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Wettbewerb statt Gießkannenprinzip

Klaus Schuch
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Expertenbericht. Österreich und die Ukraine kooperieren in der Forschung seit Jahren. Dass das Wissenschaftssystem der Ukraine dringend Reformen braucht, stellt nun ein EU-Gutachten fest.

In den Nanowissenschaften und der Chemie ist die ukrainische Forschung stark. Auf diesen Gebieten arbeiten österreichische Forscher mit ukrainischen zusammen. Daneben fördert das Wissenschaftsministerium auch zwei ökologische Forschungsprojekte. Doch was die Exzellenz von Forschung und Wissenschaft in der Ukraine angeht, hat ein Expertenbericht der EU-Kommission nun große Defizite festgestellt.

Der promovierte Wiener Sozialwissenschaftler Klaus Schuch hat daran mitgearbeitet. Schuch ist Direktor des Zentrums für Soziale Innovation in Wien. Er kennt sich gut in der Ukraine aus; denn er betreut seit Jahrzehnten Projekte in Zusammenarbeit von Ukraine und Österreich oder der EU. Mit Hilfe des Berichts für das Horizon-2020-Programm der EU-Kommission soll die Ukraine ihre Politik modernisieren.

Dazu empfehlen die Experten grundlegende Veränderungen im System: Nicht der isolierte Ausbau bestimmter Fachgebiete würde die Ukraine in ihrer Wissenschaft, technologischen Entwicklung und Innovation voranbringen, sondern eine Erhöhung und Veränderung der Forschungsfinanzierung.

 

Daten zeichnen düsteres Bild

Bisher verfügt die Ukraine kaum über wettbewerbsorientierte Wissenschaftsförderung. Geld wird nach dem Gießkannenprinzip an alle 300 Universitäten verteilt. Kriterium ist die Zahl der Studenten. „Das Wissenschaftssystem braucht dringend eine Mischform aus institutioneller Grundfinanzierung und kompetitiver Projektfinanzierung“, meint Schuch. „Dabei sollten 40 Prozent der Mittel im Wettbewerb vergeben werden, 60 Prozent als Grundfinanzierung.“

Auf Grund umfangreicher Daten und nach verschiedenen Besuchen zeichnen die Gutachter ein düsteres Bild. Obwohl es circa 200 öffentliche und 100 private Universitäten unterschiedlicher Größe gibt, existiert kaum innovationsorientierte Forschung. Außerdem fehlt es vielerorts noch an Englischkenntnissen. Eine starke Akademie der Wissenschaften mit einem seit den 1960er-Jahren amtierenden 98-jährigen Vorsitzenden erweist sich aus Sicht der Experten als „reformresistent“. „Abgesehen von wenigen Nischen, in denen sich ,Exzellenz‘ findet, beispielsweise in der Materialphysik und Astrophysik, haben sich Forschung und Relevanz entkoppelt“, so Schuch.

Die Gutachter empfehlen, dass die Regierung zunächst Prioritäten für sozioökonomische Felder setzt, die für die Ukraine aktuell besonders wichtig sind. Erst im Anschluss können konkrete Empfehlungen für Forschungs- und Entwicklungsfelder gegeben werden.

Durch den Konflikt mit Russland ist der wichtigste Wirtschafts- und Wissenschaftspartner abhanden gekommen. Die Schwerindustrie, die Anfang der 1990er-Jahre noch im Bereich der Schwellenländer wettbewerbsfähig war und in Rüstungsprojekten mit russischen Unternehmen kooperierte, hat mit dem Kontaktverbot zu Russland ihren Markt verloren. Wissenschaftsintensive Dienstleistungen existieren kaum. Die Wirtschaft fragt Forschung und Entwicklung seitens der Universitäten wenig nach. Das müsse sich ändern.

Positive Ansätze sehen die Gutachter neben der Rüstungsindustrie in der Lasertechnik, Nanotechnologie, Atomenergie und in der Physik. Gemeinsame Projekte werden vom österreichischen Wissenschaftsministerium durch Erstattung der Mobilitätskosten unterstützt. Noch rangiert Österreich als Forschungspartner für die Ukraine deutlich hinter Deutschland und Polen. „Die Selbstverständlichkeit, mit der Österreich in Südosteuropa als bevorzugter Partner betrachtet wird, muss in der Ukraine erst aufgebaut werden.“

Schuch, der auch EU-Berichterstatter über die Situation in Österreich ist, sieht trotz der grundlegenden Unterschiede im Wissenschaftssystem zwischen Österreich und der Ukraine auch Parallelen.

 

Duell von Forschung und Lehre

Auch in Österreich müsse die Forschung hinter der Lehre zurückstehen. Dafür, dass Österreich mit 3,07 Prozent des Budgets für Forschungs- und Entwicklungsausgaben gemessen am BIP an zweiter Stelle in der EU steht, sei die Positionierung in internationalen Rankings zu schlecht, meint er. „Input und Output entsprechen einander in Österreich nicht“, kritisiert er.

Schuch sieht die Ursache für die im Vergleich zum Forschungsbudget schlechten Resultate in der falschen Verteilung der Forschungsmittel und falscher Strukturen in der Forschungsförderung. Ein Umdenken in Richtung von mehr wettbewerblicher Grundlagenforschung sei notwendig. Nur so komme Österreich zu mehr Exzellenz und Hightech.

IN ZAHLEN

300 Universitäten gibt es in der Ukraine, davon circa 200 öffentliche und 100 Privatuniversitäten.Derzeit fragt die Wirtschaft Forschung und Entwicklung seitens der Universitäten wenig nach.

40 Prozent der Mittel sollen künftig im Wettbewerb vergeben werden, der Rest als Grundfinanzierung, empfehlen Experten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2017)