Amanshausers Welt: 473 Nepal

Ein Abenteuer­kanal: Miriam und Eva daheim in Kathmandu.
Ein Abenteuer­kanal: Miriam und Eva daheim in Kathmandu.(c) Martin Amanshauser

Kleine Geschichten über große Locations.

Zuerst war da ein Nepal-Stipendium für ihre Geografiedissertation. Jetzt sind Eva Wieners und ihre Tochter Miriam, 6, schon seit viereinhalb Jahren im Land. Die beiden sitzen mir gegenüber in der Pumpernickel Bakery. Miriam malt und redet fröhlich. Eva sagt ihr, dass sie jetzt aber ungestört sprechen will. Es ist eine normale, innige Mutter-Tochter-Beziehung. Nur dass vieles anders ist. Zusammen machen die beiden den YouTube-Kanal „Miriam und Eva unterwegs“ und den Blog „2-unterwegs.de“. Irgendwann hat Eva Wieners aus Münster entschieden, vorläufig in Nepal zu bleiben.

Klar hat sie Gegenwind für ihr Lebenskonzept gespürt – wieso sie egozentrisch mit der Tochter in der Welt herumgondle, wenn diese doch in Deutschland aufwachsen könne? Eva Wieners fasst zur Sicherheit die Argumente zusammen: Miriam spricht jetzt Deutsch, Nepali und Englisch. Sie wächst in der Natur auf, im Dorf nahe Kathmandu. Miriam murmelt Mantras bei der buddhistischen Stupa, weiß, wie sie sich in einem Hindutempel verhält, findet sich im christlichen Gottesdienst zurecht. „Ich musste mir Weltoffenheit erarbeiten“, sagt Eva, „aber Miriam lebt sie.“

Seit vergangenem Jahr unterrichtet Eva ihr Kind selbst, denn die nepalesische Vorschule ist für unsere Begriffe recht autoritär. „Miriam kann inzwischen Mauern aufrichten und Beton mischen, das ist im letzten Jahr wichtiger gewesen als irgendwelche Wörter schreiben.“

Ohne den 25. April 2015 wäre ihr Leben anders verlaufen. Um 11.56 Uhr bebte die Erde um Kathmandu fast sechzig Sekunden lang (Stärke 7,8), Zehntausende Häuser stürzten ein, an die 9000 Menschen starben. Miriam hebt bei diesem Thema den Blick vom Ausmalbuch: „Ich war im Supermarkt bei den Spielsachen. Der Papa ist auf mich drauf. Dann sind wir gelaufen. Eine andere Frau hatte soviel Blut, überall im Gesicht!“

Für Eva Wieners, die gerade am Markt Fisch kaufte, war die Erfahrung ebenso traumatisch: „Man kommt einfach nicht damit klar, wenn die Erde unter einem so stark bebt.“ Den Nachbeben folgte am 12. Mai ein zweites Riesenbeben (7,3). „Natürlich hätten wir da nach Deutschland flüchten können, aber das wollte ich dem Kind nicht vorleben.“ Wieners arbeitete vier Wochen in der lokalen
Erste-Hilfe-Station.

„Wir haben jetzt ein neues Haus“, sagt Miriam. „Wir haben ein neues gebaut“, erklärt Eva, das alte gaben sie wegen
dessen schweren Schäden auf, „eines aus Bambus“ – und sie lacht.

Ort

Mutter-Tochter. Der Autor war Gast von Studiosus Reisen. Pumpernickel Bakery, Paryatan Marg, Kathmandu, Nepal.

Tipp

www.amanshauser.at

Neues Kolumnenbuch: Martin Amanshauser, „Typisch Welt“, Picus Verlag 2016.