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Der Nachttopf der Erregung

Vom Architekturskandal zum Vorzeigeobjekt: das Palais Pallavicini in Wien – und was es über rapiden Aufstieg und tiefen Fall der Grafen von Fries erzählt.

Häuser geben Raum, sie sind in Architektur verwandelte Gedanken, symbolisieren geistesgeschichtliche Mentalitäten und erzählen über die Zeit hinweg die Geschichten ihrer Menschen. Das Palais Pallavicini am Josefsplatz im Herzen von Wien stellt in diesem Zusammenhang einen besonderen kulturhistorischen Brennpunkt dar. In diesem Gebäude spiegeln sich im 18. und 19. Jahrhundert gleicherweise rapider Aufstieg und tiefer Fall der heute fast vergessenen Familiendynastie der Grafen von Fries. Darüber hinaus bietet es Anregung für künstlerisches Mäzenatentum, humanitäres Engagement und dient gleichzeitig als Warnung vor allzu großer Verschwendung. Somit steht seine Historie auch für die Herausforderungen der Gegenwart.

Ursprünglich befand sich an der Stelle des heutigen Palais hinter der Hofburg das Majoratshaus von Niklas Graf Salm. Er erlangte im 16. Jahrhundert während der ersten Türkenbelagerung als Verteidiger von Wien Berühmtheit, starb jedoch bald danach an den Folgen seiner Verletzungen. So wurde das Haus bereits 1559 an Kaiser Ferdinand I. verkauft, der es seinem Sohn Karl überlies. Als dessen Nichte Elisabeth, die Gemahlin Karls IX. von Frankreich, als Witwe nach Wien zurückkehrte, erwarb sie die Liegenschaft. 1592 gründete sie das sogenannte Königinkloster, dem sie als erste Äbtissin vorstand. Da es Kaiser Joseph II. im Jahr 1782 aufhob, teilte man die einzelnen Gebäudetrakte, so dass der Fabrikbesitzer und Bankier Graf Johann von Fries (1719 bis 1785) im selben Jahr einen Bereich erwerben und es nur ein Jahr später durch den Stararchitekten von Wien, Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg, mit einem neuen Palais versehen konnte.

Die Zusammenarbeit eines der reichsten Bankiers des Habsburgerreiches mit dem architektonischen Wegbereiter des Klassizismus in Österreich stand ganz im kulturhistorischen Kontext der aufklärerischen Moderne des 18. Jahrhunderts. Hetzendorf, ein Migrant der zweiten Generation, seine Eltern stammten aus der Oberpfalz, gelang in Wien unter seinem Förderer, dem mächtigen Staatskanzler Kaunitz, eine steile Karriere. Als k. k. Hofarchitekt war er unter anderem für den Garten von Schönbrunn, den Bau der Gloriette und die Gestaltung der Schlösser Hetzendorf und Laxenburg zuständig. Ebenso regotisierte er die Minoriten- und die Augustinerkirche. Bereits 1776 ereilte den 43-Jährigen ein besonderer Auftrag. Freiherr von Fries übergab ihm den Umbau seines Schlosses in Bad Vöslau und ließ ihn den Garten anlegen.

Auch Fries war ein Zugezogener. Seine Familie stammte ursprünglich aus der Schweiz, situierte sich jedoch in Mühlhausen im Elsass, wo sein Vater als Ratsherr Ansehen genoss und Johann geboren wurde. Dieser versuchte sein Glück im Ausland, stand bereits seit 1744 im Alter von 25 Jahren im Dienste der Habsburgermonarchie und vollzog hier eine steile Karriere. In enger Kooperation mit seinem persönlichen Protektor, Staatskanzler Fürst Wenzel Kaunitz-Rietberg, der ihm die Führung der Geheimen Staatskassen übertrug, erhielt er zudem das Privileg, den Maria-Theresien-Taler nicht nur zu prägen, sondern als gewichtiges Zahlungsmittel von Afrika bis nach Indien zu vertreiben. Derart gelangte das Bild der österreichischen Herrscherin auch auf das Hochland von Äthiopien und Fries zu großem Reichtum. Als Besitzer zahlreicher Fabriken und experimenteller Musterbetriebe gründete das Finanzgenie 1766 ein eigenes Bankhaus. Er avancierte zu einem der reichsten und einflussreichsten Männer. So blieben auch die Ehrungen durch Maria Theresia nicht aus. 1757 erhob sie ihn in den Ritterstand, 1762 in den Freiherrenstand. 1783 wurde er durch Joseph II. sogar in den Grafenstand erhoben. Diese ungewöhnliche Nobilitierungsorgte sicher in Wien für erhebliches Aufsehen, da Fries nicht nur Ausländer, sondern auch Calvinist war.

