Während Politiker schon wieder alles Mögliche ankündigen, könnte jeder Einzelne für sich festlegen, was ihm politisch wichtig ist, wofür er sich einsetzen wird.
Ein Wortschwall wird in den nächsten Tagen auf das Land niedergehen, das neue Jahr hat die Politik wieder: Vorstandssitzungen, Klausuren, Grundsatz- oder Neujahrsreden. Es wird angekündigt, versprochen, gefordert und prophezeit werden, was das Zeug hält.
Da sollte man noch einmal innehalten und darüber nachdenken, wofür es sich für den Einzelnen lohnt zu kämpfen – und darüber, dass die üble Laune in Wahrheit eine Schwester der gefühlten Hilflosigkeit ist. In einem bemerkenswerten Interview im „Standard“ vor Weihnachten äußerte sich die russische Pianistin Elisabeth Leonskaja, seit Jahrzehnten in Wien ansässig, verwundert darüber, „dass die Menschen in Wien so wenig lächeln, so bekümmert sind. Obwohl sie in einer so herrlichen Stadt leben.“ Das gilt eigentlich für ganz Österreich.
Was immer uns nervt, wir könnten etwas dagegen tun. Wie wäre es, wenn jeder für sich zu Beginn dieses Jahres festlegt, was ihm wirklich wichtig ist, wofür er sich einsetzen und aktiv werden würde? Was wäre, wenn jeder seinen ganz persönlichen Maßstab bestimmt und seine Aufmerksamkeit auf die Entwicklungen in diesem Bereich richtet, wenn er präventiv aktiv wird und nicht erst im Nachhinein verwundert feststellt, dass wieder einmal etwas dieser Aufmerksamkeit entgangen ist? Wie wäre es, würde man Leonskaja beweisen, dass nicht alle in Wien (und anderswo) „faul werden“ und sich darin gefallen, „nichts zu tun“?
Gewiss, das ist nicht leicht in einem Land, in dem im September 2016 in einer Studie des Politfigaro Peter Filzmaier festgehalten wurde, dass sich 40 Prozent der Befragten nach einem „starken Mann“ sehnen, um zehn Prozent mehr als noch im Jahr davor. Das ist nicht leicht in einem Land, in dem der Prozentsatz jener, die nichts gegen ein autoritäres Regime einzuwenden hätten, erheblich über dem EU-Durchschnitt liegt.
Aber wie wäre es, würden möglichst viele Bürger sich zu diesem Jahresbeginn sagen: „Was immer mir sonst nicht passt, ich werde darauf achten, dass nichts und niemand an unserem demokratischen Gefüge rüttelt. Ich werde mich zu Wort und Tat melden, wenn Rechtsstaat und Menschenrechte in Gefahr sind“? Mit dieser inneren Gewissheit, eben diesem ganz persönlichen Maßstab, schwindet die Verunsicherung, mit ihr die Hilflosigkeit und die üble Laune
Das beste Beispiel kam dieser Tage ausgerechnet aus den USA, die viele verständlicherweise mit der Präsidentschaft Donald Trumps auf der schiefen Ebene in ein autoritäres System sehen: Handstreichartig wollten Abgeordnete der Republikaner die unabhängige Ethikkommission zur Kontrolle von Korruption und Unvereinbarkeiten im Kongress entmachten. Mit Briefen, Anrufen, E-Mails an „ihre“ Vertreter im Kongress haben Amerikaner dann innerhalb von 24 Stunden das Vorhaben zu Fall gebracht.
Es war nicht die Twitter-Meldung Donald Trumps, die die Republikaner zur Vernunft brachte. Es war der Massenprotest. Ohne ihn hätte Trump nichts gegen die Absetzung der Ethikwächter gehabt.
Für die einen sind (hoffentlich) Demokratie, Meinungsfreiheit und Humanität die höchsten Werte. Für die anderen könnte es das Ende der Übermacht der politischen Parteien sein.
Ist es wirklich notwendig, dass sich die Parteien 209 Millionen Euro Steuergeld jährlich in die Parteitaschen stopfen? Wie wäre es mit einer nachhaltigen Diskussion darüber, um bei aktuellen Beispielen zu bleiben? Wie wäre es, wenn sich eine breite Bewegung für mehr Sparsamkeit in Gang setzen ließe?
Für wieder andere sind „kleine“ Themen wichtig. Ausschlaggebend ist nicht, wozu man sich entschließt. Jeder Einsatz lohnt sich. Man muss nur seine Priorität festlegen und entscheiden, in welchem Österreich man leben will. Der Rest ergibt sich von selbst. So viel darf man zu Beginn eines wahrscheinlich schwierigen Jahres schon erwarten.
Wer immer das als naiv belächelt, hat wenigstens eines davon: ein Lächeln!
E-Mails an: debatte@diepresse.comZur Autorin:
Anneliese Rohrer
ist Journalistin in Wien: Reality Check http://diepresse. com/blog/rohrer
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2017)