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Waffendeal mit Kollateralschaden

Voest Werk
(c) imago
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Der Noricum-Skandal. Eine verbotene Superkanone aus dem steirischen Voest-Werk. In den Achtzigerjahren führte die Verstaatlichte die Regierung Kreisky an der Nase herum.

Die Maschinenfabrik Liezen & Gießerei GmbH ist ein metallverarbeitender Betrieb in Liezen und wichtig für das gesamte steirische Ennstal. 1939 gegründet, beschäftigt sie achthundert Mitarbeiter. Der Skandal um die Noricum-Kanone, die in den Siebzigerjahren dort produziert wurde, als die Firma im Besitz der Voest stand, ist gottlob weitgehend verarbeitet.

Die Affäre, die Österreichs Politik in Atem hielt, mit Gerichtsprozessen und Haftstrafen, Freisprüchen für drei ehemalige Regierungsmitglieder und mit einem Untersuchungsausschuss endete, ist ein Studienbeispiel für den verzweifelten Kampf eines Wohlfahrtsstaats, der Arbeitsplätze um jeden Preis halten will, während sich die Weltwirtschaft längst weitergedreht hat.

 

Gun Howitzer Noricum

Es ist die Story von der Superkanone aus Österreich, die nie hätte gebaut werden dürfen. Eine wirre Causa, die aber rasch nacherzählt ist. Sie offenbart das ganze Dilemma, in der sich die verstaatlichte österreichische Industrie in der Kreisky-Ära befand.

Das Voest-Werk im steirischen Liezen, das in grauer Vorzeit Sicheln, Sensen und Pflugscharen produziert hatte, geriet in den Siebzigerjahren immer mehr in die Bredouille. 1976 waren es schon 160 Millionen (Schilling) Verlust. Fieberhaft suchten Manager und Politiker nach lukrativen Aufträgen. So verfiel man schließlich auf die Idee, dem kanadischen Erfinder und Kanonenproduzenten Gerald Bull eine Lizenz abzukaufen. Bull hatte ein Faible für das kleine Österreich: Sohn Philippe studierte in Wien Medizin.

Und so produzierte man in Lienz eine weittragende Superkanone mit dem Namen GHN-45 (Gun Howitzer Noricum), weil sie 45 Kilometer weit schießen konnte.

 

Man gab sich ganz neutral

Leider gab es da zwei gravierende Hindernisse. Erstens durfte Österreich laut Staatsvertrag vom Jahre 1955 solche Waffen gar nicht besitzen. Aber da fand sich ein Schlupfloch: Man wolle die Kanone sowieso nicht verwenden, das Bundesheer hatte auch gar keinen Bedarf. Man wolle ja nur exportieren. Aber wohin? Österreichs Kriegsmaterialgesetz, mehrfach novelliert, verbot jeglichen Waffenexport an ein kriegführendes Land. Freilich: Nur solche Staaten interessierten sich für das Liezener Produkt.

Gut, dass gerade der Irak und der Iran einen mörderischen Krieg gegeneinander fochten, der in Summe 800.000 Tote forderte. Also gingen zunächst hundert Stück der tödlichen Waffe an Iraks Diktator, Saddam Hussein. Natürlich auf Umwegen. Geliefert wurde offiziell an das Königreich Jordanien, von dort ging's ab an den Kriegsschauplatz.

Anfang 1983 protestierten die iranischen Mullahs erstmals in Wien gegen diese Einseitigkeit und forderten ebenfalls diese Kanonen. Neutral, wie die Österreicher eben sind, flogen 1985 drei Voest-Topmanager nach Teheran und machten den Deal: Zweihundert GHN-45 im Wert von 16 Milliarden Schilling. Erhoffter Profit: sechs Milliarden. Scheinadresse: diesmal Libyen.

1600 Arbeiter fanden in Liezen Arbeit und Brot. Die Hirtenberger Munitionsfabrik freute sich natürlich ebenfalls über dicke Auftragsbücher: Munition für die Kanonen, Treibladungen, Zünder . . .

