Denken ganz ohne Gehirn, Lehren und Lernen auch

Heißt auch Hexenbutter, hat Hexenkräfte.
Heißt auch Hexenbutter, hat Hexenkräfte.(c) Dussutour
  • Drucken

Ein Einzeller, die Amöbe Physarum polycephalum, die auch als Schleimpilz oder Hexenbutter bekannt ist, hat Hexenkräfte ohne Ende: Er kann wandern ganz ohne Beine bzw. Muskeln, er kann sich vorausschauend in Zeit und Raum orientieren – und dieses Wissen mit anderen teilen.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten Erfahrungen mit anderen dadurch teilen, dass sie kurz die Gehirne verschmelzen und Inhalte hin- und herfließen lassen. Nein, das gibt es allenfalls in der Science-Fiction oder in der Fantasie von Propheten der Artificial Intelligence: Marvin Minsky (MIT) etwa träumte davon, den Inhalt des ganzen Gehirns auf einen Chip zu übertragen – den könnte man dann auch mit anderen Hirn-Chips verschalten –, er wollte auf diesem Weg Unsterblichkeit erlangen, er verstarb darüber.

In der Realität können wir es nicht, nur einzelne unserer Zellen können verschmelzen, Eizellen und Spermien etwa. Aber ein anderer kann es, obwohl er aus einer einzigen Zelle besteht. Physarum polycephalum, zu deutsch: Schleimpilz. Der heißt nur so, er ist kein Pilz, auch kein Tier und keine Pflanze, er ist eine Amöbe, die riesengroß werden kann, im Labor liegt der Rekord bei 5,5 Quadratmetern. In freier Natur geht noch mehr, manche Wanderer kennen ihn als Hexenbutter.

Denn er ist gelb, und er hat Kräfte, die auch Forscher zum Staunen bringen können, und zum Verzweifeln: Der Schleimpilz kann wandern – drei Zentimeter pro Stunde –, in Labors macht er sich aus nachlässig geschlossenen Behältern bisweilen davon, Audrey Dussutour (Toulouse) hat es wiederholt erleben müssen. Sie führt fort, was lang nur von einem erkundet wurde, Toshiyuki Nagaki (Sapporo): Der hat etwa bemerkt, wie das Wandern ganz ohne Beine bzw. Muskeln geht: Der Schleimpilz ist durchzogen von Leitungsbahnen zur Ver-/Entsorgung, die kann er verkürzen/verlängern und verengen/erweitern, damit treibt er sich auch voran.

Auf der Futtersuche. Dabei meidet er Regionen, die er schon abgegrast hat, er hat sie mit Schleim gekennzeichnet, das ist eine Auslagerung des Gedächtnisses, wie man sie etwa von Ameisen kennt, sie verwenden dazu Duftstoffe, Pheromone.

Aber Physarum hat in Nagakis Labor noch Erstaunlicheres gezeigt: Er kann denken ganz ohne Gehirn, er orientiert sich damit in Raum und Zeit: Zwischen Futterquellen legt er sich in Bahnen, die die kürzesten Verbindungen sichern, er kann das so gut wie Verkehrsplaner, die mit ausgefeiltesten Algorithmen etwa U-Bahn-Netze ersinnen. Und er hat einen Überblick über die Zeit bzw. einen Blick in die Zukunft: Kommt regelmäßiges Futter einmal nicht, stellt er sich darauf ein und wartet künftig nicht darauf.

Zudem kann er lernen, das hat Dussutour zuletzt gezeigt: Legt man ihm Ungewohntes in den Weg – Salz etwa – , dann stutzt er, dann merkt er, dass kein Schaden droht, und gewöhnt sich. Das Wissen kann er mit anderen teilen: Schleimpilze tun sich gern zusammen, Dussutour hat es genutzt, sie hat Individuen, die an Salz gewöhnt waren, mit anderen verschmolzen, die es nicht waren. Das ganze Gebilde scheute vor Salz nicht zurück. Und: Wenn die verschmolzenen wieder getrennt wurden, scheute auch der einst „naive“ nicht zurück, er hat die Lektion gelernt (Proc. Roy. Soc. B 21. 12.). Wie geht das zu? „Ich habe mit vielen Neuroforschern geredet, sie haben keine Idee“, schließt Dussutour und will es in der nächsten Runde selbst erhellen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2017)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.