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Peter Turrini herzt und quetscht Hedy Lamarr

PROBE: ´SIEBEN SEKUNDEN EWIGKEIT´
(c) APA/HERBERT NEUBAUER
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Sandra Cervik bestreitet allein und furios die Uraufführung von „Sieben Sekunden Ewigkeit“. Das Stück bietet ein schematisches Bild von Hollywood-Stars, gallige Satire, Zeitgeschichte und etwas ergreifende Poesie.

Geil, was? Das bin ich. Die Einstellung dauert sieben Sekunden. Sie hat mich weltberühmt gemacht. Ich wurde zur schönsten Frau der Welt erklärt, und ein paar Millionen Männer haben auf mich onaniert. Das muss mir erst jemand nachmachen.“ So beginnt „Sieben Sekunden Ewigkeit“, ein Biopic des Hollywood-Stars Hedy Lamarr, von Peter Turrini, seit Donnerstag im Josefstädter Theater zu erleben.

Das Publikum sah zwar zwischendurch auf die Uhr und seufzte leise, spendete aber nach 90 Minuten pausenlosen herzlichen und lang anhaltenden Applaus – vor allem der wackeren Sandra Cervik, die Lamarrs Aufstieg und Niedergang voll Emotionen und konzentriert mit Leben erfüllte.

Stephanie Mohr hat den Monolog inszeniert – mit einer auf den ersten Blick kuriosen, aber letztlich stimmigen Idee: Diese Hedy Lamarr trägt zwar gern Perücken und glitzernde Roben, in Wahrheit aber ist sie eine Wissenschaftlerin. Sie reißt sich den ganzen Tand herunter, verspricht ein Rezept für ewige Jugend und stapft aufgebracht im hässlichen Trikot mit Kopfbinde herum, als wäre ihr gerade ein Experiment misslungen oder etwas explodiert. Diese Figur voller Brüche und Widersprüche ist manchmal ganz witzig, aber auch irgendwie richtig.

 

Das eigene Leben als Experiment

Gemeinsam mit dem Musiker George Antheil entwickelte Lamarr nämlich das Frequenzsprungverfahren, wichtig im Krieg, aber auch in der Mobilfunktechnik heute. Bei Turrini erfindet Lamarr auch Beinprothesen und den Tampon. Ihrer Wirkung auf Männer ist sich die schöne Frau sicher, aber sie möchte vor allem ihrem mächtigen Sextrieb folgen, was mit zunehmendem Alter schwieriger wird. Ihr letzter Gesprächspartner ist ein unsichtbarer Cop, ihm erzählt sie ihr Leben von den Anfängen als Tochter eines Bankdirektors in Wien 1914 über die Ehe mit einem Waffenfabrikanten, ihr Ausreißen nach Amerika, Filmerfolge, Affären, Kinder, Enttäuschungen, Alkoholismus.

„Sieben Sekunden Ewigkeit“ bezieht sich auf den Film „Ekstase“ (1933) mit Lamarr, in dem angeblich der erste weibliche Orgasmus der Filmgeschichte zu sehen ist. Auf der Leinwand in der Josefstadt sieht man allerdings nur die nackte Lamarr durch den Wald laufen, der Ausschnitt wirkt rührend amateurhaft. Der Niedergang großer Stars, speziell weiblicher, ist als Faszinosum ein Evergreen. Es gibt Stücke über Romy Schneider, Hildegard Knef, Marilyn Monroe, Edith Piaf, Zarah Leander. Die meisten widmen sich, genüsslich auf den Voyeurismus des Publikums zielend, den Schwächen der Großen und zerren diese vom Podest. Das gefällt den Männern („armes Mädchen“) wie den Frauen („recht geschieht dem dämonischen Weib“). Der Effekt ist so alt wie verbraucht.

Überzeugender sind Parabeln über das Star-Phänomen, immer noch toll: „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ von Rainer Werner Fassbinder (1982). Zuletzt zeigte der US-Independent-Regisseur Cam Archer 2011 „Shit Year“: Eine Schauspielerin (Ellen Barkin) stürzt nach dem Ende ihrer Karriere in eine Depression, da begegnet sie einem jungen Mann. Der Film zeichnet innere Bilder ihrer Krise. Eine Ausstellung „The Making of“ Hollywood-Stars wäre interessant, eine Darstellung der Gratwanderung zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit oder der Funktion der Filmkonzerne beim Design von Divas. Es gibt immer wieder spannende Kommentare zu diesem Thema, das so prägend für das Leben vieler Frauen war und ist. Turrini allerdings ist dazu nichts Neues eingefallen, nur die typischen Männerfantasien von der unerreichbaren und perfekten Schönheit, sinnlich, illuster, aber auch intellektuell. Dass Lamarr diese Wunschvorstellungen bissig kommentiert, macht das Stück nicht origineller.

 

Der Dichter als exzentrische Diva

Im „Presse“-Interview meinte Turrini: „Vielleicht habe ich mich bei diesem Stück als alte Hedy Lamarr verkleidet, mit Perücke auf dem Kopf und einer Flasche Whiskey in der Hand.“ Genau das ist das Problem, über weite Strecken schaut der Dichter aus der exzentrischen Diva und predigt Bekanntes über Kriege, Holocaust und dass sich heute nichts geändert hat in den Aggressionen, den Vorurteilen, dem Antisemitismus der Menschen. Gegen Schluss des Dramas gibt es dann eine berührende poetische und eine komische Sequenz über Seelenwanderung und Transzendenz. Im Anschluss an die Premiere am Donnerstag wurde Cervik der Titel Kammerschauspielerin verliehen. Sie hat ihn sich mit ihrem maximalen Engagement mehr verdient als manche ihrer Kollegen.

Zwar ist ihr Mann, Herbert Föttinger, Josefstadt-Direktor und bietet ihr viele attraktive Rollen. Bequem hat es sich Cervik aber nie gemacht. Sie hat sich entwickelt, von der tollen Erscheinung mit lyrischem wie komischem Talent zur hochdramatischen Gestalterin, etwa der Kameliendame. Von ihren vielen Rollen begeisterte sie speziell als temperamentvolle Filumena Marturano oder als Süchtige in „Speed“. Cervik-Fans dürfen sich noch auf viele Verwandlungen freuen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2017)