Neue Gemeinschaftsarbeiten von Arnulf Rainer und Günter Brus in der Albertina.
„Es war einmal ein Weiß, das wurde von einem Maler und einem Bilddichter befleckt“, schrieb Günter Brus in einen Zwischenraum, den Arnulf Rainer ihm eröffnet hat, genau vor der Stirn einer holden Renaissance-Dame. Brus zeichnete ihre Kopfkontur mit nervösem Strich nach, kastelte die aufkeimende Romantik von rosa Rosenknospen darunter noch brutal ein, nahm rasch einige Linien auf, verstärkte sie – und fertig war eine von 70 neuen Gemeinschaftsarbeiten, die ab heute in der Albertina ausgestellt sind.
Man kann es sich herrlich bildlich vorstellen wie die Wiener Galeristin Heike Curtze als eine Art „Postillon d'amour“ mit einem Köfferchen voll rainerscher Übermalungen nach Graz gefahren ist, um Brus den neuen „Stoff“ zu übergeben. Auf ihre Initiative ist dieses erneute Zusammenwirken zurückzuführen – wie schon 1984, als die beiden das erste Mal die Stifte und Pinsel kreuzten.
Eine große Leidenschaft zwischen den beiden, wie Rainer und Dieter Roth sie bei ihren wilden performativen Gemeinschaftsarbeiten 1972 bis 1982 ausgelebt haben, scheint dabei allerdings weniger entstanden zu sein – beide schätzen sich zwar gegenseitig durchaus, aber ebenso schätzen sie die Arbeit in Entfernung voneinander.
So bekam die „Jugend“, so Rainer (Brus ist mit 70 zehn Jahre jünger als er), das Privileg, die Übermalungen des Kollegen zu „kommentieren“. Eine zweite Runde des Dialogs, eine erneute Übergabe, fand nicht mehr statt. „Ich kann mich nicht so gut einfühlen in die Arbeit von anderen“, erklärte Rainer beim Pressegespräch. So sind die Handschriften zumindest klar zu unterscheiden – „Schnitzelprinzip“ nennt Rainer das. Im Gegensatz zum „Salat“, den er einst mit Roth abgemischt hatte.
Rainers milden späten Blättern, den von sanften Farbschleiern überlagerten Blumenbildern, Kindergesichtern oder japanischen Motiven, tut Brus' stichelnde Spitze jedenfalls gut. Sie reißt Abgründe in die Idyllen, durchzieht sie mit schwarzen Adern, tut ihnen fahrige Gewalt an. Narben erscheinen auf Gesichtern, ein Fötus krümmt sich plötzlich in einer Rosenmitte. Und um den schönen Blumenstängel ranken sich karg die Schenkel.
Bis 31.Jänner, Pfeilerhalle. Tägl. 10–18 h, Mi 10–21 h.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2009)