Amanshausers Welt: 159 Italien

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Levi macht jüdisches Marketing in Venezia – Nachrichten von einem fröhlichen Ferienjob.

Levi steht blendend gelaunt an seinem Eckplatz auf dem Campo di Ghetto Nuovo und fragt nach Juden. „Sind Sie zufällig Jude?“ Er setzt alles dran, dass ihm kein Jude durch die Lappen geht. Sein Job besteht darin, jüdischen Passanten diverse Materialien über die historische Ghettogegend zu überreichen, er empfiehlt Restaurants und Museen, und wer möchte, erhält auch religiöse Accessoires. „Sind Sie Jude?“, ruft er mir von Weitem zu. „Leider nein“, rufe ich zurück, „und Sie?“

Bei ihm herrscht kein Zweifel. Er trägt orthodoxe Kleidung und einen dichten Bart. „Ich bin Franzose“, erzählt Levi, „ich mache das hier als Praktikum. Mein Vater ist Rabbi in Montpellier, und jetzt bin ich die ersten Tage hier in Venedig – großartige Stadt! Leider kann ich nicht besonders gut Italienisch.“

Das jüdische Ghetto im nördlichen Stadtteil Canareggio ist Namensgeber aller europäi­schen Ghettos. Hier lebte die jüdische Community ab dem 16. Jahrhundert, räumlich beengt, aber in Rechtssicherheit. Nicht zuletzt dank Levi und seinen Freunden ist die Mutter aller Ghettos mittlerweile echte Folklore. Die Schönheit des Ortes hat sich auch in Israel und Amerika herumgesprochen. Die Gebäude um den Hauptplatz sind im Urzustand erhalten, die Synagoge wurde zu einem Museum ausgebaut. „Haben Sie Hunger?“, fragt Levi, „das Gam-Gam am Kanal kocht das beste jüdische Essen.“ Und das Restaurant Balthazar gleich gegen­über? „Ebenfalls koscher, ebenfalls gut, aber ich empfehle das Gam-Gam.“

Im schattigen Garten vom „Le ­Balthazar“ kocht die Minkowitz-Familie. Sie tut das nach den strengen Mehadrin-Richtlinien. Neben ­italienischen Spezialitäten gibt es den Auflauf namens Kugel, Krautsuppe, Matzobälle. Der Seniorchef unterstützt den Juniorchef bei der Gästebetreuung so gründlich, dass sein Eifer fast schon beklemmend wirkt – Papa weiß alles, lebte ja lange in den Vereinigten Staaten, setzt sich bei USA-Besuchern fachsimpelnd gleich an den freien Nebentisch und lehnt sich zu ihnen. „Nein, wir sind nicht das berühmte Balthazar von Manhattan! Aber auch wir haben unsere Qualitäten.“ Papa rückt einfach nicht ab, die Besucher müssen ihn im wahrsten Sinne des Wortes mögen. Sein Sohn, zurückhaltender und etwas blass, wirft einen verzweifelten Blick in seine Richtung.

Drei Stunden später: Die Sonne über dem Campo ist weg , Abend im Ghetto. Am südwestlichen Eck des Campo steht immer noch Levi. Er hat es nicht leicht. „Es geht Sie absolut nichts an, ob ich Jude bin oder nicht!“, zischt ihm ein Tourist zu, „das ist eine private Frage, die muss ich Ihnen nicht beantworten.“ Levi versichert freundlich, er wolle niemandem zu nahe treten – sondern nur Unterstützung geben. Er atmet durch und wendet sich in meine Richtung: „Sind Sie Jude? Ah, wir kennen uns bereits! Waren Sie abendessen im Gam-Gam?“ Nein, im Balthazar. „Das Balthazar ist auch gut, aber ich empfehle immer das Gam-Gam! Es ist das Beste in der Gegend.“




Martin Amanshauser, "Logbuch Welt", 52 Reiseziele, www.amanshauser.at, Bestellinfo: Online oder Fax: 01/514 14-277.


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