Der Biss in den Goldenen Apfel

Die Osmanen und die Habsburger, die Amerikanische und die Französische Revolution, Venedig und Sankt Petersburg: Wie Südosteuropa durch Einflüsse von außen wurde, was es ist – das beschreibt die Historikerin Marie-Janine Calic in ihrem eindrucksvollen Panorama einer Region.

Sava Vladislavić Raguzinski (1669– 1738) entstammte einer reichen bosnischen Familie, die nach Dubrovnik übersiedelt war, der Venedig nachempfundenen Adelsrepublik. In Venedig, Spanien und Frankreich hatte er auch studiert – ehe er nach Istanbul ging, in die Metropole des Osmanischen Reichs, und sich dort dem Russland-Geschäft widmete.

Das zaristische Russland band den „illyrischen Grafen“ alsbald an sich. Der osmanische Staatsbürger wurde einer der engsten Berater von Peter dem Großen, dem Hoffnungsträger der christlichen Eliten Südosteuropas, die unter der Herrschaft der Türken, aber auch der Habsburger litten. Sava Vladislavić verfasste ein Manifest an die Christen im Osmanischen Reich und übersetzte die „Geschichte der Slawen“ des Dubrovniker Mönchs Mauro Orbini ins Russische. Einmal machte er Zar Peter einen Äthiopier zum Geschenk, den er auf dem Sklavenmarkt in Istanbul erworben hatte. Er wurde Abram Petrovitsch Hannibal genannt – und war der Urgroßvater des russischen Nationaldichters Alexander Puschkin.

„Mit Sava Vladislavić tritt uns ein Mann mit einer typischen transimperialen Biografie entgegen, von denen es in dieser Epoche viele gab“, schreibt Marie-Janine Calic. Die Professorin für Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München hat eine Geschichte Südosteuropas vorgelegt. Jener historischen Regionen, die im 20. Jahrhundert in Jugoslawien, Bulgarien, Rumänien, Albanien und Griechenland aufgingen.

Rom und Byzanz, Venedig und Wien, die Amerikanische Revolution und die Französische Revolution, die Osmanen und die Russen: Calic schildert vor allem die Einflüsse von außen auf das Werden Südosteuropas. Eine Weltgeschichte des Balkans sozusagen.

Das 20. Jahrhundert, insbesondere die zweite Hälfte, vergeht im Buch relativ rasch. Die dahinter liegende Vergangenheit dieser Region aufzuhellen, die bis 1989 mehr oder weniger im Schatten lag – selbst aus der SichtÖsterreichs, das dort lang eine tragende Rolle gespielt hat –, ist das Wesentlichere.

Es ist eine Geschichte der mittelalterlichen Reiche, des Großbulgarischen Reichs, des Königreichs Kroatien oder des SerbischenReichs unter Stefan Nemanja, ihres Verschwindens hinter dem Vorhang des Osmanischen Reichs (beziehungsweise ihr Aufgehen in jenem der Habsburger) und ihrer Wiedergeburt in neuer Form im Zeitalter des Liberalismus und Nationalismus.

Wobei auch das 20. Jahrhundert Facetten aufweist, die vielen nicht so geläufig sein werden. Alija Izetbegović etwa, der Führer der bosnischen Muslime im jugoslawischen Zerfallskrieg der 1990er-Jahre, galt angesichtsder serbischen Aggression als Mann des Westens. Seine Vergangenheit weist ihn allerdings als Islamisten reinsten Wassers aus. Er forderte die Vereinigung der islamischen Länder in einem riesigen Staat von Marokko bis Zentralasien, hielt Kontakte zu den Muslimbrüdern, verlangte die Einführung der Scharia, die Verschleierung von Frauen und das Verbot von Mischehen.

Überhaupt verdeutlicht das Buch, dass das Konfliktpotenzial zwischen der Bevölkerung christlicher Prägung und dem Islam kein zeitgenössisches Phänomen in Europa ist. In den Balkanländern war das über Jahrhunderte Alltag. Wobei Calic das Wesen des Osmanischen Reichs als eine Mischung aus Toleranz und Brutalität beschreibt. Den Slawen standen die Karrierewege in Istanbul oder in ihren Heimatprovinzen offen, auch ihre Religionsausübung wurde kaum behindert. Aber wehe, man lehnte sich auf.

