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Mehr als nur ein besseres Handy

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„Wir werden heute Geschichte schreiben“, sagte Apple-Chef Steve Jobs am 9. Jänner 2007. Er sollte nicht zu viel versprechen.APA/AFP/TONY AVELAR
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Vor zehn Jahren begann die Ära der Smartphones. Die tragbaren „Alleskönner“ haben nicht nur die Wirtschaft deutlich verändert, sondern auch die Gesellschaft.

Normalerweise finden technische Revolutionen ja im Stillen statt. So war dem Schotten James Watt die historische Bedeutung seiner Erfindung wohl nicht bewusst, als er 1769 die bereits erfundene Dampfmaschine so weit verbesserte, dass sie in den Jahrzehnten darauf die Industrielle Revolution auslöste. Zumindest sind keine entsprechenden Zitate Watts überliefert. Wie auch nicht von Gottlieb Daimler, der im Jahr 1886 erstmals eine vierrädrige Kutsche motorisierte und somit den Nukleus für jenes Produkt schuf, das im 20. Jahrhundert Milliarden von Menschen eine bis dahin nicht gekannte Mobilität brachte.

Anders war die Situation am 9. Jänner 2007, der sich morgen, Montag, zum zehnten Mal jährt. Auch dieser Tag gilt als Geburtsstunde einer sogenannten disruptiven Technologie – also eines neuen Produkts, dessen Wirkung weit in bestehende wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen hineinreicht. Doch diesmal erfolgte die Revolution mit Ansage. „Wir werden heute Geschichte schreiben“, erklärte der damalige und mittlerweile verstorbene Chef und Gründer des US-Elektronikkonzerns Apple, als er im charakteristischen schwarzen Rollkragen-Pulli die Bühne betrat.

Es hatte zwar auch schon vorher Geräte gegeben, die Mobiltelefon und internetfähigen Mini-Computer miteinander verbanden. Doch die Zeit war erst nun dafür reif, dass Jobs, begnadeter Techniker und Marketinggenie in Personalunion, daraus das Smartphone machte. Nach einem etwas schleppenden Beginn (das erste iPhone zeichnete sich ja noch durch extrem langsamen Internetzugang und ein relativ leicht zersplitterndes Display aus) wurden Smartphones in den Jahren darauf das wichtigste Elektronikprodukt der Welt. Rund 1,5 Milliarden neue Geräte wandern jedes Jahr über die Ladentische. Laut Schätzungen sind weltweit zurzeit 2,6 Milliarden aktive Smartphones im Umlauf – jeder dritte Mensch auf der Welt besitzt also bereits eines. Und dieser Wert dürfte, nachdem die Märkte der Industrienationen bereits gesättigt sind, vor allem aufgrund von Zuwächsen in Schwellen- und Entwicklungsländern in den kommenden Jahren weiter stark ansteigen.


Wachstum. Für die Handy- und Elektronikindustrie brachte das Smartphone Milliardeneinnahmen und eine deutliche Veränderung der wichtigsten Player. Aber wie bei anderen disruptiven Technologien gingen die Auswirkungen weit darüber hinaus. Zwar löste das Smartphone keinen allgemeinen Wachstums- und Produktivitätsboom aus, wie es Auto und Dampfmaschine einst schafften. Zumindest nicht in den Industrienationen. Dazu war die Verbesserung gegenüber den schon zuvor vorhandenen Einzeltechnologien zu gering – und die parallel auftretende große Rezession zu stark.

Anders sieht das Bild allerdings in sogenannten Entwicklungsländern aus, in denen vor dem Smartphone etwa der Zugang zum Internet nur gering verfügbar war. Für diese Länder ergaben Studien, dass ein Anstieg der Smartphone-Besitzer um zehn Personen je hundert das BIP-Wachstum pro Kopf um mehr als einen Prozentpunkt nach oben treibt. Grund dafür ist beispielsweise, dass in vielen Ländern Afrikas Smartphones Millionen Menschen erstmals den Zugang zu einer Bank ermöglichen.

Aber auch in der wirtschaftlich entwickelten Welt machten Smartphones neue Geschäftsmodelle möglich, die in den kommenden Jahren und Jahrzehnten manch traditionelle Branche noch komplett umkrempeln werden. Ein Beispiel dafür ist die Autoindustrie. So gab es in Europa zwar auch schon vor dem Jahr 2007 tragbare Computer, mit denen man auch ins Internet gehen konnte. Doch erst die Einfachheit des Smartphones ermöglichte jene Car-Sharing-Modelle, bei denen das Fahrzeug genau in der Sekunde, in der es auf der Straße gebraucht wird, per Handy gesucht, gebucht und sogar aufgesperrt wird.

Bisher ist diese Sharing-Economy zwar noch ein Minderheitenprogramm. Spätestens wenn selbstfahrende Autos die Sache so vereinfachen, dass nicht mehr der Kunde zum Auto, sondern das Auto zum Kunden kommt, dürfte sich dieses Modell aber vor allem in Großstädten breit durchsetzen, erwarten Experten. So ergab erst jüngst eine Umfrage unter Automanagern, dass 59 Prozent glauben, die Hälfte aller heutigen Autobesitzer werde im Jahr 2025 kein eigenes Auto mehr besitzen wollen.

Noch drastischer sind schon jetzt die Auswirkungen von Smartphones in vielen gesellschaftlichen Belangen spürbar. So werden Ereignisse dank der immer verfügbaren Kamera sofort gefilmt und ins Netz gestellt. Seien es nun Naturkatastrophen, Polizeiübergriffe oder Kriegsverbrechen in Syrien. Statt wie früher erst mit großer Zeitverzögerung bekannt, wird heute alles beinahe zeitgleich mit dem Ereignis bereits weltweit verfügbar und in sozialen Netzwerken diskutiert.

Auch das Sozialverhalten hat sich durch Smartphones massiv geändert. Nicht immer nur zum Guten. So warnen manche Ärzte bereits vor Haltungsschäden, die durch ein zu langes gebücktes Starren auf das Gerät entstehen können. Doch gerade bei der Gesundheit dürften Smartphones wohl die größten Fortschritte bringen. So arbeiten viele Unternehmen von Google abwärts an verschiedensten Gesundheitstechnologien, die Sensoren im oder am Körper über das Smartphone mit Ärzten und Krankenhäusern verknüpfen. Der nicht sofort erkannte Herzinfarkt oder Schlaganfall könnte damit schon in einigen Jahren der Vergangenheit angehören.

In seinen ersten zehn Jahren hat das Smartphone schon viel verändert. Was in Zukunft alles kommen wird, ist großteils ungewiss. Klar ist nur eines: Die Welt wird nie mehr so sein, wie sie vor dem 9. Jänner 2007 gewesen ist. ?

Zahlen

2,6 Milliarden aktive Smartphones sind laut Schätzungen weltweit im Umlauf. Jeder dritte Erdenbürger hat demnach bereits eines in der Hosentasche – Tendenz weiter steigend.

1 Prozent stärker fällt das BIP-Wachstum pro Kopf laut Studien in sog. Entwicklungsländern aus, wenn die Smartphone-Penetration um zehn Personen je hundert ansteigt. Grund dafür ist etwa der verbesserte Zugang zu Bankdienstleistungen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2017)