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Gereift an warmen Tagen, kühlen Nächten

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(c) REUTERS (HO)

Südinsel. Für den Sauvignon blanc ist Neuseeland bekannt. Und manch eine Flasche landet im heimischen Handel. Hinter dieser Entwicklung steht auch das Werk eines Österreichers, der früh in Nelson auspflanzte.

Feinmaschige, weiße Netze ziehen sich über weite Felder mit unzähligen Rebstöcken, hin und wieder ist der Schuss einer Gaskanone zu hören. In den vergangenen Wochen vor der Weinlese scheuen Neuseelands Winzer keine Kosten und Mühen, gierige Vögel von den Trauben abzuhalten. Monatelang reiften die Reben in der prallen Sonne, im Weingebiet Nelson rechnet man mit einer guten Ernte. Anna Seifried zupft ein hochgerutschtes Netz zurecht, wirft noch einen kurzen Blick auf die vollautomatische Abfüllanlage in der kühlen Lagerhalle und ist zufrieden. Jetzt wird der beliebte Sauvignon blanc Old Coach Road für den Export nach Österreich abgefüllt und in wenigen Wochen in den Regalen eines Diskonters zu finden sein.

Anders als in Europa blickt der Weinbau auf der anderen Seite der Erdkugel auf eine junge Geschichte zurück. Es war ein mutiger Österreicher, Hermann Seifried, der bei Nelson die ersten Rebstöcke pflanzte. Heute liefert er seine Weine in 22 Länder. „Meine fünf Brüder und ich wuchsen auf einem Apfelhof in der Steiermark auf“, plaudert der 69-Jährige aus seiner Kindheit. „Meine Passion war aber schon immer der Wein.“ So übernahm einer seiner Brüder den Obsthof nach dem Tod des Vaters, während Hermann Seifried auf einem Weingut arbeitete. „Der deutsche Manager empfahl mir damals ein Studium, und so kam ich nach Weinsberg bei Stuttgart“, blickt er zurück. „Nach meinem Abschluss verbrachte ich drei Jahre in Südafrika.“ Doch er kam mit der Apartheid nicht zurecht. Durch Zufall bekam er die Visitenkarte eines Neuseeländers in die Hand, der Apfelwein herstellte. Aus den drei Monaten, die er bleiben wollte, wurde dann ein ganzes Leben.

ANTIPODEN-REBEN

Anreise: Unter anderem mit Air New Zealand ab Wien mit Zwischenstopps in London und L.A. nach Auckland oder ab München via Singapur oder Hongkong, Space Seats in der Premium Economy Class, www.airnewzealand.de

Wein verkosten: Erstes Weingut mit österreichischen Wurzeln mitten im beliebten Weingebiet Nelson: Seifried Estate, www.seifried.co.nz.

Einkehren: Ausgezeichnetes Restaurant mit großem Garten und neuseeländisch-indischer Küche neben dem Seifried-Weingut. Petite Fleur, www.petitefleur.co.nz

Info: Tourism New Zealand, www.newzealand.com/de
Tourismusbüro i-Site in Nelson: www.nelsonnz.com

Cellar Doors in Moutere Hills

Rund um Nelson werden zwar nur gut zweieinhalb Prozent des neuseeländischen Weins produziert, dafür lockt die Region mit besonders aromatischen Varianten von Riesling, Grauburgunder oder Gewürztraminer. Natürlich wird auch der Sauvignon blanc angebaut, für den Neuseeland in aller Welt so berühmt ist. 28 sogenannte Cellar Doors existieren in der Region, wo verkostet werden kann (meist gegen eine kleine Gebühr). Einige der Boutique-Weingüter liegen in den Moutere Hills, oft hat man Meerblick im Verkostungsraum. Wie etwa bei Jacqui Pestell, die mit ihrem Mann vor zwölf Jahren die ersten Rebstöcke anpflanzte. Heute schenkt sie bei Kina Cliffs Pinot gris und Pinot noir aus. „Ich wuchs eigentlich auf einer Kiwi-Farm auf“, erzählt die junge Unternehmerin. „Mit dem Weingut haben wir uns jetzt einen Traum erfüllt.“ Die kleine Familie bewirtschaftet drei Hektar und exportiert auch nach Europa. Deutlich größer ist das Familienunternehmen der ehemals österreichischen Seifrieds. 250 Hektar in der Flussebene östlich der Moutere Hills gehören zum Weingut, im Schnitt werden jedes Jahr 150.000 Kartons mit je zwölf Flaschen Wein produziert. Sohn Chris arbeitet als Winzer, Tochter Heidi ist Zahnärztin und Winzerin und geht beiden Professionen nach. Tochter Anna verantwortet das Marketing und reist dafür um die Welt.

Der Grundstein wurde vor genau 40 Jahren gelegt, als Hermann Seifried 1976 den ersten Wein kelterte. „Ich kam im Jänner 1971 nach Nelson und habe mich sofort in die Region verliebt“, erinnert er sich. „Berge zum Skifahren, die Küste vor der Haustür. Und dann lernte ich noch meine Frau, Agnes, kennen.“ Das Klima erschien dem Winzer perfekt für den Weinbau, also kaufte er Land. „Wir waren die Ersten, die auf der Südinsel Wein bauten“, erzählt der Pionier stolz. Das Geheimnis des neuseeländischen Weins ist das Klima mit seinen warmen Tagen und kühlen Nächten, in denen die Trauben ganz langsam reifen. Die Seifried-Weine können Gäste im Verkostungsraum nebenan probieren, im großen Garten des angeschlossenen Restaurants Petite Fleur werden regionale und indische Spezialitäten serviert.

Die Sonne wärmt an diesem neuseeländischen Herbsttag wie in Österreich im Hochsommer, und ein kühler Old Coach Road ist ein guter Begleiter zum Meeresfrüchte-Menü. Rund um den Garten des Restaurants leuchten die weißen Netze über den Reben, in der Ferne ist wieder der laute Knall einer Gaskanone zu hören. Die hungrigen Vögel haben auch vor der 40. Ernte der Seifrieds keine Chance, und schon bald wird der Wein auch in Österreich im Regal stehen.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2017)