High-End-Kopfhörer mit Charakter

Technics
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Praxistest Technics EAH-T700: Der Edel-Kopfhörer lädt zum versinken in die Musik ein und fördert dabei immer neue Details zu Tage.Dass er jedermanns Geschmack trifft, ist damit aber nicht gesagt.

Die wiederauferstandene Traditionsmarke Technics hat sich auch auf dem Kopfhörer-Markt zurückgemeldet. Wie der Rest des aktuellen Sortiments zielt der EAH-T700 auf anspruchsvolle – und betuchte - HiFi-Liebhaber. Die Positionierung im High-End-Segment wird nicht zuletzt durch den Kaufpreis von immerhin 1200 Euro unterstrichen. Da stellt sich schon die Frage, was der T700 dafür bietet.

Auffälligstes Merkmal des Technics-Kopfhörers ist seine Zweiweg-Konstruktion. Neben 50mm durchmessenden Membranen für Bass und mittlere Tonlagen sind auch 14mm Hochtöner in die Ohrmuscheln verbaut. Dieses Konzept ist für eine klareren Wiedergabe der jeweiligen Frequenzbereiche durchaus sinnvoll. Der laut Hersteller damit erreichte Bereich von drei bis 100.000 Hz hingegen ist so weit jenseits des menschlichen Hörvermögens, dass er abseits der Marketing-Abteilungen nur theoretische Bedeutung hat. Wohl auch wegen der zusätzlichen Hochtöner sowie seiner allgemein soliden Ausführung bringt er rund ein halbes Kilogramm auf die Waage. Bedenken, das Gewicht würde den Träger rasch ermüden, werden aber durch die dicke, hochwertige (Kunst)Lederpolsterung an Bügel und Ohrmuschel im Keim erstickt. Auch bei längerem Hören wurde der T700 nie lästig, man versinkt förmlich in den Kopfhörer, ein Gefühl, das auch durch das Klangbild (siehe unten) unterstützt wird.

Der separate Hochtäner spielt die 50mm-Hauptmembran frei für satte Bässe
Der separate Hochtäner spielt die 50mm-Hauptmembran frei für satte Bässe

Das Design ist klassisch. Nicht wirklich originell, aber sehr gefällig. Praktisch: Im Boden der dafür umso stylischeren sechseckigen Verpackung, die den in Tuch gebetteten Kopfhörer beim Öffnen sogar etwas anhebt finden sich gleich zwei Kabel. Diese werden mit Schraubverbindungen am Kopfhörer befestigt und unterscheiden sich in ihrer Länge. Zwar ist der T700 nicht wirklich als mobiler Kopfhörer gedacht, wer mag, hat aber mit dem kürzeren zumindest ein passendes Kabel. Noch mehr werden die meisten Käufer das drei Meter lange Kabel schätzen – so kann er an einer ausgewachsenen HiFi-Anlage am üblichen Hörplatz genutzt werden.

Starker Bass ohne Nebenwirkungen

Wenn man dies tut, beeindruckt als erstes der satte Bass – hier zeigt sich der Vorteil, dass sich die große Membran nicht mit hohen Tönen beschäftigen muss. Dabei ist er zwar mächtig, kommt aber nie in den Verdacht, irgendwie zu dröhnen oder den Rest der Musik zuzudecken, wie es etwa bei so manchen allzu bassbetonten Modellen der Fall ist. Der Rest des Spektrums wird ebenfalls sauber abgebildet, allerdings ohne sofort hervorzustechen. Von nervigen Höhen, wie sie in anderen Tests mitunter beschrieben werden, können nicht bestätigt werden. Im Gegenteil: Im Vergleich mit anderen Premium-Kopfhörern geht vielleicht sogar ein wenig Brillanz ab – was aber andererseits den Technics-Kopfhörer auch akustisch langzeittauglich macht.

