Nur kaufen allein reicht nicht mehr

Die Übernahme von Monsanto zählt zu den größten Deals des Vorjahres
Die Übernahme von Monsanto zählt zu den größten Deals des Vorjahres(c) APA/AFP/JOHN THYS
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Konzerne verlassen bei Übernahmen immer öfter ausgetretene Pfade – statt nur die Marktmacht zu vergrößern, geht es häufig um neue Geschäftsmodelle oder Erlösquellen.

New York/London. Am Ende reichte es nur für Platz drei: 2016 wurden nach Thomson-Reuters-Daten Firmenfusionen und -übernahmen für 3,6 Billionen Dollar vereinbart, 17 Prozent weniger als im Rekordjahr 2015, aber auch weniger als im Boom-Jahr 2007 vor der Finanzkrise. Doch die nackten Zahlen täuschen über einen Trend hinweg, der 2016 zu einem außergewöhnlichen Jahr macht. Es waren nicht nur die üblichen Übernahmen, mit denen Konzerne nach mehr Marktmacht streben. Mehr denn je schauen Unternehmen über den Tellerrand hinaus. „Disruption“ – die Zerstörung althergebrachter Geschäftsmodelle etwa durch die Digitalisierung war das Schlagwort.

„Firmen erfinden sich neu, betrachten ihr Geschäft mit anderen Augen und überlegen, wie sie disruptiv werden können – oder vermeiden, selbst Opfer von Disruption zu werden“, sagt Chris Ventresca, der das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (M&A) bei JPMorgan weltweit leitet. Das kurbelte Transaktionen an.

Nicht nur die größte Übernahme passt in dieses Schema: Der US-Telekomriese AT&T schluckte für 85,4 Mrd. Dollar den Medienkonzern Time Warner mit seinen Sendern (CNN, HBO) und dem Filmstudio Warner Bros. Der Softwarekonzern Microsoft legte sich das Karrierenetzwerk LinkedIn für 26,2 Mrd. Dollar zu, und der Smartphone-Konzern Samsung greift nach Harman Int., dem Hersteller von Auto-Lautsprechern.

Bayer zahlt bar

„Das Tempo, mit dem Technologien ganze Branchen erfassen, und das Zusammenwachsen traditioneller Industriezweige bestimmen das Denken so stark wie nie“, sagt Cary Kochman, M&A-Chef von Citi in Nordamerika. Gleichzeitig geht die Konsolidierung innerhalb einzelner Branchen weiter. Die Übernahme von Monsanto durch Bayer ist mit 66 Mrd. Dollar die größte, die ein Konzern je bar stemmte – nicht durch Ausgabe neuer Aktien. Linde will mit der 65 Mrd. Dollar schweren Fusion mit der kleineren Praxair wieder Nummer eins auf dem Industriegase-Markt werden. Dafür wird der deutsche Firmensitz aufgegeben.

Seit 2016 spielt auch China bei Übernahmen in der ersten Liga mit. Weltweit summierten sich chinesische Zukäufe im Ausland auf 221 Mrd. Dollar, mehr als doppelt so viel wie 2015. Ganz oben stand der 43 Mrd. Dollar schwere Kauf des Schweizer Pflanzenschutz- und Saatgut-Konzerns Syngenta durch ChemChina. Aber auch nach Deutschland und in die USA wagten sich chinesische Käufer vor. Obwohl die Politik zahlreiche Übernahmen stoppte, gaben Unternehmen aus dem Reich der Mitte neunmal so viel für US-Konzerne aus wie 2015. „Asiatische Unternehmen haben größere Hartnäckigkeit bei Deals gezeigt, das liegt vor allem daran, dass sie globale Reichweite und Know-how zukaufen müssen,“ sagt Goldman-Sachs-M&A-Co-Chef Gilberto Pozzi.

Immer mehr Projekte platzen

Allerdings platzen auch immer mehr Fusionsprojekte – wegen des Widerstands der Übernahmeobjekte oder der Wettbewerbsbehörden bzw. der Politik. Der Kauf von Allergan durch Pfizer hätte mit 160 Mrd. Dollar der größte des Jahres werden können. Doch er hing an den Steuervorteilen, die sich Pfizer erhoffte – bis das US-Finanzministerium einen Strich durch die Rechnung machte.

Auch Linde/Praxair stand im Sommer vorigen Jahres schon vor dem Aus, ehe man sich zusammenfand. Und die Übernahme der Londoner Börse durch ihr deutsches Pendant ist längst nicht fix. Insgesamt scheiterten 2016 Übernahmen im Volumen von 804 Mrd. Dollar. Die Versuche, die nicht erst publik wurden, sind gar nicht eingerechnet. (Reuters)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2017)

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