Bis 1986 wurde produziert und ausgeliefert, zuletzt an die Deckadresse Brasilien. Doch seit geraumer Zeit war ein österreichischer Diplomat dem verbotenen Deal auf der Spur. Nicht irgendeiner, sondern der frühere Kabinettschef Bruno Kreiskys, Herbert Amry, jetzt Botschafter in Griechenland. Der beobachtete mehrere Voest-Manager bei einer Waffenmesse in Athen bei Verhandlungen mit offenbar wichtigen Kunden. Er meldete seinen Verdacht dem Außenamt in Wien. Seitdem fühlte er sich verfolgt: „Ferry, pass auf, die wollen uns beide umbringen“, warnte er seinen Attaché, Ferdinand Hennerbichler. „Schau in den nächsten Tagen unter dein Auto, bevor du einsteigst!“

Am Abend des 11. Juli 1985 besucht Amry einen Empfang, konsumiert Orangensaft, fühlt sich in der Nacht elend und stirbt in den Armen seiner Frau. Herzversagen. Rasch ist die Leiche eingeäschert, bis heute ist der wahre Hergang ungeklärt. Ebenso unklar bleibt bis heute, ob die drei Fernschreiben Amrys überhaupt je bis zum damaligen Außenminister, Leopold Gratz, gelangt waren. Ein viertes Fax verschwand irgendwo im Innenministerium. Zwei Journalisten, Kurt Tozzer und Günther Kallinger, fanden erst 1999 einen Amry-Verschlussakt im Außenamt.

Es war die Jugendzeitschrift „Basta“ der Brüder Fellner, die dem Schwindel mit den falschen Frachtpapieren 1985 nachging. Nicht zufällig. Pensionist Kreisky hatte immer wieder mit seinem Exmitarbeiter Amry telefoniert und ahnte, dass ihn die Voest-Leute hintergangen hatten. Fellner solle sich darum kümmern, was da im Außenamt seines verstoßenen Ziehsohnes Gratz passiere. Am 30. August 1985 glückte zwei „Basta“-Reportern das Kunststück. Sie fotografierten im jugoslawischen Adriahafen Kardeljevo-Ploče Stahlcontainer mit zwanzig Superhaubitzen aus Liezen, beiliegend Gebrauchsanweisungen in persischer Sprache. Die „Basta“-Veröffentlichung sollte zum größten Skandal der Zweiten Republik führen.

 

Heribert Apfalters Herztod

Empört meldete sich die Voest zu Wort: Alle Exporte seien korrekt gelaufen. Ausländische Geheimdienste wollten Noricum aus dem größten Waffengeschäft der vergangenen Jahre ausbooten. Jetzt seien geplante Lieferungen an Indien in Gefahr, tönte es aus Linz. Dabei hatten die Inder längst mit Schweden einen Waffendeal vereinbart.

Es wurde eng um die Voest. Sehr eng. Generaldirektor Heribert Apfalter hatte damit nichts mehr zu tun: Ihn hatte man bereits 1985 wegen gigantischer Fehlspekulationen der Voest-Firma Intertrading samt dem ganzen Vorstand suspendiert. Wegen Verletzung der Sorgfaltspflicht war ihm die Pension um ein Drittel gekürzt worden. Demnächst sollte er im Linzer Noricum-Prozess aussagen . . .

Zwei Herzinfarkte hat er schon überstanden. Am 25. August 1987 schneidet der rüstige 62-Jährige bei seinem Zweithaus Holz mit der Kreissäge. Die Nachbarin hilft mit. Am nächsten Tag wollen sie weitermachen. An diesem nächsten Morgen wird Apfalter tot in seinem Haus aufgefunden.

Nächsten Samstag:
Und noch mehr Tote rund um Noricum.

AUF EINEN BLICK

In den Siebziger- und Achtzigerjahren produzierte das Liezener Voest-Werk Superkanonen, die illegal an die kriegführenden Staaten Irak und Iran verkauft wurden. 1985 kam Österreichs Botschafter in Athen, Herbert Amry, drauf, doch seine Warnungen ließ das Außenamt (Minister Leopold Gratz) unbeantwortet. Wenige Tage nach der vierten Info starb der 45-jährige Amry an Herzversagen. Der bereits pensionierte Voest-Generaldirektor Heribert Apfalter (62) starb ebenfalls einen plötzlichen Herztod. Er sollte im spektakulären Strafverfahren gegen involvierte Voest-Manager in Linz aussagen. Doch das waren noch nicht alle rätselhaften Todesfälle.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2017)

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