Den Anfang vom (langsamen) Ende des Osmanischen Reiches leitete übrigens jener Feldzug ein, der zum Höhepunkt der Machtentfaltung werden sollte: die (versuchte) Einnahme des Goldenen Apfels. Wien wurde 1683 wochenlang vom türkischen Heer belagert. „Wenn ihr Muslims werdet, geschieht euch nichts. Solltet ihr aber halsstarrig sein und Widerstand leisten, werden eure Besitztümer geplündert und eure Kinder versklavt!“,rief Heerführer Kara Mustafa den Wienern zu. Doch diese hielten so lange stand, bis der polnische König Jan III. Sobieski zur Befreiung anrückte.

Die Befreiung von den Osmanen in Südosteuropa, das Wiedererwachen der Nationen dort, setzte dann im 19. Jahrhundert ein. Es war eine Zeit, in der der Nationalismus noch kein chauvinistischer war. Die Revolutionäre arbeiteten grenzübergreifend zusammen. Beeinflusst von der Aufklärung, der Amerikanischen und Französischen Revolution, breitete sich die Unabhängigkeitsbewegung ausgehend von Griechenland über den gesamten Balkan aus. „Der kosmopolitische Patriotismus der Aufklärung ging in den republikanischen Nationalismus der Liberalen über. Sie wollten nicht nur Nationalstaaten schaffen, sondern auch eine demokratische Völkergemeinschaft“, so Calic.

Die Aufklärung hatte in Südosteuropa eine regionaltypische Façon: die Verwurzelung in den Kirchen, dem traditionellen Schutzraum vor Germanisierung, Magyarisierung, Islamisierung. Beispielhaft tritt uns hier – Calic reichert die einzelnen Epochen mit Porträts repräsentativer Personen an – der kroatische Bischof Ivan Dominik Stratiko entgegen: Sohn einer griechischen Einwandererfamilie, in Rom ausgebildet, ein katholischer Freigeist, den auch der Venezianer Giacomo Casanova zu schätzen wusste.

Relativiert wird auch das Bild, das man von Serbien in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg hat. Das Belgrad der Gründerzeit war eine Metropole westlichen Aussehens. Man traf sich bei Pferderennen, reiste in die Bäder Österreich-Ungarns. Der Kleidungsstil orientierte sich an Paris und Wien. Wie Wien überhaupt stets eine Benchmark für die Menschen in Südosteuropa war. In dieser „goldenen Ära der Demokratie“ hatten auch die Frauen mehr Platz: zehn Prozent weibliche Studierende in Belgrad.

Marie-Janine Calic entfaltet ein eindrucksvolles Panorama einer Region, die so vielfältig wie mythenumrankt ist – auch die (traumatische) Bedeutung der Schlacht auf dem Amselfeld versteht man danach besser. Einer Region, die ökonomisch immer hinterhergehinkt ist – den Gründen (verspätete Industrialisierung, Eigenstaatlichkeit) spürt die Autorin ebenso nach. Einer Region, für die es schon schwierig ist, den passenden Namen zu finden: Die einen nennen sie Südosteuropa, die anderen Balkan.

Und ja, Südosteuropa hat der Welt auch etwas gegeben. Wie Nikola Tesla, den 1865 geborenen, kroatisch-serbischen Pionier der Elektrotechnik. Heute auch Namensgeber eines US-Konzerns. Tesla, der sich intensiv mit drahtloser Nachrichtenübermittlung beschäftigte, kündigte vor über 100 Jahren eine „zweite elektrische Revolution“ an: „In ein paar Jahren wird es ein einfacher und preiswerter Empfänger erlauben, eine Rede, einen Vortrag, ein Lied oder Theaterstück zu hören, die aus irgendeiner anderen Gegend des Globus übermittelt wurden.“ Ein paar Jahre hat es dann doch noch gedauert. ■

Marie-Janine Calic

Südosteuropa
Weltgeschichte einer Region. 704 S., 41 Abb. und 7 Karten, geb., € 39
(C. H. Beck Verlag, München)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2017)

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