Dadurch, dass die Hochtöner nach vorne versetzt platziert sind, will man bei Technics dem Kopfhörer-Effekt, der die Musik scheinbar direkt zwischen die Ohren platziert, entgegenwirken. Das versuchen im wesentlichen alle Hersteller. Beim T700 gelingt das genauso gut oder schlecht, wie bei anderen Kopfhörern mit konventioneller Lautsprecherbestückung. Da mich persönlich das typische „Kopfhörer-Feeling“ nicht stört macht es nichts aus, dass der Trick bei mir nicht hundertprozentig funktioniert. An dieser Stelle sei betont, dass jeder Hörtest sehr subjektiv ist, und dies für Kopfhörer umso mehr gilt, da hier wohl neben persönlichen Vorlieben auch die individuelle Kopfform einen Einfluss auf das akustische Erlebnis hat.

Ein klein wenig Kritik

Mit diesem Hinweis im Hinterkopf das Ergebnis des Hörtests, das durchaus etwas widersprüchlich ist: Nach dem ersten, absolut positiven Eindruck ist doch - wenngleich auf hohem Niveau – ein wenig Kritik angebracht. Zumindest in Teildisziplinen ist er nicht wesentlich besser als Modelle, die deutlich günstiger sind. So beeindruckend der Bass des T700 ist, mit dem Sennheiser Momentum II (ab 340 Euro) konnte etwa die Basslinien von Yellows „The Rhytm Divine“ oder Pink Floyds „Time“ fast genauso gut nachverfolgt werden. Und der vom Frequenzgang her auch nicht zu verachtende DJ-Kopfhörer Sony V700 klingt offener und irgendwie freier als der T700. Überhaupt ist der T700 was Detailauflösung angeht nur eher Mittelmaß - in seiner Klasse wohlgemerkt.

Emotion macht den Unterschied

Ist der T700 also nur ein sehr guter, aber nicht herausragender und daher überteuerter Kopfhörer? Mitnichten. Seine Qualitäten offenbaren sich erst nach und nach. Ohne dass er sich damit in den Vordergrund drängt, enthüllt der Technics-Kopfhörer nämlich beim entspannten Hören so ganz nebenbei auch immer wieder neue Facetten bei altbekannten Musikstücken. Eine Eigenschaft, die an sich schon ein Zeichen höchster Qualität ist.

Was aber noch mehr fasziniert hat, war, wie sehr man in der Musik eintauchen konnte. Die gute Abschirmung der dicken Ohrpolster erklären dieses Phänomen nur zum Teil. Wenn es nicht ein klischeehaftes - und zudem bei passiven Kopfhörern ziemlich sinnfreies - Attribut wäre, würde ich den Klang als „analog“ bezeichnen. Das ist insofern naheliegend, als ähnlich wie bei der Schallplatte der T700 zwar analytisch betrachtet nicht in jeder Disziplin Höchstpunkte erreicht, aber das Klangbild als ganzes doch das gewisse Etwas hat.

In Summe urteile ich im Zweifel für den T700. Ausschlaggebend dafür ist die emotionale Wirkung und der Umstand, dass „kurzes Reinhören“ des öfteren in eine stundenlange Hörsession ausartete, und danach meine durchaus liebgewonnenen Privat-Kopfhörer (die preislich allerdings ein, zwei Stufen unter dem Technics angesiedelt sind) plötzlich zweitklassig erschienen – ob der Unterschied rund 1000 Euro Wert ist, ist eine Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss.

Mit dem T700 ist Technics jedenfalls ein Kopfhörer gelungen, der den Träger in außergewöhnliche Sphären entführt. Allerdings ist der T700 auch ein Gerät mit Charakter, der nicht jeden Geschmack treffen wird. Ein Blick auf die Konkurrenz ist also vor einem eventuellen Kauf besonders anzuraten. Das audiophile Ideal der neutralen, möglichst detailreichen Wiedergabe wird vom etwa gleich teuren Sennheiser HD 800 (oder dem teureren , aber bassstärkeren 800S), der allgemein als Refernzkopfhörer gilt, besser umgesetzt. In Punkto Preis/Leistung könnte etwa der rund 1000 Euro teure Oppo PM2 die Nase knapp vorne haben. Dennoch: Wer prinzipiell bereit ist, einen vierstelligen Betrag für Kopfhörer auszugeben, und genussbetont Musik hören will, der sollte den Technics zumindest mal in die engere Wahl ziehen.


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