215 Millionen Christen wurden weltweit verfolgt, schätzt die Organisation Open Doors. Das gefährlichste Pflaster war Nigeria. Zugleich spitzte sich die Lage in Südostasien zu. Es gab aber auch Lichtblicke.
Wien. Keine Weltreligion zählt mehr Verfolgte als das Christentum. Das blieb auch 2016 so. Ján Figel', seit Mai EU-Sonderbeauftragter für Religionsfreiheit, nennt die Lage „besorgniserregend“. „In Europa dominierte oft falsche Political Correctness“, erklärt Figel' der „Presse“. Das spiele aber nur Populisten in die Hände. Neben Islamphobie und Antisemitismus müssten auch die negativen Tendenzen der „Christianophobie“ benannt werden.
Die Unterdrückung nimmt dabei viele Formen an. Es gibt die Verfolgung von Staats wegen: Kreuze, die in China abmontiert werden, weil Peking gegen die Untergrundkirchen vorgeht; islamistische Regimes, die den Abfall vom Glauben de jure noch immer mit dem Tod bestrafen, wie etwa in Saudiarabien, dem Iran und Sudan. 2016 schreckten zudem Anschläge auf Christen die Weltöffentlichkeit auf, wie im Dezember nahe der Markuskathedrale in Kairo oder im April auf Ostern feiernde Christen in Lahore, Pakistan. Es gab aber auch andere Verbrechen unter dem Radar, wie der Fall einer Familie in Uganda, die ihre konvertierten Verwandten vergiftet haben soll. Und dann sind da noch die subtileren Formen der Unterdrückung: Schikanen auf dem Arbeitsmarkt, soziale Ausgrenzung, familiärer Druck.
Jedes Jahr versucht Open Doors, die weltweite Christenverfolgung in Zahlen zu gießen: Bisher ging die Organisation von 100 Millionen verfolgten Christen aus, eine Zahl, die nun auf 215 Millionen nach oben korrigiert wurde. Wie immer führt Nordkorea den Weltverfolgungsindex an. Enttarnte Christen werden dort in Arbeitslager geworfen oder hingerichtet. Belastbare Zahlen aus der abgeschotteten Diktatur gibt es zwar nicht. Open Doors schätzt aber, dass in Nordkorea 200.000 Christen leben.
Es gibt auch gute Nachrichten: Die Zahl der weltweit wegen ihres Glaubens getöteten Christen ging 2016 deutlich von 7100 auf 1207 zurück. Das liegt vor allem daran, dass die in Nigeria wütende Boko-Haram-Sekte zurückgedrängt wurde. In dem afrikanischen Staat wurden zwar auch 2016 die mit Abstand meisten Christen getötet, nämlich 695, aber weniger als im Jahr davor (4028). Subsahara-Afrika bleibt für Christen aber das gefährlichste Pflaster: In Somalia und Kenia etwa wütet die al-Shabaab-Miliz, die bei Angriffen zwischen Christen von Muslimen trennt. Auch die Zahl der beschädigten oder zerstörten Kirchen ging 2016 zurück, von 2400 auf 1329, wobei fast die Hälfte dieser Angriffe in Pakistan erfolgte.
Religiöser Nationalismus
In Südostasien setzt Christen ein religiös grundierter Nationalismus zu. Fünf der sechs Länder, in denen sich die Lage für Christen 2016 am deutlichsten verschlechtert hat, liegen in der Region: Bangladesch, Laos, Bhutan, Vietnam und Indien, wo die Machtübernahme der hindu-nationalistischen BJP der Verfolgung einen Schub gegeben hat, die wie so oft aber nicht nur auf Christen, sondern auch auf Muslime zielt.
Lichtblicke gab es im Nahen Osten, wo der IS aus christlichen Dörfern vertrieben wurde. Die Christen müssten nun auch „von Diskriminierung, Gewalt, Chaos und Intoleranz befreit werden“, so Sonderbeauftragter Figel'. Sonst besteht weiter die Gefahr, dass das Christentum nach zwei Jahrtausenden aus der Region verschwindet.