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„Schmerz ist eine eigene Krankheit“

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Therapie. Forscher der Universität Innsbruck haben ein Opioid-Analgetikum entwickelt, das nicht süchtig macht. Morphin und Co. könnten dadurch künftig für Patienten ungefährlich werden.

Ein Schmerzmittel, hundert Mal stärker als Morphin, aber ohne Nebenwirkungen. Ohne Benommenheit, ohne die Gefahr, abhängig zu werden. Ein Segen für Krebspatienten und von chronischen Schmerzen Geplagte. Was wie eine Utopie klingt, könnte Mariana Spetea und ihren Kollegen am Institut für Pharmazie der Uni Innsbruck gelungen sein. Die Pharmakologen haben in einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt durch chemische Veränderung des Opioid-Analgetikums Morphin eine neue Substanz entwickelt, die ausschließlich das tut, was sie tun soll: den Schmerz ausschalten.

Chronischer Schmerz kann viele Gründe haben und gehört zu den am schwierigsten zu behandelnden Beschwerden. Er ist der häufigste Grund, warum Menschen medizinische Hilfe suchen, und ein riesiger gesundheitsökonomischer Kostenfaktor. Rund 20 Prozent der europäischen Bevölkerung leide an chronischen Schmerzen, deren Behandlung koste insgesamt mehr als die ebenfalls sehr teuren Krebstherapien, so Spetea. Eine große Herausforderung für das Gesundheitssystem, werden wir doch immer älter und damit auch schmerzgeplagter. Er gilt längst nicht mehr nur als Symptom, „der Schmerz ist inzwischen zu einer eigenständigen Krankheit geworden“, sagt die Forscherin.

 

Schmerzen beherrschen

Wir können Schmerzen zwar mit den Substanzen, die uns zur Verfügung stehen, gut beherrschen, allerdings müssen wir dabei immer mehr oder minder starke Nebenwirkungen in Kauf nehmen. Jeder hat schon einmal zu Acetylsalicylsäure (Aspirin) oder Ibuprofen gegriffen. Mit den sogenannten Nichtsteroidalen Antirheumatika werden normalerweise leichte bis mäßige Schmerzen wie etwa Kopfschmerzen behandelt. Sie haben, abgesehen von der Tatsache, dass sie auf Dauer die Magenschleimhaut angreifen, relativ wenige Nebenwirkungen. Dementsprechend aber auch relativ geringe Wirkung, sie stoßen bei starken Schmerzen schnell an ihre Grenzen.

Zu den unerträglichsten Schmerzen zählen Gelenks- und Nervenschmerzen, sogenannte neuropathische Schmerzen, und der Tumorschmerz von Krebspatienten. Sie machen meist schwerere Geschütze notwendig. Opioid-Analgetika sind die stärksten bekannten Substanzen im Kampf gegen den Schmerz. Allen voran deren ältester Vertreter, das Morphin. Auch das schwach wirksame Codein, Tramadol, Fentanyl und die Droge Heroin sind Opioide. Sie wirken unter anderem deshalb so gut, weil sie es an denselben Rezeptoren wie die körpereigenen Endorphine tun. Sie können das Schmerzempfinden eines Menschen zur Gänze ausschalten, etwa während einer Vollnarkose.

Der große Haken daran: Opioide wirken nicht nur schmerzstillend, sondern auch stark euphorisierend. Daraus ergibt sich eine ihrer größten unerwünschten Nebenwirkungen, ihr Suchtpotenzial. „Die Opioid-Analgetika sind die effektivsten Mittel, die uns zur Verfügung stehen, sie haben aber einen hohen Preis“, so Spetea. Als starke Rauschmittel machen sie ab einer gewissen Dosis benommen, schläfrig und abhängig.

 

Toleranz bei langer Einnahme

Da die Substanzen in natürlicher Form im Körper vorkommen, entwickelt dieser außerdem bei längerer Einnahme zunehmend Toleranz. Das bedeutet, die Wirkung der Opioide nimmt mit der Zeit ab, sodass die Dosis weiter gesteigert werden muss, um die schmerzstillende Wirkung aufrechtzuerhalten. Die gefährlichste unerwünschte Wirkung der Opioide – abgesehen von ihrem Suchtpotenzial – ist aber die Unterdrückung der Atmung. Ab einer gewissen Dosis setzt die Atmung vollständig aus, mit der Dosissteigerung ist also irgendwann Schluss.

Mit diesem Problem beschäftigten sich die Forscher in Innsbruck seit mehreren Jahren. Mit Erfolg. Das neu entdeckte Molekül ist chemisch so verändert, dass es nicht ins Gehirn gelangen kann. Da die unerwünschten Wirkungen aber hauptsächlich im Zentralnervensystem entstehen, macht diese Eigenschaft die Substanz zu einem richtigen Wundermittel: Sie wirkt nur außerhalb des Gehirns und hat deshalb so gut wie keine Nebenwirkungen. Atemlähmung und Sucht sind bei dem stärker als Morphin wirkenden neuen Mittel kein Thema mehr.

„Das Potenzial der Substanz ist enorm groß. Die Lebensqualität von Schmerzpatienten könnte dadurch stark verbessert werden“, freut sich Spetea. Bis sie aber als Medikament eingesetzt werden kann, wird es laut der Pharmakologin aber noch mindestens ein Jahrzehnt dauern.

IN ZAHLEN

100 Mal stärker als Morphin soll eine in Innsbruck neu entdeckte Substanz gegen Schmerzen wirken. Gefährliche Nebenwirkungen wie Sucht und Atemlähmung gibt es trotzdem keine.


30 Prozent der Österreicher leiden an chronischen Schmerzen, in den meisten Fällen in der Wirbelsäule oder im Nacken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2017)