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Extremkünstler Pawlenski im Exil

„Durch meine Aktionen zwinge ich die Macht, sich zu zeigen, und richte diese Dokumentation dann gegen sie“, erklärte der russische Aktionskünstler Pjotr Pawlenski. Nun ist er in Paris.
„Durch meine Aktionen zwinge ich die Macht, sich zu zeigen, und richte diese Dokumentation dann gegen sie“, erklärte der russische Aktionskünstler Pjotr Pawlenski. Nun ist er in Paris.(c) Daniel Biskup/laif/picturedesk.com
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Russland. Mit seinen extremen Kunstaktionen provozierte Pjotr Pawlenski die russischen Behörden. Nun wirft man ihm sexuelle Nötigung vor. In Paris sucht er politisches Asyl.

An einem Novembertag 2013 ging Pjotr Pawlenski auf den Roten Platz in Moskau, zog sich nackt aus, nagelte seinen Hodensack am Boden an und blieb so sitzen. Es war der russische „Tag der Polizei“, doch diese wusste trotzdem zunächst nicht, wie sie den Mann abführen sollte, angenagelt, wie er war. An einem Novembertag 2015 setzte Pawlenski eine Tür des russischen Inlandsgeheimdienstes in Brand und wartete in aller Ruhe auf seine Verhaftung.

Immer waren es in den vergangenen Jahren herbstliche Aktionen, in denen der Künstler die Behörden vor- und in die Aporie führte: in denen er „mit den Werkzeugen der Macht“ arbeitete, „um sie gegen die Macht zu richten“, wie er vor einer Woche in einem Interview mit der „Presse“ sagte. Er tat das höchst erfolgreich – die Behörden wussten, dass sie mit jeder Gefängnisstrafe dem Künstler nur noch mehr Aufmerksamkeit und internationale Solidarität verschaffen würden. So erklärt sich wohl auch das milde Urteil gegen die Geheimdiensttür-Aktion – Pawlenski wurde im vergangenen Sommer nur zu einer Geldstrafe verurteilt.

 

Anzeige gegen ihn und seine Frau

Was aber auf Dauer tun mit dem störenden Aktionisten? Haben die Behörden im Herbst 2016 den Spieß umgedreht und aus dem unerwünschten Spieler ihrerseits einen Spielball gemacht? Oder hat sich Pawlenski selbst aus dem Spiel katapultiert, zur Freude der Behörden? Pawlenski ist jedenfalls seit Kurzem in Paris und sucht dort um politisches Asyl an. Der Grund: eine Anzeige wegen „aggressiver Handlungen sexuellen Charakters“ gegen ihn und seine Partnerin. Sie ging am 10. Dezember bei Gericht ein und stammt von einer Moskauer Schauspielerin.

Eine „Denunziantin“, sagt Pawlenski. Sie habe „auf ihr Drängen hin“ einen Abend mit ihm und seiner Partnerin Oksana verbracht, erzählte er zuletzt dem in Deutschland lebenden russischen Kunst- und Medienhistoriker Wladimir Velminski. „Um keine falschen Fantasien zu wecken, ist es nötig zu sagen, dass absolut keine Aggressions- bzw. Gewalthandlungen stattgefunden haben.“

 

Zur Auswahl: Lagerhaft oder Exil

Frauen gezielt auf politische Gegner anzusetzen und diese dann mittels sexuell kompromittierenden Materials aus dem Verkehr zu ziehen, gehört zu den gängigen Methoden des Kreml. Bislang ist allerdings keineswegs erwiesen, dass der Fall Pawlenski diesem Muster folgt. Auffällig ist freilich, dass offenbar auch die russische Polizei den Vorwurf der Nötigung nicht allzu ernst nimmt: Obwohl die Anzeige bereits am 10. Dezember bei Gericht einging, hat es den Anwälten Pawlenskis zufolge bisher keine weiteren Ermittlungen in dieser Richtung gegeben. Auch dass der Künstler und seine Partnerin bereits Tage davor gezielt über die Anzeige informiert wurden, just als sie sich wegen einer Buchvorstellung in Warschau außerhalb von Russland befanden, könnte auf eine politisch motivierte Intrige hindeuten: Unerwünschte Aktivisten stören am wenigsten, wenn sie gleich der Heimat fernbleiben. Pawlenski und seine Frau, die bisher mit zwei Töchtern in Moskau lebten, taten das allerdings zunächst nicht, sondern kehrten nach Russland zurück. Dort seien sie, erzählt der Pawlenski-Vertraute Wladimir Velminski, auf dem Flughafen erwartet, verhört und vor die Wahl gestellt worden: Lagerhaft oder Exil. „Und dann wurden sie plötzlich doch freigelassen, auch das ist ungewöhnlich.“

Pawlenski und seine Partnerin flohen noch im Dezember in die Ukraine, seit Kurzem sind sie in Paris. Dort finden im April die französischen Präsidentschaftswahlen statt. Von deren Ausgang könnte es abhängen, ob das Paar politisches Asyl erhält.

 

DER KÜNSTLER

Pjotr Andrejewitsch Pawlenski, geboren 1984 in Leningrad, studierte Wandmalerei. Seit rund fünf Jahren inszeniert er in immer neuen, stets schockierenden Variationen, die Namen wie „Naht“, „Kadaver“ oder „Fixierung“ tragen, körperliche Selbstbeschädigung als politische Kunst. 2015 goss er Benzin über eine Holztür der russischen Geheimdienstzentrale Ljubanka und ließ sie in Flammen aufgehen. Nach einem halben Jahr in Untersuchungshaft entließ man ihn mit einer Geldstrafe.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2017)