrscht Volksfeststimmung mit Currywurst und Bier.

„Das ist die beste Handballliga der Welt“, erzählt Weber, der auch im österreichischen Nationalteam eine tragende Rolle spielt, später der „Presse am Sonntag“. „Hier erfülle ich mir einen Lebenstraum. Magdeburg ist Kult, hier erkennt man mich sogar auf der Straße. In Deutschland erleben wir Euroflair jeden Tag, auch das Niveau ist sehr hoch. Daheim ist das leider ganz anders.“ Es sei eine ganz andere Welt.

In der anderen Welt, in Österreich, führt Handball ein Schattendasein. Zwar ist vielen das Damenteam Hypo Niederösterreich mit Manager Gunnar Prokop ein Begriff, aber im Fall der Handball-Liga-Austria der Herren sieht es anders aus. Von 6000 Zuschauern pro Spiel kann man dort ebenso nur träumen wie von einer großen Sporthalle. Österreichs Handball versprüht nach wie vor ein antiquiertes „Turnsaalflair“. Daran ändern auch Vereine wie Bregenz, Hard und Margareten nichts, die in jüngster Zeit viel in die Infrastruktur investiert haben.

Das will der Verband ändern, darum hat er sich um die Austragung der Euro 2010 beworben. Handball soll in Österreich wieder populär werden. So wie er es Anfang der 1990er-Jahre war, mit der B-EM in Wien oder der Teilnahme bei der A-WM in Schweden 1993. Damit soll auch die ernüchternde Negativserie beendet werden: Seit 1993 ist jeder Anlauf des Herrennationalteams kläglich gescheitert, sich für ein Großereignis zu qualifizieren.

Als Veranstalter ist der Österreichische Handball Bund (ÖHB) Fixstarter und steht somit im Rampenlicht. Doch 100 Tage vor dem Start ist von einer Handball-EM in Österreich nichts zu bemerken. Von Aufbruchstimmung ganz zu schweigen.

Ist das nicht grob fahrlässig? Nein, entgegnet Georg Heinz, Marketingleiter des ÖHB für die Euro 2010, der „Presse am Sonntag“. Das sei bewusst so angelegt. „Die wahre Euphorie kommt erst, auch bei den Fußballern war es doch so“, sagt er. Es gibt noch Vorbereitungsturniere – wie den Interwetten-Cup ab 30. Oktober in Linz. Bei den Spielen gegen die Schweiz, die Ukraine und Slowenien solle erst richtig Stimmung gemacht werden. Für den großen Trommelwirbel dürfte Heinz allerdings das nötige Kleingeld fehlen.

Der Veranstalter verfügt über ein mickriges Budget von sieben Millionen Euro. Dass es keine 240 Millionen sein werden, mit denen der Fußballbund die Euro 2008 bewerben konnte, war allen klar. Aber so wenig? Nationale Sponsoren spülen dem ÖHB zwar weitere 600.000 Euro in die Kasse. Aber das Geld reicht nicht, um Profivermarkter zu engagieren. Also nahm der Handballbund in Person des früheren Handballers Heinz das Marketing selbst in die Hand. Österreich werde vom 19. bis 30. Jänner 2010 in den Spielorten Innsbruck, Linz, Wr. Neustadt, Graz und Wien definitiv Euroflair verspüren. Da habe er keinen Zweifel. Auch weil die ÖHB-Spiele live in ORF1 gezeigt und nicht wie Ligaspiele auf Sport Plus „versteckt“ werden.

Österreich – im Vorjahr 19. der Europarangliste – trifft in den Gruppenspielen auf Titelverteidiger Dänemark, Island und Serbien. Der Spielort ist Linz. Oberösterreichs Verband unter der Leitung von Ex-Teamtorhüter Ewald Humenberger hat alles unternommen, um das Team auf der Gugl spielen zu sehen. Auch aus „logistischen Gründen“, sagt Heinz, stelle Linz eine optimale Lösung dar. Es sei für alle Fans leicht erreichbar. Aus ähnlichen Überlegungen wurden auch Deutschland in Innsbruck, Kroatien in Graz und Ungarn in Wr. Neustadt „bewusst platziert“.

35.000 Karten fanden bisher Abnehmer. 150.000 Karten für 47 Partien stehen zum Verkauf. Das ist viel. Bei der EM im vergleichsweise handballverrückten Norwegen gingen 2008 auch nur 85.000 Karten über den Ladentisch. Georg Heinz schreckt das nicht, er sagt: „Das wird die beste Euro aller Zeiten.“

Dafür sollen vor allem Österreichs beste Handballer sorgen. Nichts ist wichtiger bei einem Heimturnier als der Erfolg des Gastgebers. Und das Team von Dagur Sigur?sson ist gespickt mit Spielern, die ihr Geld im Ausland verdienen. Im 21-Mann-Kader spielen alleine sieben Akteure aus der deutschen Bundesliga. Angeführt werden sie von Topstar und Topverdiener Viktor Szilagyi. Er verdient in Gummersbach eine kolportierte Gage von 10.000 Euro monatlich.

Die Euro 2010 stellt für Dagur Sigur?sson (37) einen zusätzlichen Anreiz dar – er ist nämlich Isländer. „Als ich gesehen habe, dass Island zu uns in Gruppe B kommt, ist es mir eiskalt den Rücken runtergelaufen. Emotional habe ich mir Island gewünscht, handballerisch nicht unbedingt. Ich schätze, dass viele Isländer nach Linz kommen werden, das freut mich. Wir sind auch gegen Serbien Außenseiter, aber unser Ziel ist es, in die Hauptrunde aufzusteigen.“ Dann würde Österreich seine Spiele in der Wiener Stadthalle bestreiten. Das ist der Traum des ÖHB, es würde enorme Wirkung erzielen bei Medien, Fans und Nachwuchsspielern. Dann, sagt Heinz, wäre „Handball in Österreich einen Schritt weiter. Er hätte eine breitere Öffentlichkeit und alle könnten sehen, wie attraktiv dieser Sport ist“.

Doch offenbar ist man nicht einmal in der Wiener Stadthalle davon überzeugt. Ausgerechnet während der EM wird das Stadthallenbad umgebaut. Der Sportstadt Wien passiert dieser Fauxpas nicht das erste Mal. Auch während der Eishockey-WM 2005 war die Stadthalle eine Riesenbaustelle. weil just zu dieser Zeit die Tiefgarage ausgebaut wurde. Aber Georg Heinz lässt sich durch nichts erschüttern. Es sei alles auf Kurs, gibt er sich optimistisch. Optimistisch wie das EM-Maskottchen „Magic“. 100 Tage vor der EM ist der kleine, rote Stern so ziemlich der einzige Lichtblick . . .

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2009)

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