Aufbruch in Favoriten: Die Galerie Hilger zeigt iranische Kunst in der Ankerbrot-Fabrik.
Noch herrscht hier auf dem Laaer Berg wilder Abriss- und Umbaubetrieb. Früher gehörten die denkmalgeschützten Backsteinbauten zur Ankerbrot-Fabrik. Nach mehreren Besitzerwechseln und wirtschaftlichen Problemen hat sich Europas ehemals größte Brotfabrik kleingeschrumpft. Im oberen Teil wird noch gebacken. Im unteren entsteht jetzt nur wenige Gehminuten vom zukünftigen Hauptbahnhof entfernt ein neues Areal mit Lofts, Ateliers, Galerien, Büros, Gastronomie. Als allererster neuer Nutzer ist bereits die „Hilger Brot Kunsthalle“ des Wiener Galeristen Ernst Hilger eingezogen.
Vor eineinhalb Jahren zeigte ihm ein Freund das Gelände und wollte ihn als Investor gewinnen. Der Ort faszinierte ihn, und bald war entschieden, die obere Etage im Eckhaus an der Absberggasse zu kaufen. „Ich wollte immer große, kuratierte Gruppenausstellungen zeigen“, schwärmt Hilger. Anders als in seinen Innenstadträumen ist in seiner neuen „Hilger Brot“ dafür auf 580 m2 ausreichend Platz. Zur Eröffnung wird „The Promise of Loss“ gezeigt, ein „Index“ über zeitgenössische iranische Kunst mit faszinierenden Werken, die schon ab 700 Euro zu haben sind. „Ich wollte am Anfang der Welle sein“, betont Hilger.
Unheimliche Ornamente. Anfangs noch für die Galerieräume geplant, beauftragte er den indischen Kurator Shaheen Merali, ehemals langjähriger Kurator am Berliner „Haus der Kulturen der Welt“, mit diesem Projekt. 19 Künstler wählte Merali aus. Anders als die heurige Iran-Ausstellung in der Galerie Ropac dominieren hier deutlich gesellschaftskritische Werke, etwa von Parastou Forouhar, deren tief beeindruckende Arbeiten Folterszenen in der Schönheit von Ornamenten anordnen. Solche Doppeldeutigkeiten, die sich erst bei genauer Betrachtung enthüllen, findet man immer wieder in der Ausstellung. Shadi Ghadirian fügt der märchenhaft gefüllten Schatztruhe eine Militärmarke hinzu, aus dem Krimskram einer Handtasche ragen Patronen, auf dem elegant gedeckten Tisch steht eine Feldflasche. Diese fotografischen Inszenierungen verbildlichen, wie sehr die Welt des Militärs längst schon den Alltag erobert hat.
Klein und konzentriert sind die wunderschönen, im Stil der Miniaturmalerei gemalten Briefmarken von Jinoos Taghizadeh, die an zerstörte Natur- und Kulturdenkmäler, an gesteinigte, verbrannte und im politischen Auftrag ermordete Menschen erinnern, unter ihnen auch die Eltern von Parastou Forouhar. Der Pressefotograf Abbas Kowsari zeigt kuriose Fotografien von der weiblichen Polizei, aber auch eindrückliche Dokumente von trauernden und demonstrierenden Menschen an der kargen iranisch-irakischen Grenze. Amin Nourani platziert auf seinem monumentalen Triptychon eine Schar von burkatragenden Frauen auf einem gespenstischen Friedhof, um über die Folgen der Talibanisierung in der Region zu sprechen.
Aufbruchsenergien. Die iranische Kunst hat, anders als die westliche Postmoderne, keine Angst vor starken Gefühlen. Zwar droht durch die immer wiederkehrenden Bildmotive Gewalt, Waffen und Tschador die Gefahr, dass auch hier jene Iran-Klischees dominieren, die von den Medien wie ein Mantra täglich wiederholt werden. Aber gleichzeitig nehmen wir in den Werken enorme Aufbruchsenergien und Veränderungswillen wahr.
Hilger Brot Kunsthalle, The Promise of Loss. A Contemporary Index of Iran, kuratiert von Shaheen Merali, 10.10.–30.11.2009, 11., Absberggasse 35, brot@brotkunstalle.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2009)