Doch Fries zeigte sich den seltenen Ehrungen gegenüber als würdiger Empfänger. So betätigte er sich als humanitärer Wohltäter und förderte großzügig die calvinistische Gemeinde in Wien. Als Mäzen übernahm er Spenden für die Akademie der bildenden Künste und finanzierte den Druck von Winckelmanns Buch „Geschichte der Kunst des Altertums“. Zusammen mit Staatskanzler Kaunitz förderte er den Komponisten Gluck. Seine Kunstsammlung galt als eine der reichhaltigsten Kollektionen der Stadt. Die Bildergalerie im Stadtpalais umfasste 300 Gemälde und mehr als 100.000 Kupferstiche.

Soziales Engagement und künstlerisches Mäzenatentum standen nicht nur in einem aufklärerischen Kontext, sondern wurden von den Gedanken der Freimaurerei vorangetrieben. Bereits 1761 war Fries Mitglied der Loge „Die Freigiebigen“, was nicht nur einen symbolischen Auftrag enthielt, sondern in seinen Taten Wirkung erzielte. Sein gesellschaftspolitisches und kulturelles Engagement verband ihn mit anderen Aktiven, so mit dem engen Berater der Herrscherin, dem Juristen und Schriftsteller Joseph von Sonnenfels. Ihm ist die Abschaffung der Folter zu danken. Ebenfalls Freimaurer, muss er Fries sehr geschätzt haben, denn er widmete ihm sogar seinen zweiten Band des Buches „Der Mann ohne Vorurteil“.

1764, mit 45 Jahren, heiratete Fries die 26-jährige protestantische, aus Frankreich stammende Anne D'Escherny (1737 bis 1807). Sie war Mitglied der damals einflussreichsten hugenottischen Bankiersfamilien Europas, glänzte als schöne und gebildete Frau und bescherte ihrem Gatten zusätzlich gesellschaftliche Anerkennung. Die Patenschaft über die Kinder übernahmen Maria Theresia und Joseph II. – ein Zeichen mehr für die persönliche Wertschätzung des sozialen Aufsteigers durch die Herrschenden.

1761 erstand er eine Liegenschaft in Vöslau und ließ das Schloss durch Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg umgestalten. Dieser verwandelte den weitläufigen Garten ganz im Sinne seines freimaurerischen Auftraggebers in einen typischen Landschaftspark der Aufklärung. Als Fries, ganz dem sozialen Aufstieg und der repräsentativen Investition seines Vermögens folgend, 1782 das Grundstück am Josefsplatz erwarb, übergab er seine Umgestaltung erneut dem geschätzten Architekten. Das Palais hatte seinerzeit die erste rein klassizistische Hausfront und bescherte beiden nicht nur heftige Kritik, sondern entwickelte sich zu einem regelrechten Architekturskandal. Vor allem die vier Vasen von Franz AntonZauner, die an der Fassade angebracht waren, wurden heftig kritisiert. Als „pot de madame“ und „pot de monsieur“ betitelt, gingen die sogenannten Nachttöpfe in die Schmähgeschichte der Stadt ein. Schließlich wich man dem öffentlichen Druck, entfernte sie und positionierte je zwei weibliche Karyatiden neben dem Portal. Die Vasen fanden in Vöslau eine neue Heimat.

Der Graf konnte sein Wiener Domizil nicht wirklich genießen. 1785 entdeckte man den 69-Jährigen tot in einem Teich in Vöslau. Die Spekulationen rissen nicht ab. War es Selbstmord aus Gram über die heftige Kritik, der sein Palais ausgesetzt war, Sorge wegen der Unsummen, die es verschlungen hatte, oder eine Depression? Da 1945 das Archiv der Familie verloren ging, hütet er sein Geheimnis bis heute.

Gleichwohl hatte Graf Fries testamentarisch alle Vorkehrungen getroffen. Nach dem frühen Tod seines erstgeborenen Sohnes übernahm der zweitälteste, Moritz I. Graf von Fries (1777 bis 1826) das Erbe. Die Heirat mit Prinzessin Maria zu Hohenlohe-Waldenburg-Schillingfürst (1779 bis 1819) machte das Paar und sein Palais zu einem Mittelpunkt des gesellschaftlichen Wiens. Unter der Ägide des kunstbeflissenen Grafen wurde das Palais am Josefsplatz zu einem Mittelpunkt des kulturellen Lebens. Moritz galt als reichster Mann von Wien und kunstbeflissener Mäzen. Als begeisterter Musikliebhaber beteiligte er sich maßgeblich bei der Gründung der Gesellschaft der Musikfreunde. Zudem war er Förderer von Joseph Haydn. Als 1799 im Palais am Josefsplatz dessen 102. Symphonie unter der der Dirigentschaft des Komponisten gegeben wurde, spielte Beethoven den Klavierpart seines Quintetts op. 16. Auch Letzterer wurde besonders von ihm gefördert. Der Komponist widmete ihm als Dank dafür die Frühlingssonate, die a-Moll-Violinsonate op. 23 sowie die 7. Symphonie. Als im Jahre 1800 der junge Ferdinand Palffy während eines Konzertes mehr einer jungen Frau Bewunderung zollte als dem Werk und sich mit der Schönen unterhielt, brach Beethoven das Spiel ab und schrie wütend: „Für solche Schweine spiele ich nicht!“ Im Übrigen war Fries auch großzügiger Mäzen Schuberts.

In den Napoleonischen Kriegen wurde das Friessche Palais von den Franzosen besetzt. Gleichwohl lebte die Familie weiter dort, und die Kunstsammlungen konnten von Fremden ungestört besichtigt werden. Es gab Skulpturen aus Marmor, Bilder alter Meister wie Dürer oder Anton van Dyck, aber auch Zeitgenössisches, zudem 70.000 Handzeichnungen und Kupferstiche. Zu den Soireen erschien man nicht nur wegen der Kunst sondern vor allem wegen der schönen Damen. Doch die Napoleonischen Kriege lösten einen Staatsbankrott aus, der erst 1816 durch die Gründung der Nationalbank und, damit verbunden, ein stabiles Währungssystem aufgefangen werden konnte.

Auch das Friessche Bankhaus war massiv betroffen. Doch dies zog keine Veränderung des Lebensstils seines Besitzers nach sich. Im Gegenteil: Die Erwerbungen der Schlösser Feilhofen und Frauenthal in der Steiermark, der finanzielle Aufbau des steirischen Musiklebens und ein aufwendiger Lebensstil reduzierten das Vermögen.

Während des Wiener Kongresses wurde das Palais Mittelpunkt prunkvoller Feste. Die französische Tänzerin Fanny Lombard beeindruckte viele Männer, so auch den russischen Zaren, der ihr wertvolle Geschenke machte. Auch Moritz Fries erlag dem Charmeder 19-Jährigen. Nach dem Tode seiner Frau Therese 1819 heiratete er sie. Trotz großer Geldnöte baute er das Bad von Vöslau zu einer Anstalt aus und begründete dessen Kurortcharakter. 1823 kam es zur Versteigerung der Kunstsammlung und damit zu ihrer vollkommenen Zerstörung. 1825 brach das Bankhaus endgültig zusammen und endete 1826 in einem Konkurs. Der Teilhaber David Parishbeging Selbstmord, indem er sich in der Donau ertränkte.

Moritz I. starb am 27. Dezember 1826 völlig verarmt in einem Pariser Hotel. Der Verschwender von Ferdinand Raimund soll sich am Aufstieg und Fall des Grafen orientiert haben. Sein Sohn Moritz II. kaufte Vöslau zurück, baute auch das Bad weiter aus und verkaufte es anschließend an die Gemeinde.

1842 wurde das Palais von Eduard Marchese Pallavicini erworben. Aus dieser Zeit stammt auch der Großteil der Innenausstattung. Der Pferdestall erhielt später durch die Tanzschule Elmayer eine neue Funktion. Im Film „Der dritte Mann“ ist das Palais als Wohnhaus von Harry Lime verewigt. Da die Pallavicinis ihr Palais für Feste und Hochzeiten vermieten und der Rennverein hier die gediegenen Klubräumlichkeiten für seine ausschließlich männlichen Mitglieder nützt, ist auch heute für illustre Gesellschaft gesorgt. Eine Hauschronik aber würde die historische Bedeutung des Palais in die Kultur der Erinnerung einschreiben helfen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2016)