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Russlands Banken wittern Morgenluft

(c) imago/STPP
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Finanzsystem. Vor zwei Jahren drohte der Zusammenbruch des russischen Finanzsystems, 2016 wurde es stabilisiert. Nun macht sich unter den Großbanken Optimismus breit.

Moskau. Etwas über einen Monat ist es her, dass Russlands Präsident, Wladimir Putin, der Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, seine Sorge über die Passivität des russischen Bankensektors mitgeteilt und sie um Ratschläge gebeten hat. Lagarde beschränkte sich darauf, die Maßnahmen der Zentralbank zur Stabilisierung des Sektors zu würdigen. Ratschläge für Putin hatte sie nicht parat, schließlich seien die Umstände länderspezifisch, sagte sie.

Wie viel an Geschäft in der russischen Situation demnächst möglich ist, teilten soeben die beiden größten und staatlichen russischen Banken, Sberbank und VTB, mit.

Branchenprimus Sberbank, der mit etwa der Hälfte aller Spareinlagen den Ton angibt, erwartet für 2017 branchenweit bei den Unternehmens- und Privatkrediten ein Wachstum von fünf bis sieben Prozent. Das Einlagengeschäft dürfte um sieben bis neun Prozent steigen. Die Sberbank sieht sich selbst im Branchenschnitt, während die VTB-Bank, landesweit Nummer zwei, für sich ein jährliches Wachstum des Kreditportfolios um zehn Prozent annimmt.

Das wäre ein merkbarer Aufschwung nach der Durststrecke. Zwar haben Russlands Banken schon 2016 wider Erwarten höhere Gewinne eingefahren. Aber vor dem Hintergrund, dass das BIP 2016 abermals leicht schrumpfte und die real verfügbaren Einkommen das dritte Jahr in Folge sanken, sprach man bestenfalls von einer Stabilisierung.

Insgesamt haben Russlands Banken in den ersten elf Monaten 2016 788 Mrd. Rubel (12,3 Mrd. Euro) verdient, so die Zentralbank. Davon entfallen auf die Sberbank, die heuer erstmals zum teuersten Unternehmen noch vor den Ölkonzernen auf der russischen Börse wurde, 483,2 Mrd. Rubel. Ihr Stück vom Kuchen bekamen auch die ausländischen Spieler ab: So erhöhte die Raiffeisenbank International den Nachsteuergewinn in den ersten neun Monaten in Russland um 5,2 Prozent auf 266 Mio. Euro. Allen kam zugute, dass es weniger Risikovorsorgen für faule Kredite brauchte. Die Zahlungsmoral im Privatkundengeschäft sei ungleich höher als etwa in den ersten Jahren nach der Finanzkrise, sagte Michail Zadornov, Chef der Großbank VTB24 in einem Interview. Er erklärt das allerdings mit der Unsicherheit der Menschen, was die Zukunft betrifft.

2017 könnte der Sektor eine Billion Rubel erwirtschaften, so Sberbank-Chef Herman Gref – und fügt hinzu: „Wenn nichts Außergewöhnliches passiert.“

2014 war Außergewöhnliches passiert, der Ölpreisverfall und die westlichen Sanktionen hatten Mitte Dezember einen großflächigen Bankrun zum Greifen nah gebracht. Die Zentralbank wendete damals einen Zusammenbruch der Branche ab, indem sie den Leitzins von 10,5 auf 17 Prozent hochriss.

2015 dann, als die Wirtschaft um 3,7 Prozent schrumpfte, brach der Überschuss auf dem Sektor um zwei Drittel ein, ehe 2016 die Stabilisierung folgte.

 

300 Banken wurden liquidiert

Die optimistische Prognose der Sberbank für 2017 basiert auf der Annahme, dass die Zentralbank bis Ende 2017 den Leitzins von den hohen zehn Prozent auf wenigstens 8,5 Prozent senkt. Die Prognosen für das BIP-Wachstum pendeln bei 0,5 bis ein Prozent. Und im Finanzsektor selbst sollte insofern Ruhe eintreten, als die Zentralbank für Mitte 2017 die Durchforstung abgeschlossen haben will. Seit 2013 hat sie ja über 300 Banken die Lizenz entzogen und ihre Anzahl auf nun etwa 600 reduziert.

Es ist paradox: Genau diese Maßnahme, die dem Vertrauen dienen sollte, weil dubiose Geldinstitute liquidiert werden, sei ein Grund, dass das Vertrauen der Russen in Banken geringer ist als in anderen Ländern, heißt es in einer Studie von Ernst & Young. Nur 31 Prozent der Russen würden einer Bank vollauf vertrauen, während dies in anderen Länder im Schnitt mehr als 40 Prozent tun.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2017)