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Das Gesundheitswesen krankt – Gangbetten sind ein Symptom

(c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)

Unintelligentes Sparen belastet die Gesundheitsversorgung. Doch ein Systemwechsel liegt nicht im Interesse von Krankenkassen und Ländern.

Das ist unzumutbar: Kranken Menschen ein Bett auf den Gang zu stellen, und sie so des letzten Rests an Privatsphäre zu berauben, den man in einem Krankenhaus noch haben kann, das darf nicht vorkommen. Das ist ein Zeichen dafür, dass Österreich längst nicht mehr das viel gerühmte „beste Gesundheitssystem der Welt“ hat. Die Gangbetten sind ja nicht Folge einer unabwendbaren Katastrophe, die plötzlich über das Land hereingebrochen wäre und bei der man eben zu Notmaßnahmen greifen muss, sondern systemimmanent: Dass es im Winter eine Grippewelle gibt, kommt ungefähr so überraschend wie am 24. Dezember Weihnachten.

Die Notbetten sind eine Folge der Gesundheitspolitik: Man spart, wo es geht, aber man spart ziemlich unintelligent. Ist das Geld knapp (und es ist immer knapp), dann kürzt man eben die Ressourcen: Dann gibt es in den Spitälern weniger Ärzte, weniger Pflegepersonal, weniger Nachtdienste. Und die Patienten landen auf dem Gang. Genau so funktioniert das auch in anderen Bereichen: Die Krankenkassen ziehen bei bestimmten Behandlungen einen „Deckel“ ein und sind sehr restriktiv bei der Vergabe von Planstellen. Als Kassenpatient wartet man dann eben monatelang auf eine MRT-Untersuchung oder auf einen Facharzttermin. Wer es sich leisten kann, kehrt dem staatlichen Gesundheitssystem den Rücken und schließt eine private Zusatzversicherung ab. So entsteht Zweiklassenmedizin.

Doch der Ruf nach höheren Mitteln für die Gesundheit ist einigermaßen naiv. Woher sollen sie kommen? Von der Sozialversicherung? Dann müssten die Beiträge erhöht werden, und die ohnehin schon hohen Lohnnebenkosten würden weiter ansteigen. Oder vom Staat? Er buttert ohnehin schon zu viel in das Sozialbudget und zu wenig in Zukunftsbereiche wie Forschung und Bildung hinein.

Außerdem sind nicht unbedingt höhere Mittel notwendig, wenn die bestehenden falsch eingesetzt sind. Und das ist im Gesundheitswesen unzweifelhaft der Fall. Krankenhäuser sind das mit Abstand teuerste Segment – und ausgerechnet da ist Österreich in internationalen Statistiken die unangefochtene Nummer eins: 266 Spitalsaufenthalte je 1000 Einwohner gab es zuletzt in Österreich, 155 sind es im Schnitt der OECD-Länder. Einzig Deutschland kommt dem österreichischen Spitzenwert halbwegs nahe.

Das weiß die Gesundheitspolitik natürlich. Doch der Versuch gegenzusteuern scheitert grandios: Trotz aller Bekenntnisse, Spitalsbetten abzubauen, Krankenhäuser oder zumindest einzelne Abteilungen zu schließen, ist die Zahl der Krankenhausaufenthalte in den vergangenen zehn Jahren um weitere fünf Prozent gestiegen. Was ja auch kein Wunder ist: Die Menschen werden nicht weniger krank, nur weil es ein paar Spitalsbetten weniger gibt.


Was fehlt, ist ein echter Systemwechsel: Wenn man weniger Behandlungen im Krankenhaus will, muss man die Strukturen außerhalb ausbauen. Am aktuellen Beispiel der Grippewelle: Viele Patienten müssten nicht ins Spital, wenn zu Hause täglich der Hausarzt oder eine Krankenschwester käme und wenn jemand da wäre, der unbürokratisch eine Heimhilfe organisierte. Das käme viel billiger als ein unnötiger Spitalsaufenthalt, nur müsste ordentlich in diesen Bereich – Primärversorgung genannt – investiert werden. Etwa in die Honorare der Hausärzte, für die es sich derzeit gar nicht auszahlt, Patienten daheim zu betreuen.

Dass das derzeit nicht passiert, liegt auch in der Zersplitterung des Gesundheitssystems begründet. Den Krankenkassen ist es gar nicht so unrecht, wenn die Patienten im Spital landen. Denn dafür zahlen im Wesentlichen die Bundesländer. Die Bundesländer wiederum geben zwar den Kostendruck an die Spitäler weiter, sind aber nicht ernsthaft an einem Systemwechsel interessiert. Denn dann gingen Macht und Einfluss verloren. Und so bleibt alles, wie es ist. Bis zur nächsten Grippewelle.

E-Mails an: martin.fritzl@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2017)