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Zypern: Eine Trennungslinie in den Köpfen

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(c) imago/Xinhua (imago stock&people)
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Kämpfe, Putsch, Militärintervention: Warum es so schwer ist, das Misstrauen zwischen den Türken und Griechen auf der Mittelmeerinsel zu überwinden.

Wien. Nicht einmal die persönliche Anwesenheit des neuen UN-Generalsekretär Guterres führte zu einem raschen Ergebnis. Die mit großen Hoffnungen gestarteten Verhandlungen über eine Wiedervereinigung des geteilten Inselstaates Zypern gingen in der Nacht zum Freitag in Genf ohne konkretes Ergebnis zu Ende. Immerhin: Nächste Woche soll auf Expertenebene weiterverhandelt werden.

Der Knackpunkt sind die Sicherheitsbedürfnisse der beiden Bevölkerungsgruppen: Die türkischen Zyprer haben Angst vor der griechischen Bevölkerungsmehrheit. Die Zyprioten wiederum haben Angst vor der Übermacht der Türkei und ihren Besatzungstruppen im Norden.

Das Misstrauen ist groß und weitgehend historisch bedingt. Es reicht zurück ins Osmanische Reich, damals wurden auf der Insel Türken angesiedelt. Im 19. Jahrhundert, als Zypern britische Kolonie war, tat London wenig, um die beiden ethnischen Gruppen zusammenzuführen. Im Gegenteil: Schulen, Verwaltungen und andere Institutionen wurden bewusst voneinander getrennt. Über Jahrzehnte wuchsen die Animositäten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg mischten dann die jeweiligen Regierungen immer mehr mit: Athen förderte die Zyperngriechen, von denen viele eine Enosis, eine Vereinigung mit dem Mutterland, forderten. Die Türkei setzte auf Taksim, eine Teilung, und förderte bewaffnete Organisationen.

Am 16. August 1960 wurde Zypern unabhängig. Auf der Insel lebten etwa 80 Prozent Griechen, 20 Prozent Türken. Die Verfassung sah vor, dass immer ein Zyperngrieche Präsident ist, ein Zyperntürke Vizepräsident; Ämter wurden im Verhältnis 7:3 aufgeteilt. Dennoch fühlte sich jede Seite benachteiligt und wähnte die andere bevorzugt.

Staatschef wurde Erzbischof Makarios III., ein charismatischer Kirchenmann mit wallendem Bart, der vor allem bei den Inselgriechen sehr beliebt war. Doch als er 1963 die Verfassung gegen den Widerstand der türkischen Seite ändern wollte, brach ein monatelanger Bürgerkrieg aus, in dem viele Gräueltaten verübt wurden.

(c) Die Presse

Für die Weltpolitik war dies eine heikle Zeit, denn es drohte ein Krieg zwischen den beiden Nato-Partnern Griechenland und Türkei auszubrechen. Schließlich wurde die UNO eingebunden, die eine Friedensmission aufstellte, die die Trennung der Volksgruppen überwachen sollte. Bis 2002 stellte übrigens Österreich einen bedeutenden Teil der Blauhelme in Zypern.

 

Putsch mit Folgen in Athen

Im Jahr 1967 gab es in Athen ein folgenschweres politisches Ereignis. Das Militär putschte, und fortan regierten nationalistische Generäle, die einen Anschluss Zyperns nur zu gern gesehen hätten. Doch Makarios wollte unabhängig bleiben, und so wurde er zu einer Feindfigur der griechischen Militärs. Also wurde ein Plan entworfen, den Erzbischof zu eliminieren. Am 15. Juli 1974 putschten mit Unterstützung Athens einige Offiziere der zypriotischen Nationalgarde. Makarios entkam knapp, ein Vasall der Junta übernahm die Macht.

Nun war die Stunde der Türkei gekommen. Mit der – berechtigen – Begründung, die türkische Volksgruppe zu schützen, gab der damalige sozialdemokratische Ministerpräsident, Bülent Ecevit, den Befehl zum Einmarsch. Am 20. Juli landeten türkische Truppen an der Nordküste Zyperns und stießen auf wenig Widerstand. Offenbar hatte weder Athen noch London noch die UNO (der Österreicher Kurt Waldheim war damals Chef) damit gerechnet. Fast wäre es damals zu einem Krieg zwischen Griechenland und der Türkei gekommen; die Athener Armeeführung verweigerte letztlich ihre Zustimmung, was bald darauf auch das Ende der Militärregierung bedeuten sollte.

In Zypern rückte die türkische Armee weiter vor. Es kam zu heftigen brutalen Kämpfen. Zu den ersten Opfern zählten übrigens drei österreichische Blauhelme, die bei einem Beschuss durch einen türkische Napalm-Bomber ums Leben kamen. Nach einigen Waffenstillstandsgesprächen stoppten die Türken am 16. August 1974 die Offensive. 6000 Tote hatten die 30 Tage Zypern-Krise gefordert. Ein Drittel der Bevölkerung – sowohl Türken als auch Griechen – war zu Flüchtlingen geworden.

Die Türkei hat 36,4 Prozent der Insel besetzt und die beiden Bevölkerungsteile sind seit damals noch strikter getrennt als je zuvor. Eine schwierige Ausgangslage für die derzeitigen Genfer Gespräche.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2017)