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Weltgeschichte ist Weltgericht: Rückblick in die Vergangenheit

1914, 1939, 1945 und so weiter. Volkes Stimmeist Gottes Stimme: Aber bisweilen flüstert sie nur.

 

Hat gestern ein neues Zeitalter begonnen? Die Weltgeschichte, heißt es, ist das Weltgericht. Gibt es Gerichtsferien? Wir leben in einer Zeit des permanenten Wandels. Die Weltgeschichte macht niemals Pause, im Weltgericht schließt eine Sitzungsperiode nahtlos an die nächste. Die Urteile werden von jenem gefällt, der Herr ist über die Geschicke.

Noch einmal: Hat gestern ein neues, ein anderes Zeitalter begonnen? Die Weltgeschichte ist das Weltgericht, und Gerichtsferien gibt es nicht. Der Richter ist in drei Personen ein Einziger. Das Gerichtsgebäude ist die Erde. Was tun wir, um einen milden Richtspruch zu erreichen? Nein, das ist nicht bloße Salbaderei. Es gibt Jahre, die in der Tat anmuten wie ein Gerichtstermin, und das Urteil kann nicht angefochten werden. Es gibt weder Einspruch noch Berufungsinstanz.

Hat also gestern wirklich ein neues Zeitalter begonnen? So ist es, und das Weltgericht tagt in Permanenz. Das Jahr 2016 ist eines, das sich in manchem von den vorigen unterscheidet. Es hat Entscheidungen gebracht, die unwiderruflich sind. Und die in späteren Jahren in den Geschichtsbüchern, wenn es solche noch geben wird, rot angestrichen werden müssten. Was nicht politisch gemeint ist. 2016 war das Jahr, das in Österreich und in der Welt das Unterste zu oberst gekehrt hat. Auch dies ist nicht politisch zu verstehen. Zum ersten Mal ist in den USA ein Milliardär zum Staatsoberhaupt gewählt worden, den viele als minder tauglich bezeichnen, viele sogar als Narren. Aber Volkes Stimme ist Gottes Stimme, nicht wahr? Bisweilen flüstert er freilich nur.

 

Und in Österreich? Da hat – Volkes Stimme ist Gottes Stimme – im selben Jahr 2016 die Hofburg ihre Türen einem Kandidaten geöffnet, der zum ersten Mal seit Staatsgründung 1945 von keiner der beiden Großparteien (die nicht mehr groß sind) gestellt wurde. Er duellierte sich in der (verzögerten) Stichwahl mit einem Anwärter, der gleichfalls von der Opposition nominiert worden war.

Die Weltgeschichte als Weltgericht, und sei es nur eine Bezirksjury. Lassen wir es dabei. Blicken wir in den historischen Almanach – und lassen uns überzeugen, dass geschichtliche Perioden immer schon von Ereignissen eingeläutet wurden, die dann der Historie ihren freien Lauf ließen, mit Betonung auf frei. Und auch dies ist nicht politisch zu verstehen – oder kaum politisch.

Da war das Jahr 1914, das einen Umbruch der Welt und ihrer historischen Ordnung bescherte. Diese Ordnung ist umgestoßen worden, mit Nachwehen, die bis tief ins Heute reichen. Da war aber auch das Jahr 1939, das den Zeitgenossen und deren Nachgeborenen eine Veränderung in Haupt und Gliedern aufzwang. Sie hat das politische Antlitz der Erde radikal umgestaltet und das, was war, als Vorkriegszeit bezeichnet.

Die Weltgeschichte ein Welttribunal, in dem Schuldsprüche und Freisprüche nicht so verteilt waren, wie es sich gehört. 1945 wiederum muss im Weltkalender doppelt angestrichen werden: Die Atombombe schuf neue Gefahren und mit ihr neues politisches Gewissen, das bis zum Handschlag der USA und Japans, soll heißen Obamas und Abes, reichte.

Das Weltgericht in Gestalt der Weltgeschichte tagt weiter, in Permanenz, von der deutschen Einheit bis zur Europäischen Union. Und zur neuen Völkerwanderung. Es wird weiter tagen. Und Freisprüche wird es nur wenige geben. Vielleicht im Vatikan?

Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.

E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com#

 


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(Print-Ausgabe, 02.01.2017)