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Was steckt hinter einer Symphonie, einem Violinkonzert?

Im Konzerthaus gibt man Musik von Dmitri Schostakowitsch: Unbefangenes, das verboten wurde, und Verrätseltes, das es zu dechiffrieren gilt.

Bald 200 Jahre alt ist nun die ästhetisch-philosophische Auseinandersetzung über die Frage, ob Musik nichts anderes sein darf als ein selbstgenügsames Spiel der Töne, oder ob dieses „Spiel“ doch immer auch etwas „bedeutet“. Komponisten waren hie und da sogar gezwungen, uns diesbezüglich in die Irre zu leiten.

Dmitri Schostakowitsch zum Beispiel, von dem Musikfreunde demnächst an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zwei Werke im Wiener Konzerthaus erleben können.

Einmal die Vierte Symphonie, jenes Werk, das Schostakowitsch in scheinbarer künstlerischer Freiheit im Gefolge des Siegeszugs seiner „Lady Macbeth von Mzensk“ schrieb. Er musste sie nach der jähen Verdammung der Erfolgsoper durch Stalin vor der Uraufführung zurückziehen.

Die Vierte, das radikalste von Schostakowitschs symphonischen Experimenten, galt den sowjetischen Kulturideologen als Inbegriff des „Formalismus“; das Gegenteil jener leicht fasslichen Klanglichkeit, die sich der Sowjetmensch von seinen Komponisten erwarten durfte.

Jählings wurde Schostakowitsch klar, dass es in einer Diktatur auch für die Fantasie keine Freiheit geben konnte. Nach Stalins Tod wurde die Vierte zwar endlich gespielt und die „Lady“ wieder zugelassen. Doch der Meister war in beständiger Todesangst längst dazu übergegangen, die Bedeutung seiner Musik zu verschlüsseln: Jeder heroische, jeder fröhliche Klang konnte auch Ironie, Zynismus meinen; wer die Geschichte dazu nicht kennt, tappt im Dunkeln.

Und die Furcht vor Verfolgung verbot schöpferischen Köpfen wie Schostakowitsch jahrzehntelang, die Wahrheit auch nur engen Freunden, geschweige denn der Öffentlichkeit anzuvertrauen. Das gilt auch für das für David Oistrach geschriebene Zweite Violinkonzert, das viel Lyrisches enthält und scheinbar positiv und hell endet – ob das wirklich so gemeint ist, bleibt offen.

Vierte Symphonie und Violinkonzert erklingen am 19. bzw. 20. Jänner im Konzerthaus; man kann, man muss weiterhin rätseln, was diese Musik uns wirklich zu sagen hat. Das wirft einen Hörer weit zurück hinter die Position des gebildeten Teilnehmers am bürgerlichen Musikbetrieb. Es bleibt ihm nur der Instinkt – und das Wissen um die Realität des politischen Terrors.

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2017)