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Der ganz normale Held

(c) EPA (Calle Toernstroem)
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Hermann Maier ist der Beste, und trotzdem gibt er keinem das Gefühl, etwas Besseres zu sein. Einblicke in den österreichischen Heldenkult.

Und? Wen haben wir jetzt noch?“, fragt der in die Jahre gekommene Sportreporter – er stellt sich die Frage selbst. Kein Superstar mehr weit und breit. Hermann, der letzte.

Wir, das sind wir Österreicher. Und wir brauchen einen, der uns zeigt, was wir erreichen könnten. Arnold Schwarzenegger, Niki Lauda, Falco – der ist aber schon tot. Aber wer fällt uns Österreichern jetzt noch ein? Ganz spontan? Wer gibt uns das Gefühl, dass wir doch noch wer sind?

Hermann Maier kann es uns nicht sagen. Es scheint, als könne er überhaupt nichts sagen. „Hallo und Griaß euch“ hat er noch geschafft. Und dann hat plötzlich seine Stimme versagt – und allen, die an diesem 13. Oktober 2009 kurz nach 14 Uhr den Fernsehapparat aufgedreht haben. Der ORF hat natürlich sofort aus aktuellem Anlass eine Sondersendung angesetzt. „Sondersendung – aus aktuellem Anlass.“ Das gab es zuletzt fast auf den Tag genau vor einem Jahr.

„Das ist ja kein Begräbnis“, sagt Peter Schröcksnadel. Die Worte des Präsidenten des Österreichischen Skiverbands verfehlen ihre Wirkung nicht. Was dazu gedacht ist, die bedrückende Stimmung zu heben, bewirkt genau das Gegenteil. „Pfiat euch“, sagt Hermann Maier. Und die meisten Journalisten fangen an zu applaudieren, manche haben sich ehrfürchtig von ihren Plätzen erhoben. Im Dachgeschoß der Hofburg dankt der König der Skifahrer ab. Es ist ein würdiger Rahmen für den Staatsakt.

Rücktritt als Werbeauftritts

Den Tisch vor Hermann Maier ziert sein gelber Sturzhelm mit dem Giebelkreuz. Überall kleine gelbe Giebelkreuze. Hermann Maiers Rücktritt ist ein einziger großer Werbeauftritt. Er sei nicht nur der erfolgreichste Skifahrer aller Zeiten. Er sei auch der erfolgreichste Werbeträger, den Österreich je gehabt hat, sagt Leodegar Pruschak, der Chefwerber bei Raiffeisen. Hermann Maier wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Mit keinem Sieg der Welt hätte der Skiheld noch so viele Menschen berühren können als mit diesem Heulsusenrücktritt. Kein „Musikantenstadl“-Regisseur hätte es besser inszeniert. Hermann Maier, der Hansi Hinterseer der Skifahrerherzen.

„Tränenerfüllt sitze ich mit meinen Kindern vorm Fernseher, und wir sind geschockt von deinem Rücktritt“, schreibt eine Tirolerin ins Onlinegästebuch auf Maiers Homepage. „Ich sitz jetzt in meinem Büro und muss halt weinen. Gibt im Moment keinen Grund mehr, dass ich mich auf ein Rennen freu, weil für wen soll ich denn jetzt noch zittern und die Daumen drücken?“, trägt sich ein anderer Fan ins „Kondolenzbuch“ ein. Hunderte Einträge in wenigen Minuten. Eine Frau berichtet, dass die Genesung ihres Vater in der Rehaklinik besser verlaufen sei, „weil ihm deine Geschichte enorm viel Kraft und neuen Mut gegeben hat“. Sogar aus der skifahrerisch verfeindeten Schweiz trudeln die ersten „Beileidsbes-7;0kundungen“ ein. „Der Größte geht – die Welts steht still. Traurige Grüße aus der Schweiz“, mailt jemand.

Hermann Maier wäre nicht Hermann Maier, wäre er nicht „ganz normal“. Wir Österreicher wollen „ganz normale“ Helden. Die abgehobenen Helden der Antike sind uns fremd. Odysseus, Herkules, Achilles: Völlig unbrauchbar für einen Raiffeisen-Werbespot.

Der klassische Held, der mit seinen abgehobenen Taten die Welt verändert, macht Angst – weil Veränderung Angst macht. Der österreichische Held ist ein Held, der alles so lässt, wie es ist. Unsere österreichischen Helden kommen von unten und zeigen es denen dort oben. Wie einst unser Tiroler Volksheld Andreas Hofer. Ein echter österreichischer Held ist immer ein Volksheld. Am Ende bleibt aber alles beim Alten. Hermann Maier ist deshalb der Beste, weil er uns obendrein nicht das Gefühl vermittelt, etwas Besseres zu sein. Denn das können wir Österreicher auf den Tod nicht ausstehen. Dass jemand meint, er sei etwas Besseres. Der passt nicht zu uns. Der passt höchstens in die griechische Mythologie.

Wir schauen zwar jeden Tag „Seitenblicke“, aber im Innersten unseres österreichischen Herzens verachten wir die „Seitenblicke“-Typen. Hermann Maier ist fast nie in den „Seitenblicken“. Nur wenn es unbedingt sein muss, zweimal im Jahr, wenn seine Sponsoren es so haben wollen. Quasi berufsbedingt.

„Rücktritt einer Legende“, lautet die Sondersendung heute im Fernsehen. Schnell wurde das Programm umgeworfen. Schnell wurde dem Idol die Primetime geopfert. Schnell stoppelt die Pressestelle der Landeshauptfrau ein paar salbungsvolle Worte zusammen, ebenso der Kanzler, der Sportmis-6;0nister und die Kollegen. Wortmeldungen, dise sich nur in der Wortwahl an den Statements auf Maiers Homepage unterscheiden.

Er hat sich alles hart erarbeitet. Ihm ist nichts in den Schoß gefallen. Er kommt aus einfachen Verhältnissen. Solche Sätze fallen, wenn von Hermann Maier die Rede ist. Er ist nichts Besseres – er ist nur besser Ski gefahren als der Rest der Welt.

Und er hat kein Glück gehabt. Das ist wichtig. Das Glück ist nämlich ungerecht. Glück  haben fast immer die anderen. Maier hat in seiner Karriere das Schicksal nicht immer auf seiner Seite gehabt. Er ist von einem Autofahrer über den Haufen gefahren worden – noch dazu von einem deutschen Autofahrer. Der Motorradunfall des „Herminators“ ging genauso um die Welt wie sein spektakulärer Sturz bei der Olympia-Abfahrt in Nagano.

Eine ganze Generation weiß es noch, als als ob es gestern gewesen wäre. Startnummer vier. Bei Sekunde 18 abgehoben, bei Sekunde 21 erstmals aufgeschlagen. Drei Sekunden können zu einer Ewigkeit werden vor dem Fernsehapparat. Damals hat Maier nicht gejammert. Damals sind ihm nicht die Tränen gekommen. „Mehr als deine sportliche Leistung haben mich immer dein Wille und dein Kampfgeist beeindruckt“, schreibt ein Hermann-Maier-Fan auf die Hermann-Maier-Homepage.

Maier macht keinen Fehler zweimals

„Es tut mir leid, dass ich so weich geworden bin“, hat Maier sich für seine Tränen gestern entschuldigt. Es wird ihm kein zweites Mal passieren. Weil einem Hermann Maier selten „etwas passiert“. Und schon gar nicht zweimal hintereinander.
Will man sich dem Phänomen Hermann Maier nähern, muss man den Skifahrer Maier ganz beiseiteschieben. Dort, wo er Perfektionist ist, gibt es nämlich nichts mehr zu ergründen. Wo er Neuland betritt, zeigt sich, warum er der Beste geworden ist. „Er macht keinen Fehler ein zweites Mal“, hat vor vielen Jahren ein Salzburger Golflehrer berichtet, der Maier als Anfänger auf dem Golfplatz erlebt hat.

In Wahrheit ist Hermann Maier, wie in die Fans wahrnehmen, eine einzige große Erfindung. Sie haben ihn sich zusammengereimt. Die Medien, die Werbung, die Österreicher haben sich Hermann Maier aus ihren unerfüllten Tagträumen zusammengesetzt. Er ist ein Held, so wie wir ihn ertragen können. Dass er jetzt wie aus heiterem Himmel aufhört, das werden ihn viele nie verzeihen.

Als „Herminator“ ist Hermann Maier sakrosankt gewesen. Aber als zurückgetretener Held wird der Engel auf der Rennmaschine bald aus allen Wolken fallen. Nicht nur einen Stern reißen wie damals am 13. Februar 1998.

Aber noch überwiegt die Trauer im Land. Wenige Tage, vielleicht auch Wochen werden vergehen. Aber dann wird es losgehen. Dann wird die boulevardeske Enthüllungsmaschinerie anlaufen. Die österreichische Schmierenkomödie endet immer in einer Tragödie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2009)