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Sterbehilfe für marode Hotelbetriebe

Jedes vierte Hotel steht laut der ÖHV vor dem Aus. Das schade dem Image der gesamten Branche und drücke die Zimmerpreise.
Jedes vierte Hotel steht laut der ÖHV vor dem Aus. Das schade dem Image der gesamten Branche und drücke die Zimmerpreise.(c) APA/BARBARA GINDL
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Tourismus. Die Österreichische Hoteliervereinigung will den 1250 überschuldeten Hotels des Landes beim Zusperren helfen. Alternative Verwendungsvorschläge hätte sie genug.

Bad Ischl. Für jeden vierten österreichischen Hotelier – etwa 1250 Häuser – ist es „zehn nach zwölf“. So lautet die nüchterne Einschätzung von Michaela Reitterer. „Und wir können die Uhr nicht zurückdrehen“, fügt die Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV) hinzu.

Wenig erbauliche Zahlen waren es, die der Verband bei seinem diesjährigen Kongress in Bad Ischl kredenzte. Gemeinsam mit dem Branchenanalysten Clemens Westreicher präsentierte die ÖHV eine Untersuchung, für die mehr als 3000 Bilanzen der 5000 österreichischen Hotels durchleuchtet wurden. Das Ergebnis: Die Umsätze in der Hotellerie stiegen von 2010 auf 2015 um 27 Prozent. „Blöderweise stiegen die Kosten um 29 Prozent. Das rückt den Nächtigungsrekord ins rechte Licht“, sagt Reitterer.

Während der Schnee das winterliche Bad Ischl in friedliches Weiß hüllt, üben sich die 600 Kongressteilnehmer im Kurhaus seit Sonntag in einer Mischung aus Aufstand und Aufbruch. Sie wollen nicht mehr als ewige Raunzer gelten, die nur reagieren statt zu agieren. „Wir müssen uns politisch viel mehr engagieren“, betonte der Hotelier und Neos-Mandatar Sepp Schellhorn bei der Eröffnung am Sonntag. Für diesen Aufruf gab es Applaus. Zuvor hatte Alt-ÖHV-Präsident Helmut Peter der Politik ironisch scharf für die 70.000 Euro an Mehrausgaben gedankt, die sein Weisses Rössl am Wolfgangsee nach der Umsatzsteuererhöhung von 2016 begleichen müsse. Auch er erhielt Applaus – sogar noch etwas mehr als Schellhorn.

 

„Sie reißen die Preise herunter“

Die von Reitterer und Westreicher am Montag präsentierte Alternative war konkreter als die Forderung nach mehr politischem Engagement. Ihre These: Man muss dem strauchelnden Viertel der Hoteliers ein Ausstiegsszenario bieten. Sonst würden sie laut Reitterer weiter „in ihrer Verzweiflung die Preise runterreißen, die Vermarktung unserer Mitglieder beeinflussen und ganzen Regionen schaden“. Viele hätten bloß noch nicht das Handtuch geworfen, weil sie nach dem Betriebsaus sofort in die Privatinsolvenz schlittern würden.

Den Schlusslichtern in der Analyse bleiben – anders als einem Durchschnittsbetrieb – nach Abschreibungen und Zinsen nicht neun Prozent vom operativen Ergebnis, die sie in neue Investitionen und den Eigenmittelaufbau stecken könnten. Ganz im Gegenteil decken ihre laufenden Erträge lediglich 26 Prozent der früheren Investitionen. Dafür weist dieses Viertel laut Westreichers Analyse Bankverbindlichkeiten von 280 Prozent des Unternehmenswerts auf – 65 Prozent sind hier das Mittel.

Eine Idee, was man mit den frei werdenden Immobilien machen könnte, haben die ÖHV-Vertreter bereits. Die Häuser könnten zu Mitarbeiterwohnungen für die Hotels der Umgebung, Pensionistenheimen oder Wohnungen für Jungfamilien umgebaut werden. Und finanziell könnten dieselben Fördermittel den Ausstieg ermöglichen, die sie bisher am Leben erhielten, ergänzt Reitterer. Die Gespräche mit den Gemeindevertretern und Bürgermeistern Österreichs sollen bald beginnen. Alles muss schnell gehen, betont Reitterers Präsidiumskollege Gregor Hoch: „Das Zeitfenster ist vielleicht noch zwei, drei Jahre offen für Maßnahmen, bevor die Zinsen anziehen und es richtig schwierig wird.“

Man müsse agieren, nicht reagieren, wenn es zu spät ist, bemühte sich auch Reitterer, die Stimmung am Kongress einzufangen. Die Betonung hielt die ÖHV-Präsidentin aber nicht davon ab, zugleich Steuerentlastungen, Deregulierungen und flexiblere Arbeitszeitregelungen für die 75 Prozent der Hotels zu verlangen, denen es gut bis ausgezeichnet geht. Sonst könnten auch sie die steigenden Kosten irgendwann nicht mehr schultern. Sie fügte hinzu: „Ohne Hotellerie ist westlich von Linz zam'geräumt. Da sind dann viele Talschaften leer.“ Das darf wohl als Drohung verstanden werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2017)