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Die globale Erwärmung macht Pause

(c) AP (Steve Amstrup)
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Seit zehn Jahren ist die Durchschnittstemperatur nicht gestiegen. Derzeit überlagern kühlende Effekte die Erwärmung durch CO2-Emissionen. Die Erwärmung werde aber in einigen Jahren umso stärker ausfallen.

Im Vorfeld des UN-Klimagipfels in Kopenhagen Anfang Dezember zeichnen Klimaforscher immer drastischere Szenarien: Schon bis zum Jahr 2060 werde es um vier Grad wärmer werden, wenn keine einschneidenden Maßnahmen zur Senkung des CO2-Ausstoßes beschlossen werden, mahnten kürzlich britische Forscher. Andere taten es ihnen nach – und sie übertreffen damit alle Befürchtungen des UN-Weltklimarates IPCC: Dieser sieht in seiner Prognose eine Erhöhung um vier Grad bis zum Jahr 2100 kommen.

Diese Vorhersagen stehen allerdings in einem frappanten Kontrast zu dem, was die Geräte in der letzten Dekade gemessen haben: Global sind die Temperaturen in den letzten zehn Jahren nämlich überhaupt nicht gestiegen. Das hat eine Gruppe von Klimaforschern um Jeff Knight (Exeter) erhoben: Zwar hat es von 1999 bis 2008 eine Erhöhung um 0,07 Grad gegeben, aber die erkläre sich aus kurzfristigen natürlichen Schwankungen, vor allem durch El Niño. Rechnet man diesen Effekt heraus, kommt man für die letzten zehn Jahre auf eine Erwärmung von exakt 0,00 Grad. Das IPCC hat für die Dekade eine Erwärmung um 0,2 Grad prognostiziert.

Nun ist die Kurve, die ab den 1970er-Jahren steil nach oben zeigte – wie ein Hockeyschläger, deshalb heißt sie auch Hockey-Stick-Kurve –, seit zehn Jahren waagrecht. Warum? Bei der Entwicklung der globalen Temperatur überlagern sich viele Effekte: zum einen viele natürliche Schwankungen, zum anderen Eingriffe des Menschen in das Klimageschehen. In den Modellen der Forscher kann die Erwärmung im letzten Jahrhundert nicht ausschließlich durch natürliche Schwankungen erklärt werden. Der Schluss daraus: Die Treibhausgasemissionen durch den Menschen spielen beim Temperaturanstieg eine Rolle.

 

Schmutzige Luft

Der CO2-Gehalt der Atmosphäre steigt schon seit vielen Jahrzehnten stark an – die Gründe sind das Verbrennen fossiler Energieträger und die Brandrodung der Wälder. Der Temperaturanstieg durch den Treibhauseffekt war aber einige Zeit durch die Luftverschmutzung maskiert: Menschgemachte Partikel führten dazu, dass mehr Sonnenstrahlen in den Weltraum zurückreflektiert wurden. In den 70er-Jahren begannen viele Industriestaaten mit der Reinigung von Abgasen. Durch die sauberere Luft kommt nun mehr Sonne – und damit Energie – bis zur Erdoberfläche durch.

 

Zyklische Schwankungen

Dazu kam noch der Zusammenbruch des „Ostblocks“ mit seinen dreckigen Industrien; die Folgen waren vor allem in Mitteleuropa so stark spürbar, dass sie „Gorbatschow-Effekt“ genannt wurden. Die Luftreinhaltung hat daher die CO2-bedingte Erwärmung verstärkt – und dieser Beschleunigungseffekt ist nun zu Ende.

Daneben gibt es aber auch Veränderungen in der Natur, die relevant sind – und die zum Teil (noch) nicht in die Modellrechnungen der IPCC eingegangen sind. Die Klimaforscher sind sich einig, dass es Zyklen gibt, die die Temperatur einmal senken und dann wieder erhöhen. Ein Beispiel dafür ist die „Nordatlantische Oszillation“, eine regelmäßige Schwankung der Druckverhältnisse zwischen dem Islandtief und dem Azorenhoch.

Welche dieser natürlichen Vorgänge für die Klimaentwicklung entscheidend sind, darüber herrscht allerdings keine Einigkeit. Manche Wissenschaftler setzen voll auf die großen Meeresströmungen, die Wärme rund um die Erde transportieren, den Golfstrom etwa. Der hat sich in den letzten Jahren abgeschwächt, der deutsche Klimaforscher Mojib Latif (Uni Kiel) hat es vor zwei Jahren bemerkt und prognostiziert, dass die Pause der Erwärmung bis 2016 anhalten wird (siehe Interview Seite 2).

Andere Forscher setzen auf die Sonne, deren Strahlungsintensität periodisch schwankt – sichtbar ist dies an den Sonnenflecken. In den letzten Jahren ist die Aktivität der Sonne so gering geworden wie seit der „Kleinen Eiszeit“ im 17. Jahrhundert nicht mehr. Dass das Grund für die derzeitige Entwicklung ist, das meint etwa der britische Forscher David Rind. Er rechnet mit einer Rückkehr der Sonnenaktivität und damit der Erwärmung in den nächsten fünf Jahren.

 

„Erwärmung gewinnt immer“

All diese natürlichen Zyklen überlagern sich, sie haben aber verschiedene Periodenlängen. Die Mehrzahl der Klimaforscher argumentiert, dass sich derzeit die abkühlenden natürlichen Effekte überlagern und dadurch die Erwärmung durch den Treibhauseffekt dämpfen. Diese Phänomene werden aber wieder in ihr Gegenteil umschlagen, und dann – darüber sind sich die Klimaforscher einig – wird es wieder eine Erwärmung geben. Die umso stärker ausfällt. „Unterm Strich, langfristig, gewinnt immer die Erwärmung“, sagt Latif.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2009)