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Peter Turrini: „Entweder man wird Jammerant oder probiert es mit Humor“

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Peter Turrini über seine Anfänge als Dichter in Kärnten vor fast sechzig Jahren, warum er lieber Stücke als Lyrik schreibt, und was ihn an Filmstar Hedy Lamarr so fasziniert.

Die Presse: Sie werden im reifen Alter zum Filmstar: Ruth Rieser hat ein ausführliches Porträt von Ihnen gemacht, das demnächst in die Kinos kommt. Ist dieser melancholische und doch auch verschmitzte Mann, der sich hier in seiner Kärntner Heimat zeigt, eine Kunstfigur?

Peter Turrini: Es ist doch wurscht, als was man sich verkleidet. Jeder in meinem Alter kämpft mit den Zumutungen des Älterwerdens. Entweder man wird ein Jammerant, oder man probiert es mit dem Humor. Ich übe das Letztere.


Man sieht Sie am Tonhof in Maria Saal, wo Sie vor fast schon sechzig Jahren vom Künstlerehepaar Lampersberg gefördert wurden. Was war für Sie der entscheidende Moment der Begegnung?

Der Lampersberg hat mir das größte Geschenk gemacht, das man einem jungen Menschen machen kann: Er hat einem dicklichen, halb talentierten Dorfbuben das Gefühl gegeben, dass in ihm etwas Wertvolles steckt.


Sie waren ein Teenager, der Gedichte schrieb. Hatten Sie damals Vorbilder, die bereits so alt waren, wie Sie es heute sind?

Tatsächlich schrieb ich damals eine Unmenge von Gedichten, eine pubertäre Ausuferung nach der anderen. Der Lampersberg hat mir geholfen, meine Schwulstlippigkeit zu begrenzen. Was die Vorbilder betrifft, so hatte ich damals vor allem eines: den H. C. Artmann, und der war ungefähr zwanzig Jahre älter als ich. Er hat mir immer Geld geborgt, obwohl er selbst kaum eines hatte, und er war voller fantastischer Ausdenkungen. Lesen Sie heute „How much, Schatzi?“. Das ist Weltliteratur.


Lampersberg wollte Sie als Lyriker fördern. Warum haben Sie sich dann vor allem für das Drama entschieden?

Ich habe immer nur dann Gedichte geschrieben, wenn es mir seelisch sehr schlecht ging, wenn ich mit dem Gesicht an der Wand stand und in den Spiegel schauen musste. Sie werden verstehen, dass ich lieber Stücke schreibe. Da kann man sich hinter seinen Figuren verstecken.


Das Verhältnis zu Thomas Bernhard erweist sich im Film als zwiespältig, so wie in einem Ihrer Dramen. Können Sie trotzdem etwas Freundliches über ihn sagen?

Der Thomas Bernhard konnte im Privaten ein ziemlicher Ungustl sein, aber es gibt Stücke von ihm, die beeindrucken mich sehr. „Der Theatermacher“ ist ein solches.


Sie haben seit „Rozznjogd“ 1971 drei Dutzend Stücke veröffentlicht – Hunderte Charaktere. Welche sind Ihnen noch nah? Welche verfolgen Sie in Ihren Träumen?

Nur solche, die ich gerade beschreibe. Ich lebe mit ihnen, ich träume von ihnen, und manchmal sind sie mir näher als meine reale Verwandtschaft. Wenn das Stück fertig ist, dann trenne ich mich möglichst schnell von meinen Figuren – bis die nächsten Ausgedachten in meinen Kopf einmarschieren.


Was würden Sie einem jungen Dramatiker heute raten? Einsam Stücke zu schreiben? Oder in den Theaterbetrieb zu gehen und direkt von dort aus die Welt verbessern?

Da die Position des Theaterdichters immer mehr infrage gestellt wird, vor allem im deutschsprachigen Raum, würde ich einem jungen Autor empfehlen, sich um einen Platz in der Theaterkantine zu bewerben. Die Schauspieler und die Techniker sind immer hungrig und durstig. Wenn er trotzdem unbedingt dichten will, dann soll er die grassierende Idiotenmethode, ausgerechnet am Theater Romane und Filme nachzuspielen, aussitzen und hoffen, dass auch das vorübergeht. Die Weltverbesserung durch das Theater macht derzeit ohnehin Pause.


Zur Weltveränderung: Ist das Kollektive in unserer Zeit der allgemeinen Ich-AGs nicht ein wenig aus der Mode gekommen?

Vollkommen. Wenn Sie heute Begriffe wie „Solidarität“, „Ausbeutung“ oder gar „Arbeiterklasse“ gebrauchen, dann sind sie nicht nur aus der Mode gekommen, sondern ein alter ranziger Depp. Aber das Schöne an der Mode ist ja, dass sie sich wieder ändern kann.

Ihr neues Stück „Sieben Sekunden Ewigkeit“ handelt von einem Hollywoodstar: Was hat Sie an Hedy Lamarr so fasziniert?

Es war vor allem der Mut dieser Frau, ihre radikale Inanspruchnahme unabhängigen Denkens. Sie brach aus jeder Rolle aus, sehnte sich nach Zugehörigkeit, aber wenn sich die Liebe in Eheträgheit verwandelte, verließ sie ihre Männer. Sie war ein großer Filmstar und machte sich gleichzeitig über das, was man Glamour nennt, lustig. Bei der Premiere ihres Filmes „Ekstase“, in dem sie sieben Sekunden lang nackt über die Leinwand lief und damit einen Skandal auslöste, sagte sie, dass sie und ihre Arschwimmerln jetzt weltberühmt seien. Sie war eine große Erfinderin, sie erfand ein Verfahren, welches zur Handy-Technologie führte. Als sie im Alter von Schönheitsoperationen und Alkoholismus entstellt war, behauptete sie, das Geheimnis der ewigen Jugend entdeckt zu haben.


Eine alte Frau blickt zurück auf ihr Leben. Blicken aber nicht auch Sie dabei zurück?

Das ist bei mir und meinen Stücken schwer auseinanderzuhalten: Wann spricht die Figur, wann spricht der Dichter aus ihr? Vielleicht habe ich mich bei diesem Stück als alte Hedy Lamarr verkleidet, mit Perücke auf dem Kopf und einer Flasche Whiskey in der Hand.


Wann darf man sich Peter Turrini glücklich denken?

Wenn ich das Wort „Ende“ unter ein Stück schreibe und drei Tage später mit dem nächsten anfange. Wenn also die Verkleidung nie und nimmer aufhört.

Kinofilm und Uraufführung

Ruth Riesers Film „Peter Turrini: Rückkehr an meinen Ausgangspunkt“ ist ab 13. Jänner im Top-Kino in Wien zu sehen. Zur Premiere (19 Uhr) gibt es ein Publikumsgespräch mit Autor und Regisseurin.

Am Theater in der Josefstadt wird am 12. Jänner Turrinis neues Stück, „Sieben Sekunden Ewigkeit“, uraufgeführt (19.30 Uhr). Regie führt Stephanie Mohr, Sandra Cervik ist in der Rolle des Hollywoodstars Hedy Lamarr zu sